Kommentar

Alles zurück auf Anfang bei Bayern

Von Christian Eichler
 - 10:15

Als Uli Hoeneß im November 2016 ins Präsidentenamt des FC Bayern zurückkehrte, wollte er ein wenig entschleunigen, weniger Zeit im Büro verbringen. Bald aber war er wieder so präsent, dass mancher schon vermutete, er wolle die in der Haft verlorenen Jahre aufholen. Nun versucht Hoeneß tatsächlich, an der Uhr zu drehen: zurück ins Jahr 2013, als alles bestens war. Die Bayern ganz oben in Europa, ihr Fußball ein Genuss, mit Jupp Heynckes zum Triple.

Heynckes, der alte Freund, soll, zurück aus dem Ruhestand, aushelfen in München. Die Vorteile für die Bayern lägen auf der Hand. Heynckes könnte allen im Verein und im Umfeld wieder ein gutes Gefühl geben und Risse im Kader kitten, etwa die zwischen der spanischsprachigen Fraktion und den anderen. Nie würde Heynckes, der 2007 nach seinem Rücktritt in Mönchengladbach den Dienstwagen vollgetankt und gewaschen übergab, am Ende verbrannte Erde hinterlassen. Vor allem aber ist er ein Kandidat, der den Job auch für acht Monate zu übernehmen bereit wäre. Klaglos und besenrein, so die Erwartung, wird er den Laden 2018 übergeben, um einer jüngeren, langfristigen Besetzung Platz zu machen. Um sie könnten die Bayern sich bis dahin in Ruhe kümmern.

Aber während am Donnerstag schon landauf, landab die eilig, etwas voreilig verbreitete Nachricht vom neuen alten Bayern-Trainer Heynckes lief, bestätigte der, den es betraf, zwar das Angebot aus München, dementierte aber eine Einigung. Er müsse alles „erst einmal analysieren“, sagte Heynckes. Schließlich sei er viereinhalb Jahre weg, „und der Fußball hat sich weiter verändert“.

Neuer Trainer
Bayern-Fans freuen sich auf Heynckes
© reuters, reuters

Bei seiner Analyse wird ihm nicht entgehen, dass auch sein Team von damals sich verändert hat. Es ist in die Jahre gekommen. 2013 waren Robben und Ribéry im besten Alter, vorn nicht zu halten und stets bereit, hinten auszuhelfen. Einen Lewandowski hatte man zwar noch nicht, dafür gleich zwei unterschiedliche Mittelstürmer, Gomez und Mandzukic, jeder auf seine Art gefährlich, dazu einen Müller, der noch nicht wusste, was eine Krise ist. Und natürlich, mit Schweinsteiger und Lahm, echte Anführer. Nicht zuletzt einen, der das Zeug hatte, der weltbeste Regisseur zu werden, den man das dann aber woanders, in Madrid, werden ließ: Toni Kroos.

Ja, es stimmt also: 2013, mit Heynckes, war alles besser in München. Aber auch, weil anderswo in Europa vieles schlechter war. In Spanien, wo Barcelona damals nach Guardiola in der Krise war und Real Madrid unter dem Spalt-Trainer Mourinho litt, in England, wo man erst nun wieder, mit viel Geld und importierten Top-Trainern, zu alter Stärke findet, auch in Italien und Frankreich, wo Juventus und PSG noch weit weg waren von Europas Spitze – überall ist man seitdem besser geworden. Nur in München nicht.

Nun will man die Uhr zurückdrehen. Alles zurück auf Anfang, um die verlorene Zeit aufzuholen? Geht das mit den Menschen und Methoden von gestern? Es wird die spannendste Frage der Saison – falls sie Jupp Heynckes nicht vorzeitig beantwortet: mit einer Absage an den alten Freund. Und damit an die alten Tage, als Anrufe bei Freunden eine Strategie ersetzen konnten.

Quelle: F.A.Z.
Christian Eichler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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