Kommentar

Alte Bayern-Helden für neuen Schwung

Von Christian Eichler
 - 11:49

Schon immer fand man beim FC Bayern für alte Helden neue Verwendung. Franz Beckenbauer wurde Präsident, Paul Breitner Markenbotschafter und „Katsche“ Schwarzenbeck Büroartikellieferant an der Säbener Straße. Der Mann hinter der Traditionspflege ist Uli Hoeneß, der seit 1979, als er 27-jährig vom Profi zum Manager wurde, die Linie des deutschen Rekordmeisters bestimmt. Die Klubmitglieder mögen Retro-Personalien. Sie zeigten es, als sie Hoeneß nach verbüßter Haftstrafe vor einem Jahr zurück ins Präsidentenamt wählten. Der 65-Jährige wirkt seitdem verjüngt – vor allem im Vergleich mit den wichtigsten Mitarbeitern, die seit seiner Rückkehr eingestellt wurden.

Auf der Bank des Tabellenführers soll bald neben dem 72-jährigen Jupp Heynckes (und dessen Assistenten Peter Hermann und Hermann Gerland, die zusammen mit ihm auf zweihundert Lebensjahre kommen) der 75-jährige Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt Platz nehmen. Dann wäre der Trainer derselbe wie 1987 und der Mannschaftsarzt derselbe wie 1977. Fachlich scheinen die beiden noch auf der Höhe. Unter Heynckes hat das Team bisher alle Spiele gewonnen. Müller-Wohlfahrt wurde von einigen der prominentesten Bayern-Profis auch nach seiner Ausbootung unter Pep Guardiola privat immer noch konsultiert und betreut weiter das Nationalteam.

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Auch optisch haben die beiden sich über die Jahrzehnte nicht entscheidend verändert – auch wenn die unvermeidlichen Lästermäuler in den sozialen Netzwerken aus der Faltenfreiheit des Bayern-Trainers gar auf Botox-Anwendungen schließen und das wie eh und je bei den Spurts zu verletzten Spielern schwarz wallende Haupthaar des Bayern-Doktors irgendwann etwas von einer Selbstparodie bekam. In der Bilder- und Medienwelt des heutigen Fußballs aber kommt es nun einmal auch auf die Optik an. Egal wie modern man im Handeln ist: Man darf zwar ruhig alt sein, aber keinesfalls alt aussehen. Ein Trainer wie Enzo Bearzot, der Italien 1982 zum WM-Titel führte und dabei wie ein Greis wirkte, obwohl er erst 55 war, jünger als Joachim Löw heute, wäre im Jahr 2017 nicht mehr möglich.

Anderes bleibt dagegen, wie es immer war. Zum Beispiel, dass ein Trainer beim FC Bayern weniger zu bestimmen hat als fast überall sonst im großen Fußball. Er muss sich nicht nur mit Präsident, Vorstandschef und Sportdirektor arrangieren, sondern künftig auch wieder mit dem Doktor. Kein Problem für den alten Heynckes, aber vielleicht für seinen Nachfolger. Mit Müller-Wohlfahrt, der mit seinen Therapien oft über Kreuz mit den Vorstellungen ungeduldiger Übungsleiter lag, war das Leben als Bayern-Trainer nicht immer leicht.

Jürgen Klinsmann, der ihn abservierte, war bald selbst weg und Müller-Wohlfahrt wieder da. Und nachdem Guardiola als erster Trainer den Machtkampf mit dem Arzt 2015 gewann, vermutete Felix Magath, der das Spielchen selbst gut kannte, dass so etwas mit dem damals unpässlichen Hoeneß nicht möglich gewesen wäre. Nun ist Hoeneß zurück, seine ältesten Vertrauten sind es auch – und die Retro-Bayern taugen als demoskopisches Aushängeschild eines Landes, dem allzu viel Verjüngung schon immer suspekt war.

Quelle: F.A.Z.
Christian Eichler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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