Start ins Jahr 2018

Was ist eigentlich noch spannend an der Bundesliga?

Von Michael Horeni, Roland Zorn und Frank Heike
 - 14:48

Nach nur 22 Tagen Winterpause geht es an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga, im ZDF und bei Eurosport) mit dem Spiel der Bayern in Leverkusen weiter. Zuvor beantwortet FAZ.NET die wichtigsten Fragen zum Start ins Fußball-Jahr 2018.

Was ist eigentlich noch spannend an der Bundesliga?

An der Spitze: gar nichts! Und das nun schon seit fünf Jahren. Nach dem Ende der Hinserie beträgt der Vorsprung des FC Bayern diesmal elf Punkte. Das entspricht exakt dem arithmetischen Mittel der bayerischen Überlegenheit in dieser Zeit. 2016 waren es 13 Punkte. 2015 zwölf. 2014 elf. 2013 zehn. Und 2012 neun. Auch wenn ein Klub mal für ein paar Wochen mithalten kann oder die Bayern sogar zeitweilig überflügelt, wie diesmal Dortmund, kommt niemand gegen die Substanz des Rekordmeisters an. Und so machen die Bayern, wie es aussieht, auch das halbe Titeldutzend ganz locker voll. Und ganz nebenbei haben sie sich aktuell mit Sandro Wagner und für den Sommer vermutlich schon mit Leon Goretzka verstärkt – und die Konkurrenz geschwächt.

Der Abstand zwischen Platz eins und Platz zwei (Schalke) ist so groß wie zwischen Rang drei (Dortmund) und Rang 15 (Mainz). Mit anderen Worten: Hinter den Uneinholbaren aus München fehlt trotz des BVB und RB Leipzig in der Liga eine klare Hierarchie mit einer Spitzenmannschaft, die dieser Rolle dauerhaft gerecht wird. Und das nicht erst seit dieser Saison. Die ausgeschiedenen deutschen Teilnehmer der Europa League (Hoffenheim, Hertha, Köln) finden sich auf Rang sieben, zehn und am Tabellenende wieder. Dieses typische Wechselspiel und der ewige Abstiegskampf des HSV sorgen daher seit einigen Jahren für die größte Spannung. Ein Zeichen für Qualität der Liga ist das nicht, im Gegenteil. Viele Mannschaften haben große Schwierigkeiten, das Spiel aktiv und kreativ zu gestalten. Nicht nur die Tabellenplätze, auch die Spielweisen in der Bundesliga sind oft austauschbar geworden. Die spannendste Frage ist daher: Wann ändert sich das endlich? (Michael Horeni)

Steht das letzte halbe Jahr in der Trainerkarriere von Jupp Heynckes bevor?

Jupp Heynckes ist ein Mann mit Grundsätzen und Vorsätzen, an die er sich meistens hält. Der aus dem Ruhestand reaktivierte Fußball-Pädagoge vom Niederrhein neigte deshalb nicht zum Taktieren, als er sein viertes Mandat beim deutschen Dauermeister FC Bayern München mit dem Saisonfinale für beendet erklärte. Heynckes hat seit seinem Dienstbeginn am 9. Oktober die Basistugenden seiner Mannschaft kontinuierlich um ein paar Prozentpunkte verbessert und den Zusammenhalt im Kader ständig verstärkt. Eine Autorität wie er, der die Bayern 2013 zum Triple-Triumph (Meister, DFB-Pokalsieger und Champions-League-Gewinner) führte, kommt an in einem Team, dessen Spieler auf Spitzenniveau gefordert werden wollen. Dass sein Engagement Siege in Serie produziert, ist ein Grund, warum Präsident Uli Hoeneß den Nachfolger von Carlo Ancelotti am liebsten für eine weitere Spielzeit behielte.

Noch aber widersteht der Trainer dem Liebeswerben, das auch damit begründet ist, dass andere für den Meister in Frage kommende Fußball-Lehrer wie Ralph Hasenhüttl (RB Leipzig) oder Niko Kovac (Eintracht Frankfurt) frühestens 2019 zu haben wären. Der vom Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge goutierte Thomas Tuchel scheint im Moment nicht mehr erste Wahl zu sein, weil der „deutsche Guardiola“ als schwieriger Charakter gilt. Der 72 Jahre alte Heynckes dagegen, ein Paradebeispiel für die Leistungsfähigkeit älterer Menschen, besitzt eine zeitlose menschliche Klasse und fachliche Autorität. Mag sein, dass er im Sommer noch nicht auf seinen Bauernhof nahe Mönchengladbach zurückkehrt. (Roland Zorn)

Gehen RB Leipzig allmählich die Kräfte aus?

Die körperlichen vielleicht, die finanziellen nicht. Zumindest in den letzten Wochen des Jahres war zu spüren, wie die ungewohnte Doppelbelastung den Newcomern zusetzte. Die Tempofußballer, die es nach dem Aufstieg 2016 ein Jahr später direkt in die Champions League geschafft hatten, verließen Kraft und Konzentration – und damit verschwanden auch Power und Präzision aus ihrem Spiel. Ob diese Winterpause den Leipzigern reicht, um wieder mit derselben Energie wie zu Saisonbeginn und in der Vorsaison zurückzukehren, ist fraglich. Zwar liegen 27 Tage zwischen dem 2:3 gegen Berlin zum Jahresschluss und dem Spitzenspiel zum Auftakt gegen Schalke, aber für einen Neustart mit ausreichend Regenerations- und Vorbereitungszeit reicht das nicht. Weil die Zeit, um die Spieler wieder zu Kräften kommen zu lassen, knapp ist, hat RB auf ein Trainingslager im Süden verzichtet.

Die Reise hätte zwei Trainingstage gekostet. Das war Trainer Hasenhüttl zu viel. Vor der Herausforderung, Kopf und Körper schnell wieder fit zu machen, stehen alle Klubs. Leipzig mit seiner kraftraubenden Spiel- und Trainingsweise aber vielleicht noch ein bisschen mehr. Das Team müsse in der Rückrunde wieder sein wahres Gesicht zeigen, hatte Sportdirektor Rangnick gefordert. Es spräche daher einiges dafür, dass der Klub die Transferzeit nutzt, um sich auch auf diese Weise zu stärken. Auf dem Markt werde man im Winter, so heißt es bei RB, aber nicht aktiv. Zumindest seine finanzielle Kraft glaubt sich Leipzig noch aufsparen zu können. (Michael Horeni)

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Wechselt Julian Nagelsmann nach der Saison?

Ein Mann, ein Wort: das gilt für Dietmar Hopp, den Mäzen und Mehrheitsgesellschafter der TSG 1899 Hoffenheim. Wenn der Unternehmer und Patriarch des badischen Bundesligaklubs in der Vereinszeitschrift „Spielfeld“ ausführlich zu den Gerüchten um einen womöglich nahenden Wechsel von TSG-Trainer Julian Nagelsmann zu Borussia Dortmund Stellung bezieht und dabei Grenzlinien zieht, sind das Statements, an denen er sich messen lassen will. Hopp feilscht nicht und sagt deshalb eindeutig: „Julian weiß, dass wir darauf bestehen, dass der Vertrag, der im Februar 2016 ursprünglich mit ihm gemacht wurde, erfüllt werden muss.“

Erst vom 1. Juli 2019 an besitzt Nagelsmann in seinem bis 2021 gültigen Vertrag eine von Hopp bestätigte Ausstiegsklausel, die dem Vernehmen nach mit fünf Millionen Euro beziffert ist. Dass der BVB, dessen Verhältnis zu Hopp in der Vergangenheit von einer freundschaftlichen Beziehung weit entfernt war, schon im Sommer 2018 seinen Wunschtrainer Nagelsmann verpflichten kann, erscheint auch vor diesem Hintergrund als unwahrscheinlich. Die Bayern sind Hopp näher als die Borussen, doch die Münchner zeigen derzeit kein dringliches Interesse an einer Nagelsmann-Verpflichtung. Der mit 30 Jahren jüngste Bundesligatrainer, ein Oberbayer, wird beim Blick auf seinen Vertrag und seine exquisiten Arbeitsbedingungen ein weiteres Jahr in Hoffenheim nicht als Karrierebremse ansehen. Es wird ihn noch begehrter für die großen Klubs machen. (Roland Zorn)

Was will Mario Gomez beim VfB Stuttgart?

Heimat, deine Sterne. Nach Christian Gentner und Andreas Beck, die schon 2007 beim Überraschungsgewinn der deutschen Meisterschaft dabei waren, ist auch Mario Gomez zum VfB Stuttgart zurückgekehrt. Die unerschütterliche schwäbische Heimatliebe scheint auch unter den Bundesliga-Profis eine Zurück-zu-den-Wurzeln-Verankerung zu haben. Der 32 Jahre alte Gomez, der den VfL Wolfsburg Ende Dezember als Kapitän verließ, kam gegen eine Ablösezahlung von 3,5 Millionen Euro wieder da an, wo alles begann: auf dem Cannstatter Wasen. Von 2001 bis 2009 erlebte er beim VfB die Jahre der Frühreife bis hin zum Titeltriumph – für den wuchtigen Angreifer „die wahrscheinlich verrückteste Zeit“ seiner langen Laufbahn, die ihn über den FC Bayern München, den AC Florenz, Besiktas Istanbul und den VfL Wolfsburg zurück zum VfB führte.

In Stuttgart möchte der Mann, der in der Hinrunde nur ein Törchen für den VfL schoss, wieder zum Torjäger der alten Schule werden – in einer Mannschaft, die es bisher nur auf 13 Treffer brachte, der zweitschlechteste Bundesligaquote der Saison. Gomez will rechtzeitig zur WM in Russland auch das Comeback in der Nationalmannschaft schaffen. Dafür braucht er Spieler, die ihn und seine Stärken, den Torabschluss mit einem Kontakt, in Szene setzen. Daran ist der Zweitliga-Schützenkönig Simon Terodde, der nun in Köln sein Glück versucht, eine Klasse höher gescheitert. Gomez dürfte der bessere Terodde sein, was er mit 63 Toren in 121 Spielen für den VfB schon nachgewiesen hat. Was war, zählt ab sofort nicht mehr. Was sein wird, dafür umso mehr. Beim Testspiel gegen Enschede traf Gomez am Samstag auf Anhieb. (Roland Zorn)

Steigt der HSV dieses Mal ab?

Neun Siege, sieben Unentschieden, 18 Niederlagen. 34 Punkte: So wenig trauen die renommierten amerikanischen Statistiker der Website „FiveThirtyEight“ dem Hamburger SV zu. Ihr Rechenmodell basiert auf alten Ergebnissen, aktuellen Rankings, Spieldaten und Wahrscheinlichkeiten, tausendfach am Rechner miteinander kombiniert. Glaubt man ihnen, steigt der HSV als Tabellen-Vorletzter ab. Auch der 1. FC Köln geht mit runter, obwohl er noch 17 Punkte holt – den Rückstand aber nicht mehr aufholen kann. Stuttgart landet auf dem Relegationsrang.

Auch ohne die Statistik ist der HSV ein heißer Anwärter auf die zweite Liga. Die verblüffende Aufholjagd der Vorsaison, als die Hamburger in der Rückrunde sechs Heimspiele gewannen und den Volkspark zur Festung machten, basierte auf einer erstaunlichen Mischung aus Kaltschnäuzigkeit und Spielglück. Vier mal 2:1, zweimal 1:0 – knapper ging es nicht, oft fielen die Tore erst kurz vor Schluss. Da der HSV auswärts nichts reißt, müsste die Mission Klassenverbleib über die acht verbleibenden Heimspiele der Rückrunde erfolgen. 15 Punkte hat Trainer Markus Gisdols Mannschaft bisher gesammelt; geschätzte 36 wird sie brauchen, um den Dinosaurier-Status zu wahren – diese Marke wäre durch sieben Heimsiege erreicht. Nur – wer soll die Tore schießen? Hahn formschwach, Wood verletzt, Müller erst im März wieder dabei, Waldschmidt und Schipplock nicht der Rede wert. Bleibt Fiete Arp. Kann ein 17-Jähriger den HSV retten? Um es also kurz und bündig zu beantworten: Ja, der HSV steigt dieses Mal ab. (Frank Heike)

Quelle: F.A.S.
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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Roland Zorn
Sportredakteur.
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