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Fußballprofis und Mündigkeit

Klappe halten, Kopf einziehen

Von Michael Ashelm
 - 14:55
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Als Oliver Bierhoff vor viereinhalb Jahren den Posten als Manager der Nationalmannschaft übernahm, machte er sich zusammen mit dem damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann auch darüber Gedanken, wie das neue Gesicht der deutschen Nationalelf auszusehen hätte. Schnell kamen die Verantwortlichen überein, dass gerade die Persönlichkeit der besten Fußballprofis gefördert werden müsste.

Der neue Typus des Nationalspielers sollte öffentlich Kritik üben dürfen, keine Angst vor einer eigenen Meinung haben und sich nicht wegducken, so Bierhoff damals in einem Interview mit dieser Zeitung. „Wir wollen Spieler, die etwas zu sagen haben. Wir brauchen Selbstvertrauen, Lockerheit, Elan“, sagte er im Mai 2005. „Ein Spieler auf dem Platz kann nur wachsen, wenn er auch als Person wächst. Dann kann er im Spiel auf höchstem Niveau mehr Verantwortung übernehmen und bessere Entscheidungen treffen.“

Wie selbstbewusst kann ein Spieler seine Position in der Öffentlichkeit vertreten?

Heute erscheint die Diskussion um den „mündigen Fußballprofi“ aktueller denn je. In dieser Woche bezog Michael Ballack nochmals Stellung zu seinen polarisierenden Äußerungen des vergangenen Monats, die so viel Turbulenzen in Fußball-Deutschland und Ärger bei Bundestrainer Joachim Löw ausgelöst hatten. Michael Ballack im F.A.Z.-Interview: „Frings' Rücktritt wäre schlimm“Der Kapitän der Nationalmannschaft bekräftigte, dass es richtig gewesen sei, in der Öffentlichkeit bewusst kritische Töne angeschlagen zu haben. Um „wachzurütteln“, wie er sich ausdrückte. Fußball-Nationalelf: Ballack verteidigt seine öffentliche Kritik an Löw

Die Debatte geht weiter - und es stellen sich Fragen: Wie selbstbewusst kann ein Spieler seine Position in der Öffentlichkeit vertreten? Was darf er sagen? Wie weit darf er mit seiner Kritik gehen, wenn es die eigene Mannschaft betrifft? Wo ist die Grenze zur Beschädigung erreicht?

Wieses Persiflage auf die neue Verunsicherung

Wie eine Persiflage auf die neue Verunsicherung unter den Fußballprofis wirkte unlängst das mediale Nachspiel des Bremer Torwarts Tim Wiese beim Spiel gegen England in Berlin, wo er das erste Mal für Deutschland zwischen den Pfosten stand. Als Wiese nach seinem guten Einstand vor die Fernsehkamera zum Interview gezogen und zu seinen neuen Chancen befragt wurde, gab er ein beklagenswertes Bild ab, welches gar nichts mehr mit dem eines selbstbewussten Nationalspielers zu tun hatte, wie es Bierhoff versteht. Auf fast jede Frage des Reporters antwortete der Torwart mit Achselzucken: „Müssen Sie den Trainer fragen.“

In den Tagen zuvor hatte Löw nachdrücklich - als Reaktion auf Ballacks Frustkritik - die Nationalspieler auf ihre Pflichten und die Einhaltung eines von ihm vorgegebenen Verhaltenskatalogs hingewiesen. Mit Wieses verbaler Luftblase nach der England-Niederlage ist deutlich geworden, wie Löws Ansage von dem einen oder anderen Spieler anscheinend interpretiert wird. „Man darf ja nichts hier in der Öffentlichkeit sagen, mein Gott“, stammelte der sonst so robuste Torwart Wiese ins Mikrofon des ZDF-Reporters, so dass beim Umschalten ins Studio der schmunzelnde Fußballexperte Oliver Kahn wohl am liebsten den Lächerlichkeitspreis verliehen hätte.

Magath warnt vor Duckmäusertum

So natürlich die Forderung ist, dass eine Mannschaft auch neben dem Platz ein einigermaßen geordnetes oder harmonisches Bild in der Öffentlichkeit abgeben solle, so unnatürlich und unglaubwürdig sind Erwartungen an glattgebügelte Darsteller, die ihre Gefühle und Standpunkte wegpressen sollen. Nicht umsonst ist der Fußball so populär, weil er zum emotionalsten Geschäftszweig der Unterhaltungsbranche gehört.

Doch nicht selten sind Fußballspieler heute Meister übersteigerter Korrektheit und nichtssagender Gleichförmigkeit - aus Angst und Gründen des Selbstschutzes. „Jede Aussage, jeder kleinste Fehler wird doch heute auf die Goldwaage gelegt und so plakativ diskutiert, dass der Eindruck entsteht, man riskiert mit einem falschen Wort seinen Kopf. Es führt dazu, dass sich viele nur noch ängstlich wegducken und scheuen, überhaupt eine Meinung zu vertreten“, sagt Felix Magath. Passives Verhalten würde sich am Ende aufs Spielfeld übertragen, warnt der Trainer des Bundesligaklubs VfL Wolfsburg. „Wir alle versuchen doch schon, die Spieler zu mehr Kommunikation auf dem Platz und zu mehr Persönlichkeit zu bewegen.“ Zu selten mit Erfolg.

Rost beklagt „Gängelung“

In der „Welt am Sonntag“ hatte der Hamburger Torwart Frank Rost zuletzt die „Gängelung“ der Fußballprofis durch Verband und Vereinsverantwortliche bemängelt und auch Ballacks öffentliche Kritik verteidigt, die von Löw wortgewaltig gerügt worden war. Verbandspräsident Zwanziger sprach gar von einem „Imageschaden“ für den deutschen Fußball. „Echte Typen wird es in Zukunft nicht mehr geben - und das ist offenbar auch so gewollt“, sagte Rost in dem Interview. In einem Klima der Restriktionen entwickelten sich selten große Persönlichkeiten, so der kantige Keeper. (siehe auch: Kommunikationsexperte Gersdorff: „Wir brauchen Profis mit Profil“)

Der Sportpsychologe Ulrich Kuhl aus Essen kennt die Problematik gut, er berät seit vielen Jahren neben seiner Tätigkeit als Unternehmensberater auch Spitzensportler und Fußballer. „Kein Spieler wird Führungsqualitäten entwickeln können, wenn er weiß, dass er beim nächsten kleinen Fehler niedergemacht wird.“ Gleichzeitig betont der Sportpsychologe, welche Macht und beschädigende Kraft Worte haben könnten. „Es reicht nicht, dass ein Spieler den Mund aufmacht. Es kommt darauf an, was er sagt. Das ist das entscheidende Qualitätsmerkmal auch bei öffentlicher Kritik. Probleme in einer Mannschaft sollten nicht in der öffentlichen Arena, sondern untereinander nach vernünftigen Regeln gelöst werden“, sagt Kuhl, der nicht glaubt, dass der Fußball in Bezug auf den „mündigen Spieler“ gerade eine Rolle rückwärts vollzieht.

Wer schweigt, erhöht für sich die Chance auf einen Stammplatz

Forsche Attacken, ehrlicher Ärger und Fehltritte gehören zum Fußballspiel dazu. „Gelegentlich hilft es, den Disput wegzulächeln und nicht mit weiteren starken Worten die nächste Reaktion zu provozieren“, so Kuhl. Als der Bremer Spieler Baumann den Zustand der eigenen Mannschaft öffentlich bemängelte, lobte Trainer Schaaf zur Überraschung einiger Beobachter, dass der Kapitän „sich und die Mannschaft in die Pflicht nimmt“.

Die Werder-Familie ist auch in sportlichen Krisenzeiten anscheinend nicht so schnell auseinanderzubringen. Vielleicht liegt es an ihrer Streitkultur. Ansonsten ist im Fußball weiterhin die alte Weisheit noch anwendbar: Wer schweigt, erhöht für sich die Chance auf einen Stammplatz. Und natürlich umgekehrt. Sascha Rösler, im Spielerrat der Fußballer-Gewerkschaft und derzeit vertraglich an Borussia Mönchengladbach gebunden, kennt den Mechanismus aus seinen 13 Jahren als Profi, an dem sich nicht so viel geändert hat. „Wer sich im falschen Moment zu weit herauswagt, kriegt als Erster auf die Fresse.“

Quelle: F.A.S.
Michael Ashelm
Redakteur in der Wirtschaft.
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