Uli Stein im Interview

„HSV hat sich immer auf Dino und Uhr verlassen“

Von Roland Zorn
 - 07:13

Sie haben schon vor Monaten den HSV- Abstieg prognostiziert. Wie haben Sie ihn daheim am Fernsehgerät erlebt?

Ich hatte zwar zuletzt noch eine leichte Hoffnung, dass es noch einmal gutgehen könne, aber die war sehr gering. Schlimm waren vor allem die beschämenden Schlussbilder. Zum Glück hat die Masse der Fans akustisch eindeutig dagegengehalten und damit bewiesen, dass der HSV noch immer ein toller Verein ist, in dem sportliche Fairness und Haltung zählt.

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Christian Titz, dem dritten Cheftrainer dieser Saison?

Um ihn hat es mir leid getan, denn er hätte es verdient gehabt, in der Bundesliga zu bleiben. Er hat in den letzten Wochen eine Mannschaft auf den Platz gebracht, die an sich geglaubt und um jeden Punkt gefightet hat. Leider ist Titz drei Wochen zu spät eingestellt worden. Wäre er etwas eher da gewesen, wäre der Abstieg nicht passiert.

Kann man aus seiner erfolgreichen Wiederaufbauarbeit ableiten, dass es so in der zweiten Liga weitergeht?

Es wird auf jeden Fall kein Selbstläufer. Die Zweite Bundesliga erfordert einen anderen Fußball als die Erste. Du musst kämpfen, kratzen, beißen, wenn du dich dort durchsetzen willst. Andererseits weiß Titz, was er will, und die Mannschaft versucht, das auch umzusetzen. Fußballerisch hat der HSV in den letzten Wochen einen Riesenschritt nach vorn gemacht. Ich bin auch deshalb zuversichtlich, dass der Schritt zurück in die Zweitklassigkeit nur eine Episode bleiben wird.

Die Uhr im Volksparkstadion tickt nicht mehr als ewiger Begleiter eines „unabsteigbaren“ Bundesligaklubs, und auch den Dino als folkloristischen Begleiter gibt es nicht mehr. Bedauern Sie das?

Der HSV hat sich immer auf den Dino und die Uhr verlassen. Das war ja absurd, wenn es ständig hieß, die Uhr darf nicht ausgehen. Und es war fast schon ein Armutszeugnis der vielen Verantwortlichen über die Jahre, sich permanent auf diese beiden Dinge zu versteifen. Letztlich haben sie in Hamburg ihr Glück überstrapaziert. Dass es dann irgendwann in die andere Richtung läuft, ist eigentlich normal.

Was muss der Klub tun, um den Abstieg als Chance zu begreifen?

Man sagt ja, Glück muss man sich erarbeiten. Und deshalb steht der HSV unter einem enormen Modernisierungsdruck. Es muss sich auf allen Ebenen viel verändern, da überall mit manchmal rasch wechselndem Personal gravierende Fehler gemacht und Fehlentscheidungen getroffen worden sind. Dazu gehört mehr Professionalität und mehr Fußballsachverstand. In meinen Augen hatten die Verantwortlichen oft genug keinen Plan, und wenn sie mal wieder Geld brauchten, half nur der Gang zum HSV-Gönner und -Anteilseigner Klaus-Michael Kühne mit der Bitte, wieder mal das Portemonnaie aufzumachen. Das kann aber jeder.

Sehen Sie jetzt mehr Fußballverstand mit dem früheren Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann als Vereinspräsident?

Im Moment nicht. Die Frage ist, ob er aus seiner HSV-Vergangenheit gelernt hat, als der HSV sportlich zwar nicht gänzlich erfolglos war, aber finanziell ins Risiko ging. Als sich Hoffmann 2011 verabschiedete, war der Klub meines Erachtens schon in der Schuldenfalle. Ich habe andererseits seine Antrittsrede bei der HSV-Mitgliederversammlung im Februar gehört, und die klang schon wesentlich besser als vieles, was er in seiner ersten Amtszeit von sich gegeben hat.

Sind Sie optimistisch, dass der HSV die notwendigen Dinge nun anders und besser angeht als zuvor?

Es ist die einzig logische Konsequenz aus den Versäumnissen von gestern. Wenn sie das nicht begreifen, ist dem Verein nicht mehr zu helfen.

Sind Sie mal um Rat gebeten worden?

Nie. Meine Kameraden und ich aus den großen HSV-Jahren mit dem Europapokal-Triumph und der Meisterschaft 1982 und 1983 sind nie gefragt worden. Ich fühle mich inzwischen der Frankfurter Eintracht, für die ich zwischen 1987 und 1994 gespielt habe und die ich jetzt als Markenbotschafter vertrete, emotional näher als dem HSV. Das liegt daran, dass sich der HSV um ehemalige Spieler null gekümmert hat.

Werden die Fans den HSV weiter massenhaft unterstützen?

Ich bin sicher, dass auch in der zweiten Liga ein Schnitt von mindestens 40 000 Zuschauern erreicht werden kann. Mit den wahren Fans im Rücken wird es ein bisschen einfacher sein, wieder nach oben zu kommen. Sie vor allem haben mir neben Titz am Ende leid getan.

Sie selbst sind auch einmal abgestiegen: 1979 mit dem damaligen Bundesliga-Klub Arminia Bielefeld.

Es gibt nichts Schöneres, als mit seinem Verein Titel zu holen, und nichts Grausameres, als mit seinem Verein abzusteigen. Ich bin nicht böse darüber, dass ich das einmal miterleben musste. Umso mehr lernst du daraus, mit Erfolgen anders umzugehen. Die HSV-Spieler, die jetzt abgestiegen sind, werden es in der nächsten Saison genießen, dass sie vermutlich viel häufiger Siege bejubeln können, als Niederlagen verdauen zu müssen. Das ist zumindest schon einmal ein positiver Aspekt auf dem langen Weg vom Abstieg zum ersehnten Wiederaufstieg.

Quelle: F.A.Z.
Roland Zorn
Sportredakteur.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHSVBernd Hoffmann