Bundesliga-Kommentar

Mehr Geld kostet deutsche WM-Chancen

Von Michael Horeni
 - 07:26

Man stelle sich vor: Die Nationalelf scheidet im WM-Halbfinale aus. Dann wird Fußball-Deutschland nach Gründen suchen, weshalb der Weltmeister seinen Titel nicht erfolgreich verteidigen konnte. Jede Kleinigkeit dieses Spiels würde analysiert werden. Im zweiten Schritt auch die Fitness der Spieler, ihre Laufleistungen, ihre Sprintfähigkeiten. Oder auch die Anzahl der verletzten und angeschlagenen Stars, die der Bundestrainer beklagen würde. Da es tatsächlich oft die Summe solcher Kleinigkeiten sind, die über Titel und Triumphe entscheiden, sind Klubs und Nationalteams seit Jahren bestrebt, sich mit immer größerem Aufwand in jedem Detail zu verbessern. Jeder kleine Vorteil kann entscheidend sein. Genau aus diesem Grund ist dem DFB seine künftige Akademie auch rund 150 Millionen Euro wert.

Einen wichtigen und ganz real existierenden Vorteil vor der WM hat der deutsche Fußball allerdings schon verramscht: die Winterpause. Und damit die gerade für Topspieler dringend benötigte Zeit, sich von den Dauerstrapazen für Körper und Kopf zumindest ein bisschen erholen und sich dann auf die kommenden Aufgaben im WM-Jahr vorbereiten zu können. Untersuchungen zeigen zudem längst: Auch die Verletzungswahrscheinlichkeit der Profis wird in diesem Frühjahr mit verkürzter Pause steigen.

Man muss sich das noch einmal klarmachen: In dieser WM-Saison beginnt die Rückrunde an diesem Freitag mit dem Spiel der Bayern in Leverkusen (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga, im ZDF und bei Eurosport) zwölf Tage früher als beim Titelgewinn 2014. Und endet zwei Tage später. Das macht zwei Wochen verlorene Regenerations- und Aufbauzeit. Kostbare Zeit, die allein deswegen verschwunden ist, weil der neue Fernsehvertrag nur noch zwei statt vier englische Wochen erlaubt. Und die fanden schon in der Vorrunde statt. Zur Erinnerung: Das WM-Finale hat Deutschland in der Verlängerung gewonnen. Auch, weil das Team noch zulegen konnte.

Der deutsche Fußball hat sich ohne Not eines wichtigen Standortvorteils beraubt. Es lässt sich einwenden, dass Spanien seit Jahren im Winter durchspielt und dennoch Erfolge mit der Nationalelf gelangen. Aber die klimatischen Bedingungen und Platzverhältnisse sind dort weit besser und weniger kraftraubend als in einem deutschen Winter. „England wurde häufig bei den Turnieren im Sommer dafür bestraft, dass komplett durchgespielt wird“, hat zuletzt schon Toni Kroos ganz richtig zu den Spätfolgen der Dauerbelastungen bemerkt. Bundestrainer Löw hat daher schon in der Hinrunde die Einsätze seiner Spieler mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die verkürzte Winterpause begrenzt, um den negativen Folgen entgegenwirken zu können.

Dabei hätte die Bundesliga die einzige europäische Topliga bleiben können, die sich eine Winterpause gönnt. Sie hätte damit die Chance auf den WM-Titel gesteigert. So aber sprang bei den Fernsehverträgen mehr raus. Dieser Preis: oder besser dieses Risiko, ist hoch. Sollten dem deutschen Fußball in diesem WM-Sommer die Spieler und in der entscheidenden Phase die Puste ausgehen, muss die Bundesliga wissen: Das ist auch ihr Anteil.

Quelle: F.A.S.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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