Sportphilosoph Gebauer im Gespräch

„Konflikte, die wir überall haben in der Gesellschaft“

 - 12:57
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Am Samstag stürmten in Frankfurt Fans den Platz, von denen manche über den Niedergang ihres Klubs weinten. Andere drohen den Spielern bei Niederlagen mit dem Tod. Für manche Fans ist Fußball ihr Leben, für Spieler, Trainer und Manager, die in Rekordzeit die Klubs wechseln, ist er nur ein Job. Sehen wir in den Ausschreitungen auch die Folgen dieser emotionalen Diskrepanz?

Der Fußball lebt sehr stark vom Regionalen, sogar vom Lokalen. Das bedeutet eine hohe Identifikation mit Dingen, die sich nicht verändern. Vor allem für männliche Jugendliche, die gerade selbst auf der Suche nach Identität sind, ist es wichtig, ein solches Identifikationsobjekt zu haben. Sie streben nach Identifikation und Werten. Die kann man zwar überall suchen, im Kino, in der Jugendkultur, aber das sind irreale Werte, während der Fußball sehr Sinnliche und an den Ort gebundene Identifikationen anbietet.

Ein bestimmtes Stadion, in dem vielleicht schon die Väter gestanden haben, und in dem man einer Mannschaft zujubelt, die Trikots trägt, die schon vor vielen Jahren die gleichen waren. Aber diese starke Verankerung geht im aktuellen Fußball weitgehend verloren. Was wir derzeit beobachten, ist ein Ringen um diese fassbare Identität im Fußball.

Fans werden im Misserfolg gewalttätig, Vereine wechseln so oft wie nie ihre Trainer. Das heißt doch, dass Fans und Klubs Niederlagen nicht mehr akzeptieren können, die einen emotional, die anderen ökonomisch.

Es handelt sich meist um junge Fans, die Niederlagen als narzisstische Kränkung erleben. Die leiden wie ein Hund und haben Mühe, das unter der Woche zu verdauen. Der Sport aber erfordert eine gewisse Reife, man muss in der Lage sein, einen überlegenen Gegner anzuerkennen, ihm seine Glückwünsche auszusprechen. Sehr junge Menschen können die Überlegenheit von anderen noch nicht anerkennen, weil sie ihre Grenzen noch nicht kennen. Diese Unreife schlägt jetzt durch.

Und bei den Klubs?

Bei den Vereinen würde ich von geschäftlicher Unreife sprechen. Man sieht doch, dass es Klubs gibt, die kluge Geschäftsmodelle aufgebaut haben, die verstanden haben, dass sich eine Beziehung zwischen Trainer und Mannschaft erst in einem relativ langen Prozess aufbaut. Man sieht das an Klopp in Dortmund, er bekam Zeit für einen Vorlauf, dann hatte er seine Mannschaft zusammen. Da kam auch Glück dazu, aber vor allem enormes Können. Er hat eine Mannschaft gebaut, die ungeheuer gut funktioniert, und daraus entwickelt sich ein Star wie Nuri Sahin. Aber das gelingt nur aus der Mannschaft heraus, und dafür braucht man Zeit. Wenn man solchen Leuten, die auch menschliche Qualitäten haben, Gelegenheit gibt zu arbeiten, dann scheint das zu funktionieren.

Ein Gesundbeter aber wie Christoph Daum in Frankfurt ist gescheitert. Offenbar hat sich auch der Fußball weiterentwickelt, dass Medizinmänner nicht mehr landen können, und Autokraten auch nicht. Man muss heute sehr stark am Spieler arbeiten und die Mannschaft insgesamt zu einem intelligenten System zusammenbauen, das ist es, was die jungen Trainer teilweise ganz faszinierend können. Die Gurus, die selbstherrlichen Trainer, sie scheitern mittlerweile.

Was bedeutet der Erfolg der Arbeit von Klopp für die Bindekraft zwischen Fans und Verein über den Tag hinaus?

Für eine Region, die ihre ursprüngliche wirtschaftliche Bedeutung verloren hat, und die auch nur über ihre wirtschaftliche Bedeutung eine Region ist, hat das einen unglaublichen Identifikationseffekt. Das Ruhrgebiet ist im Grunde ja ein Nicht-Ort, und dort etwas anzupflanzen, was einem das Gefühl gibt, zu Hause zu sein, ist ungeheuer wichtig. Da ist Dortmund sehr erfolgreich. Aber man sieht das auch an Manuel Neuer auf Schalke, der aus der Fankurve kommt – wenn er zu Bayern geht, dann ist das ein Schnitt in die Seele.

Dortmund und Neuer markieren die Ausnahmen, nicht mehr die Regel.

Das ist richtig, aber die Ausnahmen sind aufschlussreich, man kann auch St. Pauli hinzunehmen. Dortmund zeigt es den reichen Vereinen, dass man mit dem eigenen Nachwuchs, mit den Jungs, die dort leben, etwas ganz Großes erreichen kann, was Bayern München weit in den Schatten stellt. Und auf der anderen Seite der Absteiger St. Pauli, der sich als Kiez-Klub treu bleibt, und seinen Abstieg begrüßt, weil er in der zweiten Liga wieder bei sich ist.

Ein Teil der Münchner Zuschauer hat gegen Neuer protestiert, die Vereinsführung des FC Bayern hat darauf persönlich beleidigt reagiert. Fans wollen offenbar an Entscheidungsprozessen beteiligt sein, der Verein kann darin aber nur einen unzulässigen Angriff erkennen.

Es ist ein interessanter Konflikt, der in München brodelt. Bayern ist darauf aus, langfristig eine der besten Mannschaften Europas zu etablieren. Die Führung hat hohen Sachverstand, ist aber an der Identifikation, wie sie die Fans suchen, überhaupt nicht interessiert. Die Spieler ziehen zwar Lederhosen an, aber das ist oberflächliche bayerische Folklore, Hofbräuhaus-Attraktion, eine Pseudo-Identifikation. Die Bayern sind stark am Geschäftlichen interessiert, am Zusammenkaufen.

Aber Fans, die an Identifikation interessiert sind, wollen die Spieler, die schon da sind, die wollen die Kauf-Strategie nicht mitmachen. Die einen wollen ins 21. Jahrhundert, die anderen wollen mit einem Fuß im 19. Jahrhundert bleiben. Das erinnert mich an Konflikte, die wir überall haben in der Gesellschaft. Es gibt Gruppen, die meinen, sie besäßen die Wahrheit, die genaue Kenntnis dessen, was nötig ist, und alles andere abwehren. Wir kennen das von Stuttgart 21, von der Kernkraft, wir erleben in allen Bereichen, dass wir lokale Initiativen haben, in denen Großprojekte abgewehrt werden und bestimmte Modernitätsschübe nicht mitgemacht werden. Das kann vernünftig sein, aber es ist zunächst ein verzweifelter Versuch, lokale Identität zu behalten.

Im Fußball lautet dazu die Frage: Wem gehört der Verein?

Ganz genau, aber das ist eine offene Frage. Das entscheidet sich in Konflikten, das kann hin und her gehen. Als erstes würde man denken, es ist die Vereinsführung, aber es gibt auch Situationen, wo es die Mannschaft und der Trainer sind, die Identifikationsangebote für den Verein machen. Wem gehört der FC Barcelona? Dem Klubpräsidenten? Das wird man kaum sagen können, die meisten kennen nicht einmal seinen Namen.

Bei Real Madrid und Bayern ist das anders.

Ja, aber Real hat auch eine schlechte Identität, bei einer Mannschaft, die alle drei Jahre ausgetauscht wird, kann man nicht sagen, was Real Madrid eigentlich ist. Real ist Kastilien, die Herrschaft über Spanien, das große Geld, die Wirtschaftsmacht der Kapitale gegen die Provinzen, die keine Provinzen sein wollen, sondern eigene Staaten. Das ist auch politisch brisant. In Deutschland haben wir das nicht so, aber wir haben beim FC Bayern auch die geballte Wirtschaftsmacht des Südens, des potentesten Klubs in Deutschlands, einem der wichtigsten in Europa.

Die größten Firmen spielen alle bei Bayern mit, diese Richtung versucht den Verein zu dominieren. Aber sie wissen: Ohne Fans ist das Stadion leer, und nur mit VIP-Lounges gewinnt man nichts. Die Fans sind nicht machtlos, aber schwach im ökonomischen Spiel. Es hängt vom Verein ab, sensibel mit seiner Gemeinde umzugehen, Vereine müssen begreifen, dass sich ihr Geschick nicht nur auf dem Schachbrett der ökonomischen Transaktionen entscheidet.

Halten Sie die Nebenrolle, die Fans bei Bayern im Vergleich zu Dortmund spielen, für einen Wettbewerbsnachteil, den der Klub vielleicht gar nicht sieht?

Bei Uli Hoeneß habe ich manchmal den Eindruck, dass er zu wenig sieht, was die Fans für die Mannschaft darstellen. Mir kommt es vor, dass Hoeneß den Zuschauern ein großartiges Angebot machen will, aber entsetzt ist, dass die Zuschauer das Angebot nicht freudig ergreifen. Aber dass die Fans Mitsprache haben wollen, dass sie sich beteiligen wollen, dass sie die Identifikation über Bayern haben wollen, das sieht er nicht. Was die Identifikation angeht, ist Bayern ein ganz glitschiger Verein. Der Fan, der mit Herzblut in der Arena ist, bekommt wenig zurück. Es ist alles sehr kühl und kalkuliert auf der ökonomischen Ebene, da ist zu wenig fürs Gefühl.

Bei Dortmund ist das ganz anders, die Gefühligkeit ist unglaublich groß. Man sieht nicht nur in Dortmund, wie enorm wirkungsvoll das bei Vereinen ist, die regional und lokal tief verankert sind. Manchester United, Arsenal, Liverpool haben es wie Dortmund und Schalke geschafft, die Identifikation auf eine Ebene zu heben, auf der sie früher nicht war. Die Manufakturen sind weg, aber der Fußball, der schon in Zeiten der ökonomischen Stärke wichtig war, ist noch da. Diese Underdog-Traditionen sind im Fußball extrem erfolgreiche Identifikationsmodelle.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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