Eintracht Frankfurt

„Auf jeden Fall so weitermachen“

Von Marc Heinrich, Leipzig
 - 12:57
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An Gesprächsbedarf hat es hinterher nicht gemangelt. Während der Gegner seinen 2:1-Sieg mit den Fans in der Kurve bejubelte, versammelten sich die Spieler der Eintracht im Anstoßkreis und begannen schon auf dem Rasen mit der Aufarbeitung der ersten Auswärtsniederlage der Saison. Obwohl das vorangegangene Duell anstrengend verlaufen war, zeigten die Männer in den Frankfurter Trikots auch nach dem Schlusspfiff noch Einsatz: Sie gestikulierten und diskutierten leidenschaftlich.

Kevin-Prince Boateng brachte in den Katakomben der Arena das Fazit ihrer spontanen Aussprache auf den Punkt: „Wir sind mit dem Druck der Leipziger erst schlecht klargekommen. Doch je länger es dauerte, umso besser hat es funktioniert“, sagte der 30-Jährige, der zudem mutmaßte, „dass wir das 2:2 geschossen hätten, wenn noch fünf Minuten mehr gespielt worden wären.“ Ante Rebic, mit dem sich Boateng zuvor besonders angeregt unterhalten hatte und der mit seinem Treffer (77.) die Chance für ein anfangs schwer vorstellbar gehaltenes Remis eröffnet hatte, klang ähnlich: „Zunächst waren wir ein bisschen zu ängstlich“, sagte der Kroate, der sich als „glücklich“ aufgrund des Tors gegen seinen früheren Verein bezeichnete, doch „eben auch unglücklich wegen des Ergebnisses“.

Niko Kovac, der Trainer der Eintracht, hatte seinen Worten Taten folgen lassen und sich zum Ende der Englischen Woche für eine umfangreiche Rotation entschieden. Es war eine Startformation, die er aufs Feld schickte, die für viele Beobachter gewöhnungsbedürftig aussah: Der Trainer ließ Gacinovic, Rebic, Boateng und Tawatha, die beim Auswärtssieg in Köln noch von Beginn an dabei waren, diesmal auf der Ersatzbank; gar nicht im Kader stand der Mexikaner Carlos Salcedo, mit dessen Arbeitseinstellung der Coach nicht einverstanden ist. Gegen Leipzig bekamen dafür Wolf, Kamada, de Guzman und Willems die Gelegenheit, zu zeigen, dass sie ihre ordentlichen Trainingsleistungen auch im Ernstfall bestätigen können.

Bundesliga

Von Erfolg gekrönt war das Experiment in der Frühphase der Begegnung nicht; die Leipziger schnürten Kovacs Leute fast ohne Unterbrechung ein. Die Frankfurter setzten dem Pressing der Sachsen einen kompakten Abwehrverbund entgegen, der aus zwei Ketten bestand, die es zu überwinden galt, bevor ein Eindringling in den Strafraum vor Lukas Hradecky einen Fuß setzen konnte. Einen Schönheitspreis gibt es für diese Art des Fußballs nicht zu gewinnen, doch der Zweck, so lautete Kovacs Motto, kann die Mittel heiligen. Schon Mitte der ersten Hälfte war er zu personellen Korrekturen gezwungen. Gelson Fernandes musste mit einer Muskelverletzung angeschlagen runter. Für ihn rückte Boateng auf die Sechserposition nach. Ansehnlicher, oder gar besser, wurde die Vorstellung der Eintracht auf die Schnelle nicht. Der als Führungskraft auserkorene „Krieger“, wie ihn Kovac nennt, führte sich denkbar schlecht ein (tat dafür danach aber einiges, um für die Stabilität zu sorgen).

Ein verunglückter Rückpass von Boateng auf den eigenen Torwart leitete jedenfalls die Führung von RB ein; Hradecky musste schnell rausrücken, um die Kugel zwischen Eckfahne und Seitenlinie abzufangen, schaffte es aber nicht, sie energisch genug fortzuschlagen. Beim anschließenden Konter über Sabitzer und Werner tauchte Augustin dann freistehend vor dem sich vergeblich streckenden Eintracht-Keeper auf und vollendete aus zehn Metern (28.). „Ich wollte eigentlich Ruhe reinbringen“, erklärte Boateng die unglücklich ausschauende Aktion, bei der er den Ball halbhoch auf den linken Fuß von Hradecky spielte, der den rechten bevorzugt, wenn es darum geht, hoch und weit zu schießen. Von übermäßiger Durchschlagskraft war der Leipziger Auftritt ansonsten nicht gekennzeichnet. Die Ballbesitzquote von 73 zu 27 Prozent zugunsten von RB verdeutlichte aber, wer bis zur Pause die Marschrichtung angab.

Nach dem Seitenwechsel prüfte Willems mit einem Fernschuss sogleich Schlussmann Gulacsi (47.) – eine Szene, die wie ein Signal wirkte, dass er und seine Kollegen fortan forscher agieren würden. „Dann haben wir Leipzig Paroli geboten“, sagte später Kovac, der es als taktische Marschrichtung verstanden wissen wollte, wie sich das Team bis dahin präsentiert hatte: „Alles andere wäre Harakiri gewesen.“ Als sich abzeichnete, dass die Leipziger ihr Tempo nicht dauerhaft durchhalten würden, legte die Eintracht zu und fand Lücken. Mit Rebic (für den unauffälligen Kamada) und Jovic (für den ausgelaugt wirkenden Haller) entwickelte sie in der Vorwärtsbewegung frischen Schwung. Nach einer Flanke von Willems scheiterte de Guzman in aussichtsreicher Position mit dem Kopf (64.), während die Leipziger bei Werners 2:0 (67.) mehr Effektivität demonstrierten.

Dass die Partie bis zum Schluss spannend blieb, lag an Rebics Einsatzwillen – und fast wäre mehr drin gewesen, wenn Falette nicht an den Pfosten geköpft hätte, von wo aus der Ball erst an den Rücken Gulacsis prallte und dann ins Aus (87.). In seinem Schlusswort empfahl Boateng, nun gegen Stuttgart „auf jeden Fall so weiter zu machen, wie wir hier aufgehört haben“. Selbstkritik kam ihm dabei aber auch über die Lippen: „Eine starke Halbzeit reicht in der Bundesliga nicht.“ Das gilt – über den Samstag hinaus – für ihn wie für die Eintracht gleichermaßen.

Quelle: F.A.S.
Marc Heinrich  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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