2:2 in Berlin

Müller wird zum Wortführer in der Bayern-Krise

 - 13:59
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Wer san mia? Völlig verunsichert verabschiedete sich der FC Bayern in die Länderspielpause und muss neben einer Trainerlösung auch sein altes bajuwarisches Selbstverständnis finden. Als Wortführer nahm Thomas Müller sich und seine Teamkollegen nach dem enttäuschenden 2:2 bei Hertha BSC öffentlich in die Pflicht. „Jeder muss vor der eigenen Haustür kehren und schauen, dass er wieder an die 100 Prozent rankommt“, sagte der Nationalspieler und forderte eine „harte Analyse“ durch die Spieler. „Nach den zwei Wochen Pause müssen wir die Punkte einfahren.“ Mit Blick auf den geschassten Trainer sagte Müller: „Man kann nicht nur sagen, dass Carlo Ancelotti Fehler gemacht hat.“

Bundesliga

Fünf Zähler Rückstand auf den vorerst enteilten Spitzenreiter Borussia Dortmund, die schlechteste Bilanz seit sieben Jahren – und erstmals in der Vereinsgeschichte zweimal nacheinander eine 2:0-Führung verspielt. Die Münchner Probleme liegen derzeit tiefer, als dass sie nur durch den schnellen Rauswurf von Carlo Ancelotti behoben worden konnten. So erhöht das dritte sieglose Pflichtspiel in Serie auch den Druck in der Nachfolgefrage. Es gebe „einige Optionen“, erklärte Sportdirektor Hasan Salihamidzic in Berlin – gab sich aber auf konkrete Nachfrage zum naheliegendsten Trainer-Kandidaten Thomas Tuchel wortkarg.

Auch bei Präsident Uli Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge auf der Tribüne dürfte der Auftritt für neue Fragen gesorgt haben, ob sich der Klub eine längere Phase des Übergangs erlauben kann. Die alte Aura der Unverwundbarkeit auf dem Platz ist vorerst verschwunden, aufmüpfig ließ sich Hertha selbst vom zweiten Gegentor nicht einschüchtern. Interimstrainer Willy Sagnol stellte danach sogar die eigene fußballerische Ausnahmestellung in Frage. In der aktuellen Verfassung seien die Bayern „nicht mehr die stärkste Mannschaft in Deutschland“, erklärte der Franzose.

Zu allem Überfluss muss der Rekordmeister neben Nationalkeeper Manuel Neuer (Mittelfußbruch) auch Franck Ribéry für einige Zeit ersetzen. Als Sinnbild der Münchner Krise humpelte der Franzose auf Krücken zur Untersuchung. Am Montag bestätigte sich der Verdacht auf einen Außenbandriss im linken Knie bei dem 34-Jährigen. Die Verletzung werde konservativ behandelt und das Knie zunächst für einige Wochen mit einer Schiene ruhiggestellt, hieß es. Eine genaue Ausfallzeit wurde nicht genannt. Es ist fraglich, ob der 34-Jährige
noch in der Hinrunde ein Comeback feiern kann. In der 61. Minute war er bei einem Ausfallschritt auf den Ball getreten und hatte sich das Knie verdreht.

„Ich habe große Schmerzen. Mir geht es nicht so gut. Das Außenband ist wohl betroffen. Ich hoffe noch, es ist nicht schlimmer“, hatte der Franzose nach seiner Rückkehr aus Berlin am Münchner Flughafen der „Bild“-Zeitung gesagt. Danach war er vom Mannschaftsarzt Volker Braun an der Säbener Straße untersucht worden. Zumindest die Befürchtung, dass es sich sogar um einen Kreuzbandriss handeln könnte, bestätigte sich dabei anscheinend nicht.

Das übrige Bayern-Team muss nach den WM-Qualifikationsspielen in wegweisenden Partien im DFB-Pokal bei RB Leipzig, in der Champions League gegen Celtic Glasgow oder der Bundesliga bei Borussia Dortmund bis Anfang November unter Beweis stellen, dass die aktuelle Misere nur ein Ausrutscher gewesen ist. „Wir haben jetzt eine Woche etwas anderes und dann haben wir eine normale Trainingswoche“, sagte Innenverteidiger Mats Hummels zur nahen Zukunft. „Da können wir an Dingen arbeiten.“ Der Weltmeister wehrte sich mit Vehemenz gegen den Vorwurf, ein „Königsmörder“ des geschassten Ancelotti zu sein. Dabei hatte Clubchef Hoeneß selbst noch Spekulationen mit seiner Aussage befeuert, dass der Italiener mit seinen Aufstellungen fünf Spieler „auf einen Schlag gegen sich gebracht“ hatte. Auch diese öffentlichen Debatten-Schauplätze wird die Vereinsführung möglichst rasch schließen wollen.

Der zurzeit vereinslose Thomas Tuchel und Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann gelten als Favoriten. Wer immer es auch wird, „wir haben da volles Vertrauen“, versicherte Müller, und betonte noch einmal: „Wir müssen schauen, dass jeder Einzelne mehr aus sich herausholt, unabhängig vom Trainer.“ Hummels ergänzte, das Wichtigste sei, „dass es eine gute Lösung wird“. Über Tuchel, den er aus Dortmunder Zeiten kennt, wollte er sich nicht äußern.

Dass Sagnol noch einmal an der Seitenlinie stehen wird, ist unwahrscheinlich. Das ahnt der Franzose auch selbst. „Ich sollte das Spiel in Berlin übernehmen“, sagte er, „über mehr haben wir nicht gesprochen. Alles andere liegt beim Vorstand.“ Und der ist nun gefordert. Nach der Entlassung von Ancelotti stehen auch der Vorsitzende Karl-Heinz Rummenigge und Präsident Uli Hoeneß in der Kritik. Eine wegweisende Personalentscheidung muss her.

Quelle: tora./dpa/sid
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