Videoschiedsrichter

Endlich klarer sehen

Von Christian Kamp, Frankfurt
 - 17:38

Über den Videobeweis kann man auf ganz unterschiedliche Art und Weise sprechen. Aus einer (regel-) technischen Perspektive zum Beispiel, oder aus einer eher philosophisch-erkenntnistheoretischen, nach dem Motto: Was soll man denn da eigentlich sehen können und müssen wir das überhaupt? Man kann aber auch, wie das Ansgar Schwenken am Donnerstag in Frankfurt tat, Zahlen sprechen lassen. Es lag auf der Hand, dass der zuständige Direktor der Deutschen Fußball Liga (DFL) damit bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Deutschem Fußball-Bund (DFB) vor allem eines im Sinn hatte: eine Versachlichung der Debatte – und, damit verbunden, eine erhöhte Akzeptanz. Dass der Videobeweis diese nötig hat, nachdem er während der Bundesliga-Hinrunde von einem deutschen Vorzeigeprojekt und potentiellen Exportschlager in weiten Teilen der öffentlichen Debatte rasant in Richtung Lachnummer und kapitales Ärgernis abgeglitten war, zeigte gerade noch einmal eine Umfrage des „Kicker“. In der sprachen sich 47 Prozent von 219 anonym befragten Bundesligaprofis für ein Ende des Experiments aus.

Für grundsätzliche Zweifel sah Schwenkens auf der Basis seiner Zahlen indes keinen Anlass. „DFL und DFB sind absolut überzeugt, dass der Video-Assistent das Spiel gerechter macht“, sagte Schwenken. In den 153 Spielen der Hinrunde hat es demnach 1041 überprüfte Situationen gegeben, 750 davon seien sogenannte Silent Checks gewesen, also solche Fälle, in denen im Kölner Videoraum eine Überprüfung stattfand, ohne dass der Schiedsrichter davon überhaupt Kenntnis erhielt. In 241 Fällen sei es zu einer Kommunikation und in der Folge einer Bestätigung der Entscheidung gekommen. Eine Empfehlung zur Korrektur – die Zahlen werden kleiner – habe es 50 Mal gegeben. Dieser seien die Schiedsrichter 48 Mal gefolgt, 37 Mal zu Recht.

Ist 37 zu 11 ein gutes Ergebnis?

Darin darf man wie Schwenken einen veritablen Gewinn in Sachen Gerechtigkeit sehen. Demgegenüber stehen aber immer noch jene elf Fälle, in denen der Videoassistent mit seiner Intervention geirrt und somit einen Kunstfehler selbst erst in die Welt gebracht hat. Was in dieser (Klein-)Rechnung jedenfalls so oder so nicht auftaucht, ist die heillose Verwirrung, die das große Aufklärungsprojekt über den deutschen Fußball gebracht hat: bei Spielern, Fans, den Schiedsrichtern selbst, ja sogar bei Reinhard Grindel, dem DFB-Präsidenten, der bei einem Fernsehauftritt selbst nicht mehr zu wissen schien, was eigentlich Sache ist.

In der Rückrunde, so der Wunsch der Verantwortlichen, sollen alle endlich klarer sehen. Dafür und daran haben die Schiedsrichter zuletzt intensiv gearbeitet, bei ihrem fünftägigen Winter-Trainingslager auf Mallorca, bei dem der Videobeweis ein zentrales Thema war. Ein wesentliches Ergebnis brachte Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich mit seiner Formulierung auf den Punkt, bei der Tätigkeit des Videoassistenten gehe es „nicht um detektivischen Scharfsinn sondern um die Frage: Liegt ein offensichtlicher Fehler vor?“. Mit anderen Worten: Die Männer in Köln sollen mit anderen Augen als bisher auf den Bildschirm blicken – und nur noch dann zur Tat schreiten, wenn sie wirklich Eindeutiges entdecken, die „wirklich unerträglichen Fehler“, wie Fröhlich sagte. Das war zwar eigentlich schon die ursprüngliche Maxime, nur schien diese den Videoassistenten mit ihrem für die aktive Schiedsrichter-Tätigkeit konditionierten Auge ein wenig aus dem Blick geraten.

Nun also ein zweiter Anlauf, bei dem „offensichtlicher Fehler“ allerdings, das liegt in der Natur der Sache, immer noch ein Stück weit ein dehnbares Konzept bleibt. Fröhlich räumte ein, dass er nach wie vor keine präzise Definition formulieren könne, helfen soll eine Operationalisierung: Was nicht in der ersten oder zweiten Wiederholung klar zu erkennen sei, könne kein solcher Fehler sein. Und selbst im positiven Fall solle der Fehler „zweifelsfrei nachgewiesen werden können“.

Weniger soll also mehr sein, zumindest aus Sicht des Videoassistenten, der lernen soll, die Bilder auch mal laufen zu lassen. Der Schiedsrichter hingegen soll seine Rolle als alleiniger Chef und Entscheider wieder stärker verinnerlichen und ausfüllen – so, wie das die Verantwortlichen an den letzten Spieltagen der Vorrunde schon beobachtet haben wollen.

Bleibt die Frage nach der Akzeptanz bei Spielern und auch Zuschauern. Von ersteren forderte Fröhlich, die allfälligen Belagerungen des Unparteiischen (Stichwort: „Schiedsrichter-Mobbing“) einzustellen – überprüft würden die Situationen ja sowieso. Die Fans im Stadion wiederum, sagte Schwenken, sollten grundsätzlich natürlich Bescheid wissen, was los ist. Die strittigen Szenen aber auf den Videoleinwänden zu zeigen, hält er aus guten (unter anderem technischen) Gründen für nicht praktikabel und weiß dabei die Vereine hinter sich. Gearbeitet werde jedoch an Möglichkeiten zur besseren Signalgebung und Erläuterung.

Daran, dass der Videoassistent eine Zukunft hat, nicht nur in der Bundesliga, sondern auch bei der WM im Sommer in Russland, zweifelte indes keiner auf dem Podium. „Die Fifa wird dieses neu geborene Baby nicht wieder zur Adoption freigeben“, sagte der in der Bundesliga als Videoassistent eingesetzte Jochen Drees. Zu reden wird gewiss noch sein über den Videobeweis. Nur soll das möglichst ein bisschen weniger auf die eine Art geschehen, die sich zuletzt doch ein bisschen in den Vordergrund gedrängt hat: die emotionale.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Kamp
Sportredakteur.
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