Spiel ohne Regeln?

Der belgische Fußball steht unter Schock

Von Michael Stabenow, Brüssel
 - 13:25

Dejan Veljkovic gilt als diskreter Vertreter seines Berufsstandes. Von dem 48 Jahre alten Spielervermittler, der einst als junger Profifußballer aus seiner serbischen Heimat zum damaligen belgischen Erstligaverein Eendracht Aalst kam, gab es zuletzt nur wenige Fotos. Anders hält es sein vier Jahre jüngerer Kollege Arnaud Bayat, den alle nur „Mogi“ nennen. Von 2003 bis 2010 war der extrovertierte Belgier mit iranischen Wurzeln sportlicher Leiter des Erstligaklubs Sporting Charleroi. Inzwischen dreht Bayat, der in der belgischen Presse unter dem Spitznamen „Mr. Fix it“ firmiert, kräftig am Spielerkarussell mit.

So unterschiedlich Veljkovic und Bayat auch wirken mögen – beide dürften sich einen erklecklichen Teil des auf 42 Millionen Euro geschätzten Gesamtbetrags gesichert haben, den Spielervermittler in der Saison 2017/18 in Belgien mit Transfers erwirtschaftet haben. Und beide stehen nun im Mittelpunkt einer Affäre, deren gesamtes Ausmaß die belgische Justiz jetzt zu klären versucht. So gab die belgische Bundesanwaltschaft am Donnerstag bekannt, dass ein weiterer, 59 Jahre alter und nicht namentlich genannter Spielervermittler festgenommen worden sei.

Die Rede ist von Schmiergeldzahlungen, Essenseinladungen und weiteren Annehmlichkeiten – sowie von mehreren manipulierten Spielen in der ersten belgischen Liga. Fast zwei Hundertschaften Polizisten hatten sich am Mittwoch in verschiedenen Landesteilen an 44 Hausdurchsuchungen beteiligt. Dabei kam es zu 28 vorläufigen Festnahmen. Nicht nur Veljkovic und Bayat, auch etliche Vereinsfunktionäre, Trainer, Profifußballer, zwei Journalisten, ein ehemaliger Anwalt sowie zwei der angesehensten belgischen Schiedsrichter mussten sich bohrenden Fragen der Ermittler stellen. Auch der kroatische Trainer des belgischen Meisters FC Brügge, Ivan Leko, zu dem Veljkovic gute Kontakte unterhalten haben soll, musste eine Nacht im Gefängnis verbringen und sich am Donnerstag von einem Untersuchungsrichter befragen lassen. Noch am Donnerstagabend wurde er wieder auf freien Fuß gelassen.

Fragwürdige Konstruktionen

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Untersuchungen der Justiz zu einem mutmaßlichen Korruptionssumpf in der auch in Belgien – neben Radrennen – beliebtesten Sportart unter der Bezeichnung „Schone Handen“ (Saubere Hände) laufen. Begonnen hatte alles Ende vergangenen Jahres, als Ermittlungen wegen vermuteter illegaler Konstruktionen bei Geschäften von Spielervermittlern begannen. Nach Erkenntnissen der Zeitung „De Standaard“ sollen monatelang die Telefone von Veljkovic und Bayat abgehört worden sein und die Ermittlungen dabei schließlich eine neue Wendung erhalten haben.

Sprecher der belgischen Bundesanwaltschaft berichteten am Donnerstag über fragwürdige, ins Ausland reichende finanzielle Konstruktionen, mit denen beide Spielervermittler Gelder am Fiskus vorbeigeschleust hätten. Von in Serbien verborgenen hohen Bargeldbeträgen, von Luxusuhren im Wert von mehreren Millionen Euro, aber auch von einer möglichen Verstrickung von Vereinen wie dem FC Brügge und dem traditionsreichen wallonischen Verein Standard Lüttich war die Rede

Im Mittelpunkt der Ermittlungen, die sich zunächst vor allem um die dunklen Geschäfte auf dem Markt der Spielervermittler drehten, rückte offenbar mit der Zeit zunehmend die über den Abstieg aus der ersten Liga entscheidende Partie zwischen KV Mechelen und Waasland-Beveren. Mechelen gewann das Spiel am 11. März zwar 2:0. Es war aber ein wertloser Sieg, da am selben Spieltag der ebenfalls abstiegsgefährdete ostbelgische Konkurrent KAS Eupen seine Begegnung mit dem wallonischen Verein Excelsior Mouscron überraschend deutlich 4:0 für sich entscheiden konnte.

Wenig Gegenwehr

Schon damals machten Mutmaßungen die Runde, dass bei dem Sieg der Eupener nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Auch jetzt wurde wieder darauf verwiesen, dass Mouscron nur wenig Gegenwehr geleistet habe und zudem über gute Kontakte zum Spielervermittler Bayat verfüge. Tatsächlich hatte sich das Augenmerk der Ermittler zuletzt besonders auf seinen Berufskollegen Veljkovic gerichtet, der seit längerem enge Verbindungen zu Spielern und zur Vereinsführung von KV Mechelen unterhalten haben soll. Bei den Ermittlungen soll sich herausgestellt haben, dass der serbische Spielervermittler vor zwei entscheidenden Ligaspielen mit Bart Vertenten zusammengetroffen sei, der damals als einer der besten Schiedsrichter des Landes galt.

Außer Zweifel steht, dass Vertenten bei der Begegnung zwischen Antwerpen und Eupen einen Elfmeter für die Heimmannschaft gepfiffen hatte, obwohl das vermeintliche oder tatsächliche Foul außerhalb des Strafraums begangen wurde. Auch eine Woche zuvor, beim Spiel KV Mechelen gegen Sporting Charleroi, war Vertenten als Schiedsrichter im Einsatz und hatte dabei einen umstrittenen Strafstoß für die abstiegsbedrohte Heimmannschaft gepfiffen. Da der Schütze den Elfmeter vergab, spitzte sich die Lage für KV Mechelen weiter dramatisch zu. Die Bundesanwaltschaft berichtete am Donnerstag auch über Versuche, in Kontakten mit Sportjournalisten von zwei Zeitungen eine möglichst gute Bewertung der Schiedsrichterleistungen Vertentens zu erreichen.

Die Ermittler verfügen offenbar über Erkenntnisse darüber, dass „D.V.“ gemeinsam mit Vereinsfunktionären von KV Mechelen bestrebt gewesen sei, das als entscheidend angesehene Spiel gegen Waasland-Beveren zu manipulieren. Einzelheiten nannten die Behörden allerdings nicht. Auch zu der ebenfalls noch anstehenden Vernehmung von 18 Personen wollten die Sprecher der Bundesanwaltschaft am Donnerstag unter Hinweis auf die noch laufenden Ermittlungen keine weiteren Details preisgeben.

Neben Vertenten ist auch der oft als bester Schiedsrichter Belgiens bezeichnete Sebastien Delferière in das Visier der Ermittler geraten. Sie untersuchen offenbar, welche Rolle Veljkovic im Zusammenhang mit einem Platzverweis durch den Schiedsrichter gespielt haben. Berichtet wurde in der belgische Presse, dass Delferière auf Vermittlung Veljkovic‘ zu günstigen Bedingungen einen VW Tiguan bei einem Autohändler in Aalst erworben habe. Delferière wurde am Donnerstag unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt.

Quelle: F.A.Z.
Michael Stabenow
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.
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