Frankfurt 1:4 in Leverkusen

Pfiffe von den Fans für Trainer Kovac

Von Marc Heinrich, Leverkusen
 - 12:32
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Retten, was zu retten ist! Innerhalb kürzester Zeit haben sich die Prioritäten der Eintracht verschoben. Die Aussicht auf eine Teilnahme an der Champions League verschlechterten sich auf der Zielgeraden der Saison ein weiteres Mal. Durch das 1:4 in Leverkusen, einem direkten Konkurrenten, rutschte das Team auf den sechsten Tabellenplatz ab. Es war die fünfte Auswärtspartie in Folge, die verlorenging. Eine schwarze Serie, die nicht unbedingt dazu angetan ist, sich rosaroter Blütenträume hinzugeben. Die Eintracht muss vielmehr zusehen, dass sie bei den verbleibenden vier Gelegenheiten bis Mitte Mai nicht noch alles verspielt, was sie sich in den Monaten zuvor mühevoll aufgebaut hat. Das wird eine Herausforderung, zumal der Verein durch den am Freitag verkündeten Abschied Niko Kovacs im Sommer zum FC Bayern eine Trainerdiskussion begleiten wird. Die mitgereisten Fans, rund 3000, unterstützten das Fußballteam in Leverkusen nach Kräften, machten aus ihrem Unmut über Kovacs Entschluss aber keinen Hehl: Sie pfiffen, als der Stadionsprecher seinen Namen verkündete.

Fredi Bobic sprach hinterher von einer „verdienten Niederlage, die uns ärgert“. So viele Gegentore wie am Samstag mussten die Frankfurter zuvor in dieser Runde noch nicht hinnehmen. Für Bobic handelt es sich um eine „schwierige“ sportliche Konstellation, in der es wohl noch „eng“ werde. Doch es gebe keinen Grund, „gleich zu heulen“. Der Sportvorstand sagte, der Wirbel um Kovac habe „keinen Einfluss auf dem Platz gehabt: Wir sind alles Profis und müssen mit gewissen Situationen zurechtkommen. Heute haben wir zu akzeptieren, dass Leverkusen besser war, und das hat nichts mit den Dingen gestern oder vorgestern zu tun.“ Zwischen ihm und dem Trainer „ist auf jeden Fall alles okay“, sagte er. Sie beide hätten grundsätzlich ein „sehr gutes Verhältnis, es ist dadurch jetzt vielleicht ein bisschen getrübt, aber wir waren auch in mancher Personalie nicht immer einer Meinung, aber das passiert hinter verschlossenen Türen“, führte Bobic im Interview bei Sky aus. Nun komme es darauf an, an diesem Mittwoch im Pokalhalbfinale beim FC Schalke 04 „etwas mitzunehmen. Das würde uns allen guttun.“

In Leverkusen präsentierte sich die Mannschaft zu Beginn in einer Verfassung, die keinen Anhaltspunkt für die These lieferte, dass sie durch die Aufregung der vergangenen Tage irritiert sein könnte. Der Start sah so vielversprechend aus wie bei keinem ihrer jüngsten Auftritte, die gerade in der Fremde nicht die (eigenen) Erwartungen erfüllten. Diesen Trend zu stoppen war die Absicht der Eintracht, die sich 45 Minuten lang auch am läuferischen Aufwand, an der Aggressivität in den Zweikämpfen und dem mutigen Pressing, das tief in der gegnerischen Hälfte begann, erkennen ließ. Auch Kovac ging in seinem Coaching-Bereich eifrig zu Werke; der 46-Jährige, in grauen Jeans und Sweatshirt gekleidet, gestikulierte, verschaffte sich mit Rufen bei seinen Leuten Gehör und suchte bei mehreren Gelegenheiten das Streitgespräch mit dem Schiedsrichterassistenten an seiner Seite sowie dem vierten Offiziellen, denen er jeweils lautstark zu verstehen gab, dass er mit ihrer Art der Leitung des Spiels nicht immer einverstanden war.

Was seine eigene Situation anging, behauptete Kovac, für ihn habe es sich so kurz nach seiner aufsehenerregenden Entscheidung um einen „ganz normalen“ Einsatz gehandelt. „Ich bin, glaube ich, ein solider Trainer und muss mich hier um meinen Job kümmern. Es war überhaupt nicht schwierig, das auszublenden“, sagte er vor den Mikrofonen. Seinem Team gelang es gegen einen Konkurrenten, der nicht eben zur Laufkundschaft der Liga zählt, sondern selbst höchste Ambitionen besitzt, jedoch nur vorübergehend, Akzente zu setzen. Nach dem Seitenwechsel stellte die „Werkself“ in der Defensive von Drei-Mann-Verteidigung auf Viererkette um und war so besser in der Lage, die Räume für die Eintracht einzuengen – ein geschickter Schachzug von Bayer-Coach Heiko Herrlich. Die Führung durch Julian Brandt (20. Minute), der per Kopf Lukas Hradecky mit einem Lupfer überwand, hatte Marco Fabián mit seinem ersten Saisontor noch postwendend mit einem Schlenzer aus dem Fußgelenk ausgeglichen (23.). „In der zweite Halbzeit ist es uns dann nicht mehr gelungen, die Spielkontrolle zu behalten“, konstatierte Fabian. „Es waren zu viele Unachtsamkeit dabei, und Leverkusen hatte sie gut genutzt.“

Vor allem Kevin Volland war nicht zu stoppen und traf per Hattrick, nachdem die Eintracht mit der Einwechslung von Stürmer Sébastien Haller für den ermatteten Kevin-Prince Boateng ein offensives Zeichen setzen wollte, in der 71., 77. und 88. Minute zum Endstand. Für Kovac hat Bayer seinen Leuten „den Schneid abgekauft“, nachdem die Eintracht zunächst „klar besser“ gewesen sei. Durch den Misserfolg und die Schwere des Restprogramms werde es „jetzt nicht einfacher“. Er sei „mit Herz und Seele dabei“ und „ein absoluter Profi“, fügte Kovac später auf die Frage an, ob und wie ihn sein bevorstehender Umzug nach München in seiner Arbeit für die Frankfurter beeinflusse: „Wir haben hier eine Aufgabe, und die wollen wir zu Ende führen.“

Dass es für alle Frankfurter Beteiligten einen rundum erfreulichen Saisonausklang geben kann, so wie es noch unlängst möglich erschien, ist durch die Ereignisse seit Donnerstagabend und ihre Folgewirkungen nicht eben wahrscheinlicher geworden.

Quelle: F.A.S.
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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