München in der Krise

Das wahre Problem der Bayern

Von Christian Eichler, München
 - 10:27
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Die Flugbewegungen des arbeitslosen Fußballlehrers Thomas Tuchel stehen seit vergangenem Donnerstag unter besonderer Beobachtung. Das Foto eines Passanten bei Twitter zeigt ihn eine Treppe am Flughafen Düsseldorf hinaufgehen. Später erhärtet sich der Verdacht, dass der Passagier tatsächlich am Freitag um 14.56 Uhr mit LH 2011 Richtung München abgehoben ist. Die Sensation: Er trägt einen roten Rucksack. Wenn das mal kein Zeichen ist. Immerhin sah man ja im April, beim Ausscheiden der Bayern im Pokal gegen Dortmund, den Rivalen Julian Nagelsmann schon mit einem roten Dufflecoat auf der Tribüne der Münchner Arena. Der Trainerjungstar legte nach: Er habe „sogar ein rotes Auto“. Und während von Tuchel zu lesen war, dass er bereits eine Wohnung in München besitze, hat Nagelsmann erzählt, er baue dort ein Haus.

Das Rennen um den besten Job in Deutschlands Fußball ist also eröffnet. Der beste heißt aber auch: der komplizierteste. Vor allem für die, die eine passende Besetzung für ihn finden müssen. Das scheint erstaunlich, weil Laien ja gern behaupten, mit dem Geld und dem Kader der Bayern könne jeder die Meisterschale holen. Das reicht nur nicht immer. Wie schon Branko Zebec (1970), Udo Lattek (1975), Felix Magath (2006) und Louis van Gaal (2011) ist nun auch Carlo Ancelotti als aktueller deutscher Meister entlassen worden. Allerdings haben die Bayern einen Trainer noch nie so früh in einer Saison gefeuert – und wohl noch nie so spät in der Nacht. Die Entscheidung fiel fünf Stunden nach dem 0:3-Debakel bei Paris St-Germain, gegen 3.30 Uhr früh, wie sich Uli Hoeneß nach der Heimkehr erinnerte.

Der bisherige Rekord für die frühste Entlassung war die von Jupp Heynckes am 8. Oktober 1991, eine Entscheidung, die der heutige Präsident einmal als „größten Fehler“ seiner dreißig Jahre als Bayern-Manager bezeichnete. Wenn man im Frühherbst einen neuen Trainer braucht, sind für gewöhnlich alle erstklassigen Kandidaten in festen Händen. Damals ging die Sache mit dem Berufsanfänger Sören Lerby gehörig schief. Die fünf Monate mit ihm blieben der einzige Trainerjob des Dänen, und die Bayern landeten am Ende auf Platz zehn. Die unübertroffen schlimme Saisonbilanz: 15 Niederlagen.

Trotz dieser Erinnerung hielt Hoeneß nun die Entscheidung in der Pariser Nacht offenbar für alternativlos – weil Ancelotti „fünf wichtige Spieler auf einen Schlag gegen sich aufgebracht hat“. Es geht um die in Paris nicht aufgestellten Stars Mats Hummels, Jerome Boateng, Arjen Robben und Franck Ribéry, dazu den mit dem Trainer schon vorher in Konflikt geratenen Thomas Müller. „Das hätte er niemals durchgehalten“, glaubt Hoeneß. Denn der „schlimmste Feind“, so habe er gelernt, sei „der Feind in deinem Bett“.

Viel zu tun also für den alten Präsidenten Hoeneß, der stets rhetorisch betont, keine operative Rolle im Bayern-Tagesgeschäft zu bekleiden, an Tagen wie diesen, in denen große Entscheidungen anstehen, faktisch aber so präsent und agil wirkt wie der junge Manager Hoeneß. Trainersuche wäre eigentlich ein Job für den Sportdirektor, aber ein Leichtgewicht wie Hasan Salihamidzic, den sich die Bayern-Führung in diesem Sommer nach diversen Absagen als Besetzung für den ein Jahr lang vakanten Posten ausdachte, ist nicht der Mann, dem man die wichtigste Personalentscheidung im Klub zutraut. Nein, Trainersuche ist in letzter Konsequenz immer noch der Job von Uli Hoeneß, dem ewigen Manager – zumal er als Vorsitzender des Aufsichtsrats, dem dieses aus Wirtschaftsbossen besetzte Gremium in allen wichtigen Fragen zu folgen pflegt, ohnehin am Ende den Daumen zu heben oder zu senken hätte über dem Neuen, den ihm offiziell Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge vorschlagen wird.

Hoeneß ist der Mann, der die Spielregeln kennt und das Tempo vorgibt. „Keinen Zeitdruck“ habe man, behauptete er, schuf aber mit der Ankündigung, bis Ende der Länderspielpause in knapp zwei Wochen eine Lösung zu präsentieren, genau das: Zeitdruck. Anders als bei den reibungslos umgesetzten Nachfolgeregelungen für Jupp Heynckes 2013 und Pep Guardiola 2016 hält sich diesmal kein Trainer-Weltstar im Sabbatjahr in Form und frei für eine Verpflichtung, so wie es erst Guardiola, dann Ancelotti taten. Aber immerhin ist Thomas Tuchel auf dem Markt, und Julian Nagelsmann, bis 2021 in Hoffenheim gebunden, schwärmte erst vor ein paar Wochen von seinem Traum, einmal Bayern-Trainer zu sein. Träume sind oft stärker als Verträge. Es ist kein Geheimnis, dass Hoeneß einen jungen, deutschen Trainer bevorzugt. Rummenigge nannte schon vor einem Jahr im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Tuchel „spannend“. Und Nagelsmann einen jener „jungen Trainer in Deutschland, die etwas von der Spielidee Guardiolas haben: weg vom alten Eisen, vom Medizinball, hin zu einer moderneren Trainingslehre“.

Das vordergründige Problem mag mit einem neuen Trainer bald zu lösen sein: das Problem, dass der Bayern-Kader zuletzt unter seinen Möglichkeiten blieb, wie auch am Sonntag beim 2:2 in Berlin. Vor allem, weil nach dem perfektionistischen Guardiola unter dem gemütlichen Ancelotti seit über einem Jahr taktisch nichts mehr voranging und kein Spieler mehr besser wurde. Dieses vordergründige, kurzfristige Ziel mag also flott mit der Ernennung eines jüngeren, moderneren Trainers zu erreichen sein: das Ziel, dass der Kader dann wieder seine Möglichkeiten ausspielt. Das hintergründige, langfristige Problem aber wird man so nicht lösen können: das Problem, dass die Möglichkeiten dieses Kaders vielleicht gar nicht so groß sind, wie man sich immer eingeredet hat. Oder besser: nicht mehr. Der „weltbeste Kader“, von dem man jahrelang sprach, kann schon länger nicht mehr dem Vergleich etwa mit Real Madrid standhalten. Auch gegenüber den Klubs aus Manchester wird es schwierig oder gar gegen die Offensive von PSG.

Vor allem ist es nicht der Kader mit der weltbesten Altersstruktur. Außer Joshua Kimmich gibt es keinen Profi unter 25 mit dem Potential für Weltklasse. Und die Spieler, die Ancelotti zuletzt gegen sich aufbrachte und mit seiner Entlassung besänftigt werden sollen, weil man sie so sehr braucht, sind alle längst in der zweiten Halbzeit ihrer Karriere. Das gilt nicht nur für Müller, Hummels oder Boateng, auch für den immer häufiger verletzten Torwart Neuer und den immer häufiger unzufriedenen Torjäger Robert Lewandowski. Oder sie sind gar schon in der Nachspielzeit, wie Ribéry, der sich in Berlin verletzte und lange ausfällt, und Robben. „Ancelottis Fehler im Sommer war es, Bayerns Kader zu überschätzen“, schrieb die italienische Zeitung „Corriere della Sera“: „Eine Mannschaft mit zu vielen müden Dreißigjährigen, die einst Spitzenspieler waren, aber jetzt nicht mehr den Unterschied machen.“ Auch Hoeneß glaubte Anfang Juli, dass „der Bayern-Kader schon gut genug“ sei. Während die europäische Konkurrenz danach zur bisher größten Transferoffensive der Geschichte ansetzte, holte Bayern nur noch, als Leihe aus Madrid, Ancelottis Wunschspieler James, der bei Real nicht mehr gefragt war. Nun, nach kläglicher Leistung und früher Auswechslung in Paris und der Entlassung seines Mentors, steht James vielleicht auch in München schon auf verlorenem Posten.

Die wichtigere Suche als die nach dem Trainer, der Bayern wieder groß machen soll, ist deshalb die nach den Spielern, die dazu imstande sind. „Die Bayern können auch die glücklichen Spieler holen“, so beklagte noch 2015 Klaus Allofs als Sportchef des damals härtesten Bayern-Konkurrenten VfL Wolfsburg die Ohnmacht der nationalen Konkurrenz auf dem Transfermarkt: „Wenn die Bayern kommen, kann man nichts machen.“ Doch die alte Regel, dass das Beste aus der Bundesliga irgendwann in München landet, gilt nicht mehr durchgängig.

Auch die europäische Konkurrenz grast mittlerweile den Markt der deutschen Talente ab, wie bei Leroy Sané, dem jetzigen Jungstar von Manchester City. Und die nationale Konkurrenz beginnt sich zu wehren – so will Schalke 04 offenbar lieber das eigene Gehaltsgefüge sprengen, als Leon Goretzka, der durch seine Entwicklung zum Führungsspieler perfekt ins bewährte Beuteschema der Bayern passt, kampflos ziehen zu lassen. So kampflos, wie die Bayern Toni Kroos 2014 zu Real ziehen ließen, als ihnen Budget-Überlegungen wichtiger schienen, als den besten deutschen Fußballer in seinen besten Jahren zu halten. Ein weiterer Fehler, der ihnen nun auf die Füße fällt, ist es, Kevin De Bruyne verschmäht zu haben, der 2015 lieber zu den Bayern wollte als zu ManCity, wo er nun brilliert.

Um solche Spieler jetzt noch zu bekommen, sind den Bayern auf dem internationalen Markt die Preise weggelaufen. Das, was Hoeneß und den Bayern am nötigsten fehlt, ist deshalb nicht ein neuer Trainer, sondern eine Idee, wo sie neue Weltklassespieler finden. Nicht nur für die nächste Saison, sondern für das nächste Jahrzehnt.

Quelle: F.A.S.
Christian Eichler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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