Champions League

RB Leipzig hungrig auf Europa

Von Sebastian Stier, Leipzig
 - 15:46

Irgendwann muss er ja kommen, denkt Torsten Kracht, der Abwehrspieler von Lokomotive Leipzig, und widmet sich wieder seinem Aufwärmprogramm. Nebel wabert durchs Leipziger Zentralstadion, der 26. Oktober 1988 ist ein dunstiger Herbsttag. Plötzlich wird es laut – der letzte der 22 Fußballer betritt den Rasen. Die meisten der etwa 80.000 Zuschauer erheben sich von ihren Plätzen. Jubel, Schreie, lautes Johlen. Nicht wenige schauen so entrückt, als wäre ihnen der Leibhaftige persönlich erschienen. Torsten Kracht gehört auch zu denjenigen, denen der Mund offen steht.

„Das hatte schon den Anschein, als wäre Gott persönlich zu uns gekommen, und im Grunde war es ja auch genau so“, sagt Kracht. Gemeint ist Diego Armando Maradona, der damals beste Spieler der Welt, der sich auch so benimmt. Sein Aufwärmen ist ein besseres Showprogramm. Hacke, Spitze, Jonglieren. Wie im Zirkus. Maradona gastiert mit dem SSC Neapel in Leipzig, Uefa-Pokal, zweite Runde, Hinspiel. Was niemand ahnt: Das Spiel, das 1:1 ausgeht, soll für 29 Jahre die letzte Europapokalbegegnung einer Leipziger Mannschaft bleiben.

Erst an diesem Mittwoch kehrt der internationale Fußball nach Leipzig zurück. Nicht zu Lokomotive, auch nicht zum Lokalrivalen Chemie, dafür aber ins Zentralstation. Oder besser gesagt: in die Nähe von dessen Überresten. Dort, wo einst das Zentralstadion Platz für um die 100.000 Besucher bot, steht nun die RB-Arena, Heimat des neuesten und zugleich erfolgreichsten Leipziger Großklubs. RB gibt sein internationales Debüt. Die Bühne dafür könnte kaum größer sein. Champions League, erster Spieltag. Gegner ist Frankreichs Meister AS Monaco, vergangene Saison noch Halbfinalist.

Erst acht Jahre ist es her, als der Klub durch eine Fusion mit dem SSV Markranstädt in der fünften Liga startete. Die Pläne waren damals schon ambitioniert. Dass sie so schnell umgesetzt werden konnten, überrascht dennoch. „Niemand hatte erwartet, dass die Mannschaft sich gleich in ihrem ersten Jahr Bundesliga für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren kann, erst recht nicht für die Champions League“, sagt Kracht, der im Anschluss an seine Karriere wieder nach Leipzig zurückkehrte und nun in der Immobilienbranche arbeitet. Gegen Monaco will der 49-Jährige ins Stadion gehen, eine Karte hat er sich frühzeitig besorgt. Einige Resttickets waren in den vergangenen Tagen noch zu haben, viele Anhänger empfanden die Preise für die Champions-League-Spiele als überteuert; bis zu 85 Euro wurden für beste Plätze aufgerufen.

Dennoch wird das Stadion vermutlich ausverkauft sein. „Das hier ist eine fußballhungrige Region, die Menschen haben lange von solchen Spielen geträumt“, sagt Kracht. Leipzig darbt nach großem Fußball, und vermutlich ist schon lange keine internationale Premiere eines Neulings mit derart großem Interesse begleitet worden. Das hängt auch damit zusammen, dass der Klub polarisiert wie kaum ein zweiter. Nicht wenige wollen den Überfliegern der vergangenen Saison nun unter der zusätzlichen Belastung bruchlanden sehen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man es nur mit jungen Leuten schaffen kann, wenn man dreimal die Woche spielt“, hatte Bayern-Präsident Uli Hoeneß jüngst geunkt. Der Leipziger Trainer Ralph Hasenhüttl konterte: „Es ist an uns, auch in der Champions League das Gegenteil zu beweisen.“

In der Liga spielt seine Mannschaft entgegen der Prognosen einiger Fachleute schon wieder so beängstigend gut wie im Vorjahr. Zwei Siege aus drei Spielen, erreicht durch gradlinigen, zielführenden Hochgeschwindigkeitsfußball. Weil Leipzigs Spieler aber fast immer schneller und mehr laufen als die des Gegners, wird die spannendste Frage der kommenden Wochen tatsächlich sein, wie RB die Dreifachbelastung verkraftet.

Bayerns Meistertrainer Ottmar Hitzfeld glaubt, „dass Leipzig auch trotz der höheren Anzahl von Spielen Erfolg haben wird, da man in Sachen Trainingssteuerung sehr modern und gut arbeitet“. Aber ein Leistungsabfall wäre auf der anderen Seite auch keine Überraschung. Die TSG Hoffenheim, in der vergangenen Spielzeit ähnlich überraschend weit vorn wie Leipzig, hat in der Qualifikation gegen Liverpool schon zu spüren bekommen, dass das Niveau in der Champions League fordernder ist.

Für international ambitionierte Leipziger Spieler ist der Wettbewerb die ideale Bühne, sich zu präsentieren. Junge Kräfte wie Emil Forsberg, Jean-Kevin Augustin oder Timo Werner wollen es eventuell dem Teamkollegen Naby Keita nachmachen, der für die kommende Saison schon beim FC Liverpool unterschrieben hat. Welche Plattform die Königsklasse in dieser Hinsicht sein kann, erfuhr RB schon vor dem ersten Anpfiff. Pünktlich zum ersten Spieltag machte die spanische Sportzeitung „As“ am Dienstag mit Timo Werner auf. Im Text hieß es, Real Madrid habe großes Interesse, den 21 Jahre alten Angreifer zur kommenden Saison zu verpflichten.

Werners Vertrag in Leipzig läuft im Juni 2020 aus. RB-Klubchef Oliver Mintzlaff kündigte an, dass die Verlängerung mit Werner oberste Priorität habe. Torsten Kracht glaubt nicht, dass sich die Mannschaft am Ende ihrer Debüt-Saison in der Champions League in alle Himmelsrichtungen verstreuen wird. „Dafür wurde in der Vergangenheit zu gut gearbeitet. Und aufgrund der finanziellen Möglichkeiten besteht auch kein zwingender Grund, Spieler abzugeben“, sagt er.

Torsten Kracht hat seine liebsten Erinnerungsstücke der letzten Leipziger Europapokal-Dekade in der Garage aufgehängt. Unter anderem sein Trikot, das er gegen Neapel getragen hat. Daneben das des Neapolitaners Alemão. Seinen Nachfolgern von RB wünscht er eine ähnlich volle Vitrine. Auf das der Beutezug durch Europa möglichst lange anhalte.

RB Leipzig
Hindernisse wie jeder andere Verein auch
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Quelle: F.A.Z.
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