Fußball-Kommentar

80 Millionen Euro für einen Torwart

Von Christian Kamp
 - 14:35

Es war gewiss nicht der Lockruf des Distelfinks, dem Kepa Arrizabalaga gefolgt ist. Aber womöglich wird der künftige Torhüter des FC Chelsea zumindest wohlwollend zur Kenntnis genommen haben, dass der sangesfreudige Vogel, Carduelis carduelis, auch auf der Insel zu Hause ist. In seiner Jugend schließlich, so berichten es englische Medien dieser Tage, war es Kepas zweite Passion neben dem Fußball, zusammen mit seinem Vater Distelfinken zu fangen und ihnen liebliche Gesänge beizubringen. Mit seinen gefiederten Freunden Oker, Rocky und Raikkonen soll er in seiner baskischen Heimat sogar zwei Preise bei regionalen Wettbewerben gewonnen haben.

Als Fußballtorwart hat Kepa, der in London einen Vertrag über sieben Jahre unterschrieb, bislang ein Länderspiel für Spanien absolviert und einen nennenswerten Titel gewonnen, die U-19-Europameisterschaft im Jahr 2012. Noch nicht allzu viel also, was manchen Fußballfreund vielleicht auch an einen Vogel denken und sich an die Stirn tippen lassen mag, wenn Kepa Arrizabalaga, 23 Jahre alt, nun mit einem Wechsel von Athletic Bilbao zum FC Chelsea zum teuersten Torhüter der Welt aufsteigt: 80 Millionen Euro, das war der Betrag, der als Ausstiegsklausel in Kepas Vertrag festgeschrieben war.

Aber nach Expertenmeinung gehört der junge Baske, dessen vollständiger Name für deutsche Ohren noch etwas schwer über die Lippen geht, tatsächlich zu den größten Talenten in Europa. Und dass inzwischen auch für die Spezies Torhüter mitunter absolute Liebhaberpreise auf dem Transfermarkt zu berappen sind, weiß man spätestens, seit vor ein paar Wochen der FC Liverpool den Brasilianer Alisson Becker für 75 Millionen unter Vertrag nahm.

Für Jürgen Klopps „Reds“ soll es eine Investition sein, die sich in Silberware auszahlt. Dass Chelsea nun so tief in die Tasche greifen muss, hat auch noch andere Gründe. Zum einen war die Not groß, weil Thibaut Courtois, die bisherige Nummer eins, den Abflug zu Real Madrid erzwang und seit Beginn der Woche unentschuldigt beim Training fehlt. Er hatte Erfolg. In Spanien unterschrieb der Belgier nun einen Vertrag über sechs Jahre. Zudem ist es bewährte Geschäftspraxis in Bilbao, den Spielern hohe Preisschilder ohne Verhandlungsspielraum umzuhängen, um aus dem Erlös wieder den eigenen Nachwuchs voranzubringen.

So hatte Kepa den Vertrag mit seinem Heimatklub im Januar noch einmal bis 2025 verlängert, kurz nachdem ein Wechsel zu Real Madrid am Veto von Trainer Zidane gescheitert war. Damals sollte Kepa 20 Millionen kosten, jetzt ist es das Vierfache – ein Deal, der sich für Klub wie Keeper prächtig rechnet. Pfeifen jedenfalls die Spatzen von den Dächern.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp
Sportredakteur.
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