Bundesliga-Kommentar

Schwere Fälle von Patienten-Fußball

Von Christian Kamp
 - 10:25

Für Deutschland gibt es eine gute Nachricht. Die Grippewelle, so war am Wochenende vom Robert Koch Institut zu erfahren, der zentralen Regierungsstelle in Gesundheitsfragen, hat ihren Höhepunkt überschritten, Besserung ist also in Sicht. Für Fußball-Deutschland lässt sich das leider nicht sagen. Schon während der Woche, der meteorologisch zweiten des Frühlings, konnte man ein weiteres Beispiel der wiederkehrenden spielerischen Malaise von Borussia Dortmund begutachten, und auch am Wochenende waren viele Begegnungen nicht gerade angetan, die Lebensgeister zu wecken: Vorhersehbar und mitunter auch ein wenig blutleer wurde – zumindest bis zu einem späten Spektakel am Sonntagabend – in den deutschen Stadien gekickt, von Frühlingserwachen kaum eine Spur.

Dass sich mit einer einfallslosen Vorstellung wie der des FC Schalke 04 beim FSV Mainz Rang zwei in der nationalen Rangliste festigen lässt, sagt einiges über die Gesamtkonstitution dieses Organismus: Robust ist anders – anämische Bundesliga möchte man fast sagen, wenngleich die zentrale Fußballregierungsstelle DFL das gewiss für unverantwortliche Panikmache halten würde.

Dass man sich um manchen Standort ernsthaft sorgen muss, ist hingegen nichts, wofür es eine zweite Meinung brauchte. Und das reicht über das fortgesetzte Siechtum des Hamburger SV hinaus, dessen Erscheinung sich von Woche zu Woche verschlimmert und bei dem an diesem Wochenende noch ein Sekundärsymptom des sportlich moribunden Auftretens zu beobachten war: morbide Parolen auf dem Stadiongelände im Volkspark, die in ihrer Geschmacklosigkeit und Grenzüberschreitung ein dringender Fall für den Verhaltenstherapeuten wären.

Bundesliga

In Hamburg gibt es aber auch wirklich gar nichts, was noch Hoffnung machen könnte. Zunehmend beunruhigend allerdings sieht es auch in Wolfsburg aus, wo der auf solche Fällen spezialisierte Doktor Labbadia noch nicht zur Stabilisierung hat beitragen können. Das 0:3 in Hoffenheim legt zugleich die (nicht ganz neue) Vermutung nahe, dass die Ursachen tiefer liegen: in einer nachhaltigen Schwächung des Immunsystems – die womöglich auch auf die Überdosierung eines anderen Wirkstoffs zurückzuführen ist oder zumindest damit korreliert: Geld.

Krankenakten in Hamburg und Wolfsburg

Vor kurzem veröffentlichte die Uefa ihren Finanzreport für das Jahr 2016, und man durfte noch einmal ein wenig darüber staunen, dass der VfL in der Gehaltsrangliste der europäischen Klubs da auf Rang 16 auftauchte – mit 134 Millionen Euro. Diese Zeiten sind zwar auch bei der VW-Tochter inzwischen vorbei, überdurchschnittlich verdienen aber lässt sich in Wolfsburg immer noch. Damit dürfte die Gunst manches Profis erkauft worden sein, der sonst auch anderswo auf einen Karriereschritt hätte spekulieren können. Unerwünschte Nebenwirkung: In der Krise, wenn es nicht läuft wie erhofft, sind die Abwehrkräfte oftmals weit schwerer zu aktivieren als anderswo – insbesondere dann, wenn es an sportlicher Struktur und Führungsstärke mangelt.

So betrachtet, ließe sich in den Krankenakten von Wolfsburg und Hamburg vielleicht sogar nach Parallelen forschen: darüber, warum so ein fußballerischer Virus in manchen Fällen wie eine leichte Sommergrippe vorübergeht, in anderen zumindest gut einzudämmen ist. Und es dann noch jene gibt, in denen er den Patienten mit voller Wucht von den Beinen holt.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp
Sportredakteur.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenWolfsburgVfL WolfsburgHSVHamburgBorussia-DortmundSchalke 04DFL