Bundesliga-Rückrunde

Es geht wieder um alles für den HSV

Von Frank Heike, Hamburg
 - 08:52

Am Samstagnachmittag kommt es in Augsburg zum Treffen alter Bekannter. Sollte er gesund bleiben, wird Michael Gregoritsch auflaufen, jener 23 Jahre alte Österreicher, den der Hamburger SV nicht mehr haben wollte – weil Trainer Markus Gisdol dessen defensive Mitarbeit missfiel und er zudem meinte, dank Zugang André Hahn genug treffsichere und laufstarke Stürmer in der Mannschaft zu haben. Ein klarer Fall von Fehleinschätzung, wie sich zeigte.

Wie so oft in den vergangenen Jahren vollzog ein Fußballprofi einen unerwarteten Qualitätssprung, kaum dass er die Hansestadt verlassen hatte. Zehn Tore und fünf Vorlagen waren Gregoritsch in zwei Hamburger Jahren gelungen; wichtige Treffer waren dabei und schöne – aber so richtig an ihn geglaubt haben weder Bruno Labbadia noch Markus Gisdol. Deshalb ließ ihn der HSV für fünf Millionen Euro Ablöse zum FC Augsburg ziehen – obwohl er gern geblieben wäre, beliebt war und auch nicht übermäßig viel verdiente. Im Süden spielt Gregoritsch nun groß auf: 16 Spiele, acht Tore, fünf Vorlagen.

Es kommt immer wieder vor, dass sich Profis an einem Standort vergeblich mühen, am nächsten aber blühen. Das ist kein reines Hamburger Phänomen. Den abstiegsgefährdeten HSV mit seinen mickrigen 15 Treffern schmerzt es aber besonders, dass die teuren Profis Hahn und Bobby Wood nicht in Form kommen, während Gregoritschs Tore neben Alfred Finnbogasons Geistesblitzen den Augsburgern ein entspanntes Auskommen auf Platz neun gesichert haben. Insofern wäre es ein klassisches „ausgerechnet“, sollte der stets gutgelaunte Gregoritsch am Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) zum Rückrundenstart gegen den HSV treffen.

Im Trainingslager in Jerez sind die Hamburger Sinne für eine schwere Rückrunde geschärft worden. Mehr Bereitschaft, mehr Galligkeit hat Gisdol dort gesehen und gelobt. Tugenden, die dem HSV in der zweiten Hälfte der Saison 2016/17 zu sechs Heimsiegen verhalfen und den Klassenverbleib sicherten. In der Hinrunde hat Gisdol dagegen die „Entschlossenheit“ vor dem Tor gefehlt. Zu oft gab es Quer- oder Rückpässe statt mutiger Abschlüsse. Aber auch schon vorher haperte es im Spielaufbau: Mit nur 72 Prozent angekommener Bälle präsentiert seine Mannschaft das ligaweit schlechteste Pass-Spiel.

All das soll sich schon in Augsburg und danach gegen Köln, in Leipzig und gegen Hannover verbessern. Vier Spiele, die der Schlüssel zur Hamburger Rückrunde sein werden. Denn macht das Team, eingelullt von der Erwartung, bald zu punkten, so weiter, wie sie sich zum Ende der Rückrunde gezeigt hatten (aus den erhofften sieben Punkten in vier Spielen wurden zwei), wird im Mai der erste Abstieg aus der Bundesliga stehen. Ende des vergangenen Jahres erweckten die Verantwortlichen um Chef Heribert Bruchhagen den Eindruck, als seien sie so gewohnt im Umgang mit Krisen, dass sie dem schleichenden Niedergang tatenlos zusahen. Immerhin hat Sportchef Jens Todt die Lage inzwischen als „brandgefährlich“ bezeichnet. Tabellenplatz 17, dazu Verbindlichkeiten in Höhe von 105 Millionen Euro: Es geht mal wieder um alles.

Da wäre es hilfreich, hätte die Mannschaft die dringend benötigten Verstärkungen bekommen – am besten vom Kaliber eines Kyriakos Papadopoulos. Der Grieche machte vor einem Jahr zusammen mit dem zweiten Winterzugang Mergim Mavraj als perfekte Soforthilfe die Schotten dicht. Doch so etwas klappt nicht alle Jahre wieder. „Wer bekommt schon Verstärkungen im Winter?“, hatte Bruchhagen gefragt. Mehr Torgefahr aus dem Mittelfeld, mehr Stabilität im Mittelfeld: das wünscht sich Gisdol. Für Letztere sollte ab Januar 2017 Walace sorgen. Für 9,2 Millionen Euro aus Brasilien geholt, gab der Abräumer zumindest anfangs etwas Halt – spielte dann aber nur noch eine kleine Rolle. Selbst diese hat er jetzt aufgegeben. Weil er zu spät ins Trainingslager reiste, zudem muntere Bilder aus Südamerika im Netz auftauchten, will der HSV ihn loswerden. Das ist auch die Absicht Walaces und seines Beraters. Es soll drei brasilianische Interessenten geben, deren Angebot sich nun konkretisieren könnte.

Mit etwas Geld in der Tasche und viel Verhandlungsgeschick müsste es dann Jens Todt gelingen, Dominik Kaiser von RB Leipzig loszueisen. Ob das gelingt? Die Signale aus Leipzig deuten bisher nicht darauf hin. Der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler wechselte 2012 aus Hoffenheim nach Leipzig; Gisdol, der ehemalige Hoffenheimer, kennt ihn also. Und wenn man schaut, wen die Konkurrenten Wolfsburg, Stuttgart und vor allem Mainz in der Winterpause geholt haben, wird die Leihe oder der Kauf Kaisers zur Notwendigkeit. Denn beim HSV werden sie vor dieser so bedeutsamen Rückrunde das Gefühl nicht los, dass sich fast alle Konkurrenten im Kampf um den Abstieg verstärkt haben. Nur man selbst hat es nicht getan.

Quelle: F.A.Z.
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