Fußball
Tuchel und der BVB

Erfolg zählt nicht mehr

Von Richard Leipold
© Reuters, F.A.S.

Die Verantwortlichen von Borussia Dortmund wussten von Anfang an, was auf sie zukommen könnte, als sie vor zwei Jahren Thomas Tuchel unter Vertrag nahmen. Aus Mainz, wo er zuvor beschäftigt war, hatten sie Signale empfangen, dass es sich als schwierig erweisen könnte, mit diesem hochqualifizierten, aber eigenwilligen Fußball-Lehrer zusammenzuarbeiten. Die BVB-Führung schob die Zweifel beiseite. Sie wollte den besten verfügbaren Trainer und vertraute darauf, Tuchel werde sich in den Klub integrieren lassen. Ein Irrtum. Inzwischen mutet die Vorstellung fast skurril an, dass Tuchel demnächst vielleicht mit seinen Spielern auf einem Lastwagen um den Borsigplatz fährt und strahlend den DFB-Pokal in die Höhe stemmt.

Spätestens am Ende des ersten Jahres zeichneten sich Differenzen ab, etwa in der Transferpolitik. Mit Blick auf den personellen Umbruch sprach Tuchel von einem „riskanten Weg“, den der BVB mit seiner jungen Mannschaft eingeschlagen habe. Wenn ein leitender Angestellter solche Risiko-Analysen öffentlich vornimmt, kann das dem Management eines börsennotierten Unternehmens nicht recht sein. Also korrigierte Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Geschäftsführung, den Trainer öffentlich. Die Bewertung von Stärken und Schwächen der Mannschaft führte mehrmals zu Irritationen, etwa bei Tuchels Mängelrüge nach der peinlichen Niederlage in Darmstadt.

Tuchel fühlt sich verletzt, ja verfolgt

Der Konflikt eskalierte beim Dissens darüber, ob die Entscheidung vertretbar war, nur einen Tag nach dem Sprengstoffanschlag auf die Dortmunder Mannschaft in der Champions League gegen Monaco anzutreten. Seitdem haben sich die Fronten vollends verhärtet. In dieser Woche sah Tuchel nicht einmal die Basis für ein Gespräch mit Watzke. Der Trainer geriert sich als Opfer einer Medienkampagne, die seinen Kritikern im Klub nutzen und ihm schaden soll.

Erfolg auf dem Fußballplatz ist in dieser Auseinandersetzung kein wesentliches Kriterium mehr. Selbst wenn der BVB seine sportlichen Ziele erreicht, scheint eine Trennung unausweichlich. Tuchel fühlt sich verletzt, ja verfolgt. Er wirkt wie gefangen in der Vorstellung, es gehe nur darum, recht zu haben in Fragen, die einer streng logischen Beweisführung nicht zugänglich sind. Aber darum geht es nicht mehr, jedenfalls nicht in erster Linie. Es geht um Macht. Und die haben in Dortmund andere.

Eine Zeitlang hatte Tuchel ständig über sich hören und lesen können, er sei das größte deutsche Trainertalent. Das mag ihn dazu verleitet haben, sich zu überschätzen und einen Taktiker wie Watzke zu unterschätzen. Tuchel steht im Ruf, als Trainer ganz nach oben zu wollen. Wenn er dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren will, wird er sich stärker an die Strukturen bedeutender Vereine anpassen müssen, als es ihm in Dortmund gelungen ist. Die Führungskräfte großer Klubs nehmen im Zweifel keine Rücksicht auf Einzelschicksale, wenn ihnen die Diskrepanz zwischen dem Interesse des Vereins und dem Interesse eines Trainers zu groß erscheint. Auch deshalb kann Tuchel gegen Watzke nicht gewinnen.

Quelle: F.A.S.
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