Fußball
Videobeweis im Fußball

Zeigt das Video im Stadion!

Von Anno Hecker
© Picture-Alliance, F.A.Z.

Im Fußballstadion gibt es vieles gleich mehrmals. Im Dortmunder zumindest, wenn die Bayern mal wieder aufkreuzen wie am Samstag zum Supercup: Nicht nur 80.000 Fans, davon gefühlt 79.999 als gelbe Loyalitätsdemonstration für die Borussia, sondern scheinbar auch fast so viele Schiedsrichter, Trainer, Spieler – und Reporter. Einige sitzen einem im Nacken. Wie sie mitgehen, aufspringen, sich wieder fallen lassen in die gelben Sitzschalen und dabei munter das Geschehen kommentieren, recht exklusiv, jedenfalls einzigartig – und nicht gebührenpflichtig: „Der Pass war klasse, meine Spezialität früher.“ Sekundenpause. „Mensch, der muss doch raus, der Junge da, wie heißt der noch? Ja, Zagadou.“ Zweite Sekundenpause. „Nee, nee, kein Tor, das war doch Abseits, Abseits!“ Luft geholt: „Schiriiii!“

Wie schön, dass es den Videobeweis gibt. Oder geben soll. Am Samstag hätte er vielleicht eine Abschaltfunktion erfüllt, als sich die Beschallung im Rücken dem Siedepunkt näherte. Der Videobeweis soll ja nicht nur klären, ob die diesmal gelb gefärbte Abseitserkenntnis auf den Rängen beim Pass von Bayerns Rudy auf den Kollegen Kimmich richtig war. Ob Rote Karten berechtigt sind wie Elfmeterentscheidungen. Nein, so ein Videobeweis hätte auch ein Befriedungspotential. Wenn er denn für alle kommt. Er kam, war aber nicht zu sehen. Für die Fernsehzuschauer, weil zunächst die Technik versagte. Ihnen kann geholfen werden, beeilte sich die Deutsche Fußballliga nach der leicht verkorksten Premiere in Deutschland zu verkünden.

Aber in den Stadien wird ein großer Teil des Publikums vorerst weiterrätseln oder grundlos toben. Wie nach dem zweiten Tor der Bayern zum 2:2 aus dem Gewühl heraus. Für den Schiedsrichterreporter mit Trainerblick auf der Tribüne war der Fall trotz seiner Undurchsichtigkeit zwar sofort klar: „Hand, Abseits oder Foul, Bayern-Bonus, was sonst?“ Die von Schiedsrichter Zwayer angeforderte Videosequenz aber bewies denen, die es sehen konnten: Kein Hand, kein Abseits, kein Foul, Piszczeks Abwehrversuch sprang über Torwart Bürkis Brust ins Tor. Braucht man noch einen weiteren Beleg für den Sinn des Videobeweises im Profi-Fußball?

Schiedsrichter Felix Zwayer stand einige Male im Mittelpunkt im Supercup.
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Die technische Schwäche bei der Umsetzung während des Supercup-Spiels ist kein Argument gegen die Hilfe für die Schiedsrichter, sondern eines für sie. Und falls die DFL bald für die simultane Übertragung des Videoausschnittes aus der Zentrale in Köln auf die Anzeigetafeln in den Stadien sorgt, dann wird auch das jüngste Transparenzversprechen erfüllt. Der gemeine Fan verließe das Stadion aufgeklärter. Die DFL dürfte schließlich von sich behaupten, mit dem Trend zur Wahrheitsprüfung in krassen Fällen einen Befriedungsprozess zu beschleunigen. Weil schneller wieder Ruhe einkehrt nach einer herzerfrischenden Aufregung im ersten Moment der Fehldeutung.

Der Bildbeweis, so flugs, wie er den Schiedsrichtern am Samstag zur Verfügung stand, ist außerdem alles andere als ein Spielverderber. Wenn nämlich der Fan mit Neigung zur multipler Persönlichkeit im heiteren Sinn (Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Reporter in einer Person) das nachgereichte Video als Auflösung eines Quiz entdeckt: „Haben Sie es genauer gesehen?“ Darin steckt nicht nur ein bei Deutschen beliebtes, spannendes Zusatzspiel. Ernüchternde Antworten hätten sogar das Potential, mal eine Schweigeminute auszulösen. Das wäre ganz schön gewesen am Samstag.

So sehen Supercup-Sieger aus: Die Bayern können wieder lachen.
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Quelle: F.A.Z.
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