Trainer-Altmeister

Heynckes’ riskante Rückkehr ins alte Leben

Von Christian Eichler, München
 - 11:12
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Zlatan Ibrahimovic sagte einmal: „Ich wurde alt geboren. Ich werde jung sterben.“ Dabei ist es leider wohl auch im Fußball biologisch immer noch unmöglich, nicht jeden Tag älter zu werden. Vor allem gilt das für Trainer, speziell jene, die das Vergnügen hatten, mit „Ibra“ zu arbeiten. Aber zumindest im Denken und Handeln lässt sich die biologische Uhr manchmal umdrehen. Jupp Heynckes zum Beispiel wirkte als Trainer schon sehr jung sehr alt. Er schien zu erregbar, zu unfähig, auch einmal locker zu lassen im täglichen Umgang mit jungen Kerlen, die ihn wegen seiner sichtbaren Reizbarkeit „Osram“ tauften.

Manager Rudi Assauer entließ ihn in Schalke mit den Worten aufs vermutete Altenteil, er sei „ein Fußballer der alten Schule, aber wir haben 2004“. Da war Heynckes Ende fünfzig. Mit Ende sechzig erfand er den besten, den attraktivsten, den modernsten Fußball Europas. Das Erstaunlichste am „Triple“ der Bayern 2013 war die neue, späte Lockerheit des alten Jupp im Umgang mit den nervösen Zuckungen der Branche. Und es war die Jugendlichkeit des Fußballs, den seine Mannschaft spielte – jene Art Fußball, die er gelernt hatte, als er jung war, bei der legendären Borussia aus seiner Heimatstadt Mönchengladbach in den siebziger Jahren.

Fast alle anderen Altmeister standen bei ihren späten Triumphen für eher zähen als zauberhaften Fußball: wie Enzo Bearzot als Weltmeister 1982 mit Italien, Raymond Goethals als erster Champions-League-Sieger 1993 mit Olympique Marseille oder Otto Rehhagel als Europameister 2004 mit Griechenland. Die Heynckes-Bayern 2013 aber spielten berauschenden Angriffsfußball. Kann er das wiederholen? Und mit 72, viereinhalb Jahre aus dem Geschäft, ein letztes Mal die Fußball-Biologie besiegen? Zweifel sind angebracht. Nicht nur er, auch das Team von 2013 ist in die Jahre gekommen. Und es gibt zu viele Beispiele für große Trainer, die es zu lange probiert haben, so lange, bis sie auf schmerzliche Weise von der Entwicklung des Spiels überholt wurden.

Bundesliga
Heynckes will Erfolg zurück zum FC Bayern bringen
© AFP, reuters

Neben Fred Schulz, der mit 74 Jahren eher versehentlich zum Altersrekordler auf den Trainerbänken der Bundesliga wurde (Werder Bremen brauchte nach der Entlassung von Hans Tilkowski für das erste Halbjahr 1978 einen Mann mit Trainerlizenz, Ligaobmann Schulz hatte eine), war nur Rehhagel bei seiner letzten Zugabe noch älter als Heynckes, und er tat sich keinen Gefallen damit. Mit Sprüchen aus den alten Zeiten der Autokraten auf der Bank („Ab Montag bin ich das Gesetz, und alle hören auf mein Kommando“) trat er 2012 an, seine alte Hertha zu retten, was misslang. Am Ende einer der größten deutschen Trainerkarrieren standen ein Abstieg und viel Häme.

Giovanni Trapattoni, einer der erfolgreichsten Klubtrainer der Geschichte, ließ sich mit 66 noch einmal vom VfB Stuttgart verpflichten – und nach sieben Monaten entlassen. Und machte, im gemütlicheren Job des Nationaltrainers, in Irland so lange weiter, bis ihn auch dort keiner mehr wollte. Erst mit 74 war Schluss. Klüger war Huub Stevens, der Stuttgart zweimal kurzfristig vor dem Abstieg rettete, dann aber, auch in Hoffenheim als Retter verpflichtet, dort das Handtuch warf, aus gesundheitlichen Gründen. Er nannte es das Ende seiner Karriere, mit 62.

Auch Hans Meyer wusste, wann es reicht. Er rettete den 1. FC Nürnberg, den er auf dem letzten Platz übernommen hatte, vor dem Abstieg und führte ihn 2007 mit Pokalsieg und Ligaplatz sechs auf den Gipfel der jüngeren Klubgeschichte – um sieben Monate später entlassen zu werden, mit 65. Es folgte ein letztes Intermezzo in Mönchengladbach, wo er den Klassenverbleib schaffte, ehe er endgültig genug hatte. Jenseits der sechzig, lernen die, die es probierten, ist man irgendwann zu alt als Versuchskaninchen im Personallabor der Bundesliga, in diesem ewigen Versuch-und-Irrtum-Kreislauf von austauschbaren Trainern.

Keinem aber, der aus dem Ruhestand kam, wurde je so sehr von allen Seiten der rote Teppich ausgerollt wie nun Jupp Heynckes. Gibt es im immer jüngeren Fußball des 21. Jahrhunderts doch eine Nische für die Alten? Da ist wohl Nostalgie im Spiel, eine stille Sehnsucht im Fußballvolk nach Männern mit Kante und Charisma. Heynckes, der nie einen Vertrag brach, verkörpert jenen altmodischen, gutbürgerlichen Anstand, der dem modernen Fußball, diesem ungezogenen Kind des Finanzmarktes, in seiner wachsenden Gier immer mehr abhandengekommen ist.

Menschlich also dürfte seine Rückkehr ein Erfolg sein. Aber auch sportlich? Immerhin hat Heynckes schon einmal die Statistik besiegt, die sagt: Das Alter ist kein Rezept für Erfolg. Seit den Kindertagen der Bundesliga, als „Fischken“ Multhaup mit 61 Meister mit Bremen wurde, holte keiner über sechzig den Titel – bis das Heynckes in der Triple-Saison mit 68 gelang. Danach schlug er alle Angebote aus, auch das von Real Madrid, wo man ihn 1998 als Champions-League-Sieger entlassen hatte, auch das von Anschi Machatschkala, wo der russische Milliardär Suleiman Kerimow ihn mit 20 Millionen Euro pro Jahr zum reichsten Trainer der Welt machen wollte.

Nur für den FC Bayern wollte er sein Bauernhof-Idyll am Niederrhein aufgeben, „für keinen anderen Verein der Welt“. Schon beim Gang in den Ruhestand hatte er ein halbes Jahrhundert im Profifußball hinter sich. Nun, mit dem Bundesliga-Spiel gegen Freiburg an diesem Samstag (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) kehrt er in sein altes Leben zurück, um zu sehen, ob er noch jung genug dafür ist.

Quelle: F.A.S.
Christian Eichler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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