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2:2 in Berlin

Bayern verlieren die Kontrolle und Ribéry

Von Michael Horeni, Berlin
 - 20:13
Bitterer Moment für die Bayern: Sie verlieren Ribéry mit einer schweren Knieverletzung. Bild: AFP, FAZ.NET

Alles schien seinen erwarteten Gang zu nehmen. In der 49. Minute reagierte Robert Lewandowski im Strafraum im Stile eines Torjägers und erzielte die verdiente 2:0-Führung für den FC Bayern. Der Rekordmeister bejubelte den Treffer mit der verhaltenen Routine von Seriensiegern. Das erste Spiel nach einer turbulenten Woche mit der Entlassung von Trainer Carlo Ancelotti als Höhepunkt und Reaktion auf eine bisher enttäuschende Saison schien bei Hertha BSC Berlin genau den Verlauf zu nehmen, den sich die Bayern erhofft hatten. Ein souveräner Sieg, um wieder ein bisschen Ruhe in den Klub zu bringen – und den Abstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund nicht noch weiter wachsen zu lassen.

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Aber dann genügten sechs Minuten, in denen auch unter Interimstrainer Willy Sagnol offensichtlich wurde, was den jahrelangen Herrschern der Bundesliga derzeit fehlt: eine stabile Defensive sowie unbedingter Kampf- und Siegeswille. Und dazu die spielerische Dominanz der vergangenen Jahre. Ondrey Duda (51.) und Salomon Kalou (56.) durchkreuzten mit ihren beiden Toren die Münchner Hoffnungen auf einen erfolgreichen Neuanfang nach der Ancelotti-Zeit. „Wir sind nicht mehr die stärkste Mannschaft in Deutschland“, sagte Sagnol zum eingebüßten bayerischen Alleinvertretungsanspruch. Es war sein Schlusswort auf der Pressekonferenz.

Nun suchen die Bayern nach dem 2:2 bei Hertha BSC Berlin nicht nur einen neuen Trainer, sondern auch Anschluss an Borussia Dortmund. Der BVB hat nach sieben Spieltagen schon fünf Punkte auf den Tabellenzweiten. In Berlin musste nach einer guten Stunde auch noch Franck Ribéry wegen einer Knieverletzung vom Platz – er konnte nicht mehr auftreten und wurde gestützt. Sagnol sprach nach ersten medizinischen Befunden von einem Außenbandanriss im Knie, aber für eine endgültige Diagnose brauche es noch weitere Untersuchungen.

Ohne Cheftrainer hatten die Münchner seit über sechs Jahren nicht mehr in der Bundesliga antreten müssen. Seit Andries Jonker im Frühjahr 2011 die Leitung von Louis van Gaal übernommen hatte, war dem Rekordmeister danach stets ein geordneter Trainerübergang zum Saisonende gelungen. Doch die Frage des Tages, wie Willy Sagnol als Nachfolger des am Donnerstag entlassenen Carlo Ancelotti seine Sache machen würde, spielte in diesen Tagen in München vorab keine allzu große Rolle.

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Die Vereinsführung mit Präsident Uli Hoeneß setzte vor allem darauf, dass die Mannschaft und die mit Ancelotti unzufriedenen Spieler in Berlin nun eine entsprechende Reaktion zeigen würden. Die Reaktion folgte – aber eine andere, als die Bayern sich erhofft hatten.

Die Begegnung in Berlin wurde überlagert von der Frage, ob die Münchner ihre längerfristige Zukunft tatsächlich Thomas Tuchel anvertrauen wollen, was vertraglich nahe läge, nachdem Hoeneß angekündigt hatte, dass schon beim nächsten Heimspiel gegen den SC Freiburg in knapp zwei Wochen ein neuer Cheftrainer die Mannschaft führt – oder ob die Bayern doch eine andere, überraschendere Lösung wie Julian Nagelsmann, Jürgen Klopp oder Lucien Favre präsentieren werden.

Robben, Ribéry, Hummels und Boateng in der Startelf

Weit einfacher war am Sonntag dagegen die sportlich aktuelle Frage zu beantworten, wie die Mannschaft des FC Bayern auf den Rauswurf des Italieners reagierte, der laut Hoeneß die halbe Stammelf gegen sich aufgebracht haben soll. Sie startete engagiert, litt aber auch unter Sagnol an den Schwächen, die in dieser Saison schon ungewohnt oft zu besichtigen waren: Abstimmungsmängel in der Defensivarbeit und zu wenig offensive Dynamik.

Die Aufstellung, die Sagnol nach dem 0:3 gegen Paris St-Germain in Berlin gewählt hatte, war dabei ein starker personeller Kontrapunkt zu Ancelottis heftig umstrittener Startelf vom vergangenen Mittwoch in der Champions League. Mats Hummels, Jerome Boateng, Arjen Robben und Frank Ribéry standen gegen die Hertha allesamt wieder von Beginn an auf dem Platz. Man spürte von Beginn an, dass sie es besser machen wollten. Das gelang in der ersten Halbzeit auch, zumindest teilweise.

Die Bayern waren das überlegene und spielbestimmende Team mit den besseren Torchancen gegen eine abwartende Hertha, die drei Tage zuvor beim 0:1 in Östersund in der Europa League ebenfalls enttäuscht hatte. Vor der Pause kamen die Münchner regelmäßig zu ihren Gelegenheiten durch Müller (6.), Martinez (31.) und Lewandowski (35.) und führten verdient mit 1:0. Hummels hatte schon nach zehn Minuten eine Flanke Boatengs mit einem Kopfball aus rund zehn Metern zur Führung genutzt.

Elfmeter für Hertha nach Video-Blick zurück genommen

Aber auch bei einer Ballbesitzquote von annähernd 70 Prozent und einem Eckball-Verhältnis von 8:1 kontrollierten und dominierten die Bayern das Spiel in der ersten Halbzeit keineswegs lückenlos. Dafür klafften in ihrem Defensivspiel immer wieder zu große Lücken, in die die Berliner gelegentlich, aber noch nicht effektiv hineinstießen. So verzog Vladimir Darida in der 16. Minute den Ball noch freistehend im Strafraum, und beim nächsten Schuss des Tschechen reagierte Bayern-Torwart Sven Ulreich prächtig (33.). In der 17. Minute hatte Schiedsrichter Harms Osmers nach einem Zweikampf zwischen Darida und Martinez zunächst Elfmeter gepfiffen. Aber der Video-Assistent schaltete sich ein, der Unparteiische prüfte daraufhin seine Entscheidung vor dem Monitor und nahm sie unter den Protesten der Berliner Fans zurück.

Nach dem Wechsel, als Lewandowski zur scheinbar beruhigenden 2:0-Führung getroffen hatte, wurden die Bayern von ihren Defiziten überwältigt. Wie aus dem Nichts gelangen Duda und Kalou die beiden Treffer zum am Ende nicht unverdienten 2:2 der Hertha. Nach dem Ausgleich fanden die Bayern nicht mehr zurück in ihr Spiel. Die Angriffsbemühungen blieben Stückwerk. Auch die große Münchner Schlussoffensive blieb aus. Vor ein paar Monaten hatten die Bayern in der sechsten Minuten der Nachspielzeit noch den Ausgleich in Berlin geschafft. Aber diesmal wirkten die Bayern, wie sie in all den Jahren nie wirkten: Sie schienen selbst nicht mehr an den Sieg zu glauben.

Am Ende war das Unentschieden dann sogar fast zu wenig für Hertha-Trainer Pal Dardai. „Man hat gespürt, dass das ein Tag war, an dem man Bayern schlagen kann“, sagte er. Nach nun sieben Spieltagen darf man getrost hinzufügen: Das ist eine Saison, in der man die Bayern schlagen kann.

Quelle: FAZ.NET
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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