DFB-Pokal

Die Eintracht erreicht ihr Ziel – mehr nicht

Von Marc Heinrich, Siegen
 - 21:06

Die Eintracht ist und bleibt eine sportliche Wundertüte, bei der nicht einmal die direkt Beteiligten zu prophezeien vermögen, was wirklich in dieser Mannschaft steckt. Abermals setzt Trainer Niko Kovac bei seinem Projekt, mit den Frankfurtern den Abstand zu den Liga-Schwergewichten ein wenig zu verkleinern, auf eine Auswahl an Spielern, von denen für viele das hiesige Fußballgeschäft Neuland ist. In der vergangenen Saison ging das Experiment überraschend gut, vor allem der Einzug ins Pokalfinale (1:2 gegen Dortmund) war ein Erfolg, der die Hessen in ihrem Kurs bestätigte.

Nun, rund drei Monate nach dem Auftritt in Berlin, für den es für sie trotz der Niederlage viel Lob gab, stand zum Start in die neue Pflichtspielrunde wiederum eine Pokalpartie auf dem Programm – gegen einen ungleich unbekannteren Gegner. Der TuS Erndtebrück, Aufsteiger in die Regionalliga, wehrte sich am Samstag nach Kräften und bescherte den Frankfurtern einen anstrengenden Nachmittag, doch nach neunzig Minuten setzte sich die Klasse der Profis beim 3:0-Sieg gegen die viertklassigen Amateure durch.

Eine Undiszipliniertheit ihres Kapitäns erschwerte den Frankfurtern die Aufgabe aber merklich. Sie mussten von der 22. Minute an zu zehnt auskommen, weil sie David Abraham durch einen Platzverweis verloren. Der argentinische Innenverteidiger wusste sich nach einem Missverständnis mit Makoto Hasebe nur durch eine sogenannte „Notbremse“ zu helfen und riss den zum Sprint ansetzenden Yuki Nishiya um. In Unterzahl war es um die spielerische Überlegenheit des Bundesliga-Elften der Vorsaison geschehen, der zuvor ein halbes Dutzend guter Möglichkeiten durch Daichi Kamada (3. und 16.), Sébastien Haller (10., 15. und 26.) und Abraham (19.) ausgelassen hatte. Eine Einzelaktion von Timothy Chandler brachte der Eintracht vor der Pause dann doch die Führung: Eine Flanke von Taleb Tawatha, die von Haller vor seine Füße verlängert wurde, schoss der amerikanische Nationalspieler unhaltbar ins Netz (35.).

Als im zweiten Abschnitt den Westfalen die Kräfte schwanden, machte der Favorit kurzen Prozess: Mijat Gacinovic (72.) und Haller (73.) trafen zum Endergebnis, für das viel Arbeit notwendig war. „Das war eine Rote Karte, kein Thema“, äußerte sich Abraham zu seinem Fehlgriff in den Katakomben des Stadions in Siegen, das als Ausweichquartier gewählt wurde, weil die Verhältnisse in Erndtebrück dem Publikumsinteresse nicht gewachsen gewesen wären. So sahen 13-000 Zuschauer nach den Worten Abrahams „sicher nicht unser stärkstes Spiel“. Er hoffte, von den Sportrichtern des Verbandes nur mit einer kurzen Sperre bestraft zu werden, und dankte den Kollegen „für die gute Reaktion“, die sie nach seiner Hinausstellung gezeigt hätten. Höheren Ansprüchen, das räumte der Routinier ein, der gemeinsam mit Marco Russ zu Beginn die Zentrale der Abwehrkette gebildet hatte, genügte es nicht, was die Eintracht bei Regen und Wind zeigte: „Alles muss besser werden!“, lautete der Kernsatz in der Analyse Abrahams, „denn in der Bundesliga geht es demnächst anders zur Sache.“

Auch Gacinovic, der agilste Akteur im weißen Dress mit dem Adler auf der Brust, fand es durchaus anstrengend, bis das Tagwerk so absolviert war, dass er und seine Mitstreiter den Rasen trotz allem erhobenen Hauptes verlassen konnten. Der junge Serbe legte auf dem linken Flügel mit Tempo und Ideen los, suchte insbesondere immer wieder den Kontakt zu Haller im Sturmzentrum, doch nach einer halben Stunde musste er vor allem als Lückenbüßer ran; fortan galt sein Hauptaugenmerk den Aufgaben eines „Sechsers“, der sich (mehr, als es Gacinovic eigentlich lieb ist) auch nach hinten orientieren musste, weil Makoto Hasebe auf die Abraham-Position wechselte. Darunter litt auch die Kreativität in der Frankfurter Vorstellung, zumal leichtsinnige Ballverluste regelmäßig für Pressing-Szenen im Mittelfeld sorgten, bei denen die Nobodys des TuS Erndtebrück mit großem Eifer der Kugel nachjagten. Erst ein Solo von Gacinovic Mitte der zweiten Hälfte beseitigte die Zweifel am Weiterkommen.

„Ziel erreicht“, urteilte Kovac hinterher, „auch wenn wir uns das Leben selbst schwergemacht haben.“ Die kommende Woche, bis zum Liga-Debüt, will der Coach für „einige“ kosmetische Retuschen nutzen, um in Freiburg ein „gutes Gesicht“ zu zeigen, wie er es formulierte. Zum Kader soll bis dahin auch ein weiterer Verteidiger zählen, der auf seinem Wunschzettel ganz oben steht. Kovac sprach von einem „Tauziehen“ mit dem abgebenden Verein, ohne zu Kandidaten oder Konditionen näher ins Detail gehen zu wollen. Auskunftsfreudiger zeigte er sich bei zwei Sorgenkindern, die zuletzt Teile der Vorbereitung aus gesundheitlichen Gründen verpassten: Die Genesung von Jonathan de Guzman (Leiste) mache Fortschritte, und die Schulterverletzung von Carlos Salcedo sei nahezu ausgeheilt, berichtete Kovac und deutete an, dass er das Duo – wenn es nach Absprache mit den Ärzten vertretbar erscheint – schon gegen den Sportclub ins Aufgebot berufen möchte. Zugänge ihrer Klasse seien nicht engagiert worden, „um sie auf die Bank zu setzen“. Ein spürbarer Qualitätsschub, das gehört zu den bleibenden Eindrücken der Begegnung mit Erndtebrück, kann der Eintracht gewiss nicht schaden.

Quelle: F.A.S.
Marc Heinrich  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marc Heinrich
Sportredakteur.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenNiko KovacBorussia-DortmundEintracht Frankfurt