Juventus Turin

Trotz Problemzone selbstbewusst gegen Tottenham

Von Thomas Hürner
 - 18:01
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Ruhe und Geduld seien das Wichtigste im Fußball, findet Massimiliano Allegri, der Trainer von Juventus Turin. In letzter Zeit betont der 50-Jährige dieses Credo besonders häufig, denn sein Klub sieht sich in der italienischen Serie A mit einer inzwischen ungewohnten Situation konfrontiert. Auf einmal wird der Meister der vergangenen sechs Jahre vom SSC Neapel in die Rolle des Verfolgers gedrängt, und weil der aktuelle Tabellenführer seine Spiele genauso regelmäßig gewinnt wie Juventus, will sich an diesem Umstand schon seit Wochen einfach nichts ändern. „Nervosität hat bei uns keinen Platz“, stellte Allegri aber erst kürzlich wieder unmissverständlich klar, „wir gewinnen einfach weiter und sehen dann, was passiert.“

Momentaufnahmen interessieren sie nicht in Turin, und damit war am Freitagabend auch die vielleicht schwächste Leistung in der aktuellen Saison schnell abgehakt für Allegri. Es war ein 2:0-Auswärtserfolg gegen beim AC Florenz, begünstigt durch eine umstrittene Szene in der 21. Spielminute. Zunächst hatte Schiedsrichter Marco Guida nach einem Handspiel von Giorgio Chiellini auf Elfmeter für die Heimmannschaft entschieden, nach minutenlangen Diskussionen mit dem Videoschiedsrichter gab es dann wegen einer vermeintlichen Abseitsposition jedoch einen Freistoß für Juventus. Es war nicht viel zu sehen von jener Souveränität, mit der die Turiner zuletzt neun Ligapartien nacheinander gewonnen hatten.

Vor dem Hinspiel im Champions-League-Achtelfinale am Dienstagabend gegen die Tottenham Hotspur sorgen aber weder der schwache Auftritt gegen Florenz noch etwaige Personalsorgen für Unbehagen bei Allegri. Zwar räumte der Trainer ein, dass seine Mannschaft gegen die Engländer deutlich besser spielen müsse als am Wochenende in der Toskana. „Unsere Stärke war aber schon immer, auf den Punkt da zu sein“, sagt er. „Tottenham hat technisch hervorragende Spieler, aber Spiele in der Champions League gewinnt man vor allem mit Physis und Erfahrung.“

Problem im Mittelfeld

Verzichten muss der Italiener an diesem Dienstag aber auf Abwehrspieler Andrea Barzagli und auf Blaise Matuidi. Vor allem der Ausfall von Matuidi wiegt schwer, wenn es um die von Allegri angesprochene Physis geht. „Der einzige Unersetzbare muss ersetzt werden“, schrieb die italienische Zeitung „La Repubblica“ über den verletzungsbedingten Ausfall des Neuzugangs von Paris Saint-Germain, der sich bei Juventus schnell als die führende Kraft im Mittelfeld eingefügt hat. Dort ist er sowohl für Ballgewinne als auch für die Balance im Spiel zuständig: Kein Spieler gewinnt im Juve-Mittelfeld mehr Zweikämpfe, keiner bringt mehr Pässe in der gegnerischen Hälfte an den Mann.

In Florenz erwies sich der lange verletzte Claudio Marchisio nicht als gleichwertiger Ersatz, und die zweite Alternative auf der Position des Franzosen, der 20-jährige Argentinier Rodrigo Bentancur, wurde von seinem Trainer in der Königsklasse bislang gar nicht eingesetzt.

Weil auch Kreativmann Paulo Dybala aufgrund einer Oberschenkelblessur fraglich ist, soll der nicht gerade als experimentierfreudig bekannte Allegri für dieses Spiel tatsächlich über einen Systemwechsel nachdenken: Statt drei nur noch zwei Spieler im Mittelfeld, dafür mit Gonzalo Higuaín, Mario Mandžukić, Federico Bernardeschi und dem ehemaligen Bayern-Spieler Douglas Costa gleich vier Angreifer auf dem Platz. „Wir müssen die spielstarke Tottenham-Defensive früh unter Druck setzen“, sagte der deutsche Nationalspieler Sami Khedira in einem Interview mit dem britischen Fernsehsender BBC.

Das Hauptaugenmerk in den Vorbereitungen auf die Partie gelte jedoch Stürmer Harry Kane, der mit 23 Treffern wieder die Torschützenliste in England anführt. Für Khedira ist der 24-Jährige gar der „kompletteste Stürmer der Welt“, noch vor Bayerns Robert Lewandowski oder dem eigenen Teamkollege Higuaín. Bei den Vorteilen von Juventus gegenüber dem Gegner hält es der Mittelfeldspieler aber wie sein Trainer: „Wir sind erfahrener – und das kann am Ende immer entscheidend sein.“

Quelle: F.A.Z.
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