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Cacau

Stürmerstar im Abwärtsstrudel

Von Oliver Trust, Stuttgart
 - 19:20
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Im Remstal mit seinen sanften Hügeln und den Weinreben ist Cacau eine echte Attraktion. Gut möglich, dass die Macher des Internetauftritts der 10 300-Einwohner-Gemeinde Korb den Slogan gewählt haben, weil es ihn gibt. „Korb - wo Köpfe wichtig sind", lautet der Spruch. Vielleicht muss der besondere Bürger Cacau sogar schmunzeln, wenn er diesen Satz liest. Zumindest hier kann er sicher sein, dass er zu den wichtigen Leuten gehört.

Ein paar Kilometer weiter dagegen erfreut er sich nicht mehr uneingeschränkter Sympathie. Beim VfB Stuttgart ist Cacau als Vizekapitän von den Kollegen aus dem Mannschaftsrat gewählt worden und als Folge dessen nicht mehr zweiter Mann. Nach seinem rasanten Aufstieg zum Nationalspieler - Cacau ist der einzige VfB-Spieler bei Bundestrainer Joachim Löw - muss er beim VfB mit Trainer Bruno Labbadia leben, der nicht zu seinen glühenden Bewunderern gehört, sondern ihn, so sieht es Cacau, zuweilen demütigte und es zuließ, dass das bekannteste Gesicht des Teams von Mitspielern an den Pranger gestellt werden durfte. Auch bei der Wahl zum Mannschaftsrat hat Labbadia seinen Einfluss offenbar nicht geltend gemacht, als das Unheil für Cacau seinen Lauf nahm.

Nun sind derartige Wahlen bei Fußballmannschaften nicht zwangsläufig ein verlässlicher Gradmesser interner Stimmungsströme. Im Fall Cacau jedoch sind sie äußeres Zeichen für einen leisen Abstieg, der ihn im EM-Jahr 2012 in der deutschen Nationalmannschaft in ernste Schwierigkeiten bringen könnte, wenn er nicht regelmäßig spielt und trifft.

Im Kader des VfB Stuttgart muss Jeronimo Maria Barreto Claudemir da Silva nach der Verpflichtung von Vedad Ibisevic die Zurückstufung zur Nummer zwei im Sturm schlucken und darauf hoffen, dass Coach Labbadia dauerhaft auf zwei Stürmer setzt - und nicht nur an diesem Sonntag (17.30 Uhr/ FAZ.NET-Liveticker) gegen Borussia Mönchengladbach.

Die betriebsinternen Probleme des bekennenden Christen Cacau - er zelebriert als Laienprediger Messen - nahmen vergangenen Herbst Fahrt auf, als Flügelmann Martin Harnik ihm öffentlich vorwarf, auf dem Spielfeld zu oft an sich zu denken. Später hieß es, die Sache sei „ironisch" gemeint gewesen und nach einem Gespräch ausgeräumt. Cacau aber schien tief gekränkt, was seinem Gemütszustand ähnelte, als er sich vorübergehend auf der Bank wiederfand, weil Labbadia lieber auf den lange verletzten Julian Schieber vertraute.

Was am wenigsten gut bei ihm ankam, war das Gefühl, vom Klub alleingelassen zu werden. Harnik - Ironie hin oder her - durfte reden, ohne eingefangen oder bestraft zu werden. Die Wahl des Mannschaftsrats im Trainingslager in Belek in der Türkei war der nächste Schlag, den Cacau zu spüren bekam - und der ihm das Gefühl vermittelte, an der Führungsfigur von einst dürfe gerüttelt werden, weil Labbadia und Manager Bobic eine neue Team-Hierarchie provozieren wollen.

Dabei hatte sich Cacau in Stuttgart ein Stück mehr geschätzt gefühlt. Der 2008 eingebürgerte Spieler gehört zu den wichtigen VfB-Profis, 2010 schien er in Stuttgart auf dem Höhepunkt angekommen. Nach einigem Hin und Her stattete ihn der schwäbische Klub mit einem langfristigen Vertrag bis 2013 aus, bei einem Jahresgehalt von rund drei Millionen Euro. Noch vergangene Saison galt er als Held. Den Status hat sich der Angreifer bei den Fans weitgehend erhalten. Als dem VfB der Abstieg drohte, spielte und traf Cacau - und riskierte seine Gesundheit, weil er mit einer Verletzung antrat und über Wochen fit gespritzt werden musste.

Nun sei bei Cacau einiges kaputtgegangen, heißt es aus seinem Umfeld. Das „Schlimmste" sei, dass man an seinem Charakter zweifle, sagt er zu seiner Demontage, nachdem er 2010 Tor um Tor geschossen und Wertschätzung eingefordert hatte. Er erzählte von Therapiesitzungen mit einem befreundeten Motivationsberater, die ihm den Weg zu mehr Gelassenheit eröffnet hätten. Er sei nicht mehr so verzweifelt, wenn etwas schieflaufe, und nicht mehr so egoistisch. Führungsfigur zu sein bereitete ihm aber zunächst mehr Probleme als erwartet. Seine Form schwankte kurz nach der Unterschrift unter den neuen Vertrag.

Trotz der „Selbstheilung", die der lange Jahre als egoistisch verschriene Cacau durchlaufen haben will, werfen ihm Kritiker nun den Rückfall in überwunden geglaubte Verhaltensmuster vor. Tatsächlich sah man Cacau in den vergangenen Monaten abwinken, klagen und in mancher Situation den Nebenmann eiskalt ignorieren.

Zu oft, kontert er, habe er nicht jene Rolle spielen dürfen, die ihm am meisten liegt: aus der Tiefe bis in den Strafraum des Gegners vorzustoßen. Was ihm beim Bundestrainer Pluspunkte einbringt, seine flexible Einsetzbarkeit, wird beim VfB zuweilen zum Fluch. Mit Strafraumstürmer Ibisevic und ihm als zweitem Mann könnte sich eine neue Chance eröffnen. Trotzdem schweigt Cacau und versucht, Normalität vorzuleben.

Schließlich geht es um viel. In Stuttgart muss er um seinen Platz kämpfen, was wiederum Voraussetzung ist, im deutschen EM-Kader zu stehen und den Traum von der WM in seinem Geburtsland Brasilien 2014 weiter zu träumen.

Von unbeschwerten Zeiten träumte Cacau auch in Korb. Dort baut er für sich und seine Familie ein Haus. Er will bleiben nach der Spielerkarriere, der eigentlich ein Job beim VfB Stuttgart folgen sollte. Jetzt muss sich Cacau noch einmal unerwartet intensiv mit der Gegenwart beschäftigen. Und heute gegen Mönchengladbach damit anfangen, seine Zukunft zu gestalten.

Quelle: F.A.S.
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