Russland 2018

Die vielen Baustellen im deutschen WM-Team

Von Michael Horeni und Christian Kamp
 - 15:26

Form-Check: Vor dem Start der WM gibt es noch viele Fragezeichen rund um die Nationalmannschaft. Finden Neuer und Boateng zu gewohnter Klasse? Hält di

Lex Neuer

Nicht nur der Pokal hat seine eigenen Gesetze, das gilt auch für Manuel Neuer. Oder besser: Für die jahrelange Nummer eins wurden die üblichen Kriterien außer Kraft gesetzt, nach denen sich Sportler üblicherweise qualifizieren müssen. Über Monate hinweg hatte für Bundestrainer Löw das Diktum gegolten, dass eine Nominierung Neuers nur möglich ist, wenn er in der Bundesliga zu Einsatzzeiten komme, in der er seit September 2017 nicht mehr gespielt hat.

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Als Neuer dies nach dem dritten Bruch des Mittelfußes nicht schaffte, schuf Löw die Lex Neuer. Und die lautet: 90 Minuten gegen Österreich und eine Halbzeit gegen Saudi-Arabien mit insgesamt nur einer Handvoll Torwartaktionen genügen, um Stammtorwart des Weltmeisters bei der WM zu werden. Und damit war der Kampf um die Nummer eins in Wahrheit auch nur die Simulation eines Duells. Ein Duell, dass ter Stegen nicht gewinnen konnte.

Aus den Kriterien einer Leistungsgesellschaft wurden bei der Frage nach der Nummer eins die Kriterien einer Glaubensgemeinschaft. Obwohl ter Stegen im vergangenen Sommer den Confed Cup mit der Nationalelf gewann, in Barcelona eine herausragende Saison spielte, zu den besten Torhütern der Welt zählt und auch in der WM-Saison im DFB-Team durchgängig seine Klasse bewies, hat die Hoffnung entschieden, der Kapitän des Weltmeisters möge nach seiner langen Pause in Russland wieder der Torwart sein, der er mal war. Mit objektiven, überprüfbaren Kriterien hat die Wahl der Nummer eins nicht viel zu tun.

Sie speist sich vor allem aus dem Glauben, dass Neuer den Belastungen standhält, dass er im Wettkampfmodus von sieben Spielen in vier Wochen seine Qualität nicht einbüßt und keinen so schlimmen Fehler macht, der diese Entscheidung nachträglich in Frage stellt. Sicher aber ist das nicht, wie auch? Tatsache aber ist auch: Die Extraklasse Neuers war im Trainingslager immer wieder zu bewundern. Wenn Bernd Leno, Kevin Trapp oder auch ter Stegen im Tor standen und die Bälle fingen oder fausteten, und man meinte, es gehe eigentlich kaum besser, kam Neuer, und man spürte und wusste: es geht besser. (hor.)

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Einfalltore auf beiden Seiten

„Wenn ich ein Problem sehe“, hat Thomas Müller im Trainingslager in Eppan gesagt, „dann ist es eher unsere defensive Stabilität.“ Das war kein Versuch, die eigenen Abwehrleute anzuschwärzen, es ging eher darum, sich und seinesgleichen in die (Mit-)Verantwortung zu nehmen. Müller wies auf das hin, was zwar immer wieder heruntergebetet wird, in der Praxis des deutschen Teams zuletzt aber offenbar ein wenig in Vergessenheit geraten war. Dass erfolgreiches Verteidigen ziemlich weit vorne beginnt. Bedeutet nicht, dass Müller am eigenen Strafraum grätschen muss. Bedeutet aber, „mit Intensität die Passwege des Gegners schließen, damit die Verteidiger und defensiven Mittelfeldspieler den kürzeren Weg zum Gegner haben, in die Zweikämpfe kommen und ihre Stärken ausspielen können“, wie Müller sagt. Und bedeutet auch: allzu fahrlässige Fehler im Spiel nach vorn vermeiden: „Ein Konter geht oft bei falscher Riskoabschätzung eines Offensivspielers los.“

Von der Arbeit der Vorderleute mit, aber vor allem ohne Ball wird es also abhängen, wie die Abwehrspieler selbst zupacken können. Wie sehr diese auf Unterstützung angewiesen sind, führte das Österreich-Spiel beispielhaft vor Augen, insbesondere, nachdem Sami Khedira ausgewechselt war und so nicht mehr im Mittelfeld für Ordnung sorgte. Gegen Saudi-Arabien spielte in der Innenverteidigung die erste Besetzung, Mats Hummels und Jerome Boateng. In Sachen Autorität, Auge und Zweikampfführung ist die deutsche Mannschaft damit exzellent besetzt. Weil aber auch der Faktor Tempo eine Rolle spielt, muss Löw hoffen, dass Boateng in Russland tatsächlich im Vollbesitz seiner Kräfte ist.

Gegen Saudi-Arabien war er das noch nicht. Und dann führten die beiden Tests noch etwas anderes vor Augen: dass die Deutschen auf den Außenverteidigerpositionen ihre Probleme bekommen könnten. In Klagenfurt zeigten Lainer und Alaba ihren Gegenübern Hector und Kimmich, wie der Hase läuft: schnell und trickreich nämlich. Hector kann die Rolle an sich zur Zufriedenheit ausfüllen, nach seiner Verletzungspause fehlen ihm aber (noch) Selbstverständlichkeit und auch ein bisschen Sicherheit. Kimmich lief in Klagenfurt schon deshalb viel hinterher, weil er sich ein Übermaß an Fehlern leistete. So jedenfalls sind die weit aufgerückten deutschen Außenverteidiger ein willkommenes Einfalltor für den Gegner. Das, so ist zu befürchten, weiß man nicht nur in Österreich und Saudi-Arabien. (camp.)

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Im Zentrum ein Mysterium

Im deutschen Mittelfeld, so dachte man immer, gibt es eigentlich nichts, was es nicht gibt – und manches davon sogar mehr als nur einmal. Tatsächlich aber lässt selbst Löws Luxuskader da Wünsche offen, wie man jetzt auch in Leverkusen im Spiel gegen die Saudis sehen konnte. Man muss ja nicht gleich an Lothar Matthäus denken und dessen unwiderstehlichen Sololauf bei der WM 1990 gegen Jugoslawien. Aber etwas mehr Tempo und Dynamik aus der Tiefe könnte das deutsche Spiel schon vertragen. Ist der Ball erst einmal am und um den Strafraum, gibt es genügend Könner unterschiedlicher Couleur, die damit etwas anfangen können. Wobei auch da die Momentaufnahme gegen Saudi-Arabien noch unscharfe Bilder zeigte.

Rechts geht in Russland wie eh und je Thomas Müller als Favorit an den Start, bei der Generalprobe allerdings hatte er, trotz einiger gefährlicher Szenen, auch genug mit sich zu tun. In der Mitte, tja, ist der ohnehin bisweilen rätselhafte Mesut Özil derzeit ein Mysterium. Seine Knieprobleme, die einen Einsatz gegen Saudi-Arabien verhinderten, seien „nichts Dramatisches“, heißt es. Aber Özil hatte zuletzt ja auch noch Rücken – und, wer weiß das schon genau, womöglich auch den Kopf nicht frei. An sich besitzt er wie kaum ein anderer die Gabe, dem Spiel mit nur einer Berührung eine ungeahnte Richtung zu geben. Löw aber muss mehr denn je hoffen, dass Özil sie auch zur Entfaltung bringt. Und, dass der Spieler Erdogan, den er eigentlich zu Hause lassen wollte, nicht doch als Störenfried auftaucht.

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Boateng zu WM-Chancen„Als Weltmeister bist du immer der Gejagte“

Alternativ könnte die zentrale Position auch eine Angelegenheit für Marco Reus oder Julian Draxler werden. Reus, halb Stürmer, halb Mittelfeldspiler, ist der Mann, der nach Özil die zweitgrößte Gabe besitzt, das Spiel mit nur einer Berührung in eine andere Richtung zu lenken – und obendrein mehr Tempo, wovon das deutsche Team nach der freiwilligen Selbstbeschränkung in Sachen Sané merklich weniger hat.

Wenn es darum geht, wo Titel geschmiedet werden, sollte der Blick ohnehin noch einmal in eine andere Richtung gehen: in die Strategie- und Strukturzentrale. Nur wenn Toni Kroos und Sami Khedira es schaffen, dort für die richtige Balance zu sorgen, kann es etwas werden mit dem fünften Stern. Es ist kein Zufall, dass auch Kroos die Sinne für das Wesentliche schärft. „2014 haben wir im ganzen Turnier kaum Gegentore bekommen, das war kein Zufall. In letzter Zeit haben wir deutlich mehr Gegentore bekommen, das ist auch kein Zufall“ sagt er. „Dieses Gefühl, auf dem Platz unangenehm zu sein, müssen wir trainieren und entwickeln.“ Was so viel heißt wie: nicht zaubern, sondern beißen. (camp.)

Reicht die Durchschlagskraft?

Das große Erstaunen über den Verzicht von Bundestrainer Joachim Löw auf Leroy Sané beruht nicht zuletzt auf dem alles andere als weltmeisterlichen Angebot an deutschen Stürmern. Auch das letzte Testspiel gegen Saudi-Arabien hat gezeigt, woran es immer wieder mal beim Weltmeister im Angriff mangelt: an Durchschlagskraft und Tempo. Sané gehört in dieser Saison zu den Topscorern in Europa, wurde zum „Young Player oft the Year“ in England und war einer der auffälligsten Spieler der Premier League. Einen Tempodribbler wie ihn kann man sich im modernen Fußball nur wünschen, das hat man dem Spiel des Weltmeisters am Freitag sogar gegen Saudi-Arabien angemerkt. Tatsache ist aber auch: Seit der EM 2016, bei der Sané nur ein paar Minuten beim verlorenen Halbfinale gegen Frankreich mitmachen durfte, haben es der Angreifer und sein Bundestrainer nicht geschafft, die Qualität, die in diesem Talent steckt, für die Nationalelf nutzbar zu machen. Das ist keine sportliche Ruhmestat, nicht für Sané, aber auch nicht für Löw.

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Mit Timo Werner und Marco Reus gibt es immerhin noch zwei Spieler, die Tempo und Zug zum Tor mit nach Russland bringen. Der Leipziger Tempomacher hat es seit knapp eineinhalb Jahren geschafft, seine Schnelligkeit und Torgefahr nicht nur im Klub, sondern auch bei Löw unter Beweis zu stellen. Aber seine absolute internationale Tauglichkeit muss er bei der WM auch erst noch beweisen, ganz zu schweigen vom ewigen Pechvogel Marco Reus, dessen Körper so oft nicht mitspielte, wenn es darauf ankam. Diesmal war er aber sogar bei der deutschen Enttäuschung gegen Saudi-Arabien ein Lichtblick in Richtung Russland.

Ansonsten sieht der deutsche Sturm nicht gerade so weltmeisterlich aus, dass er deutsche Titelträume im Alleingang wahr werden lassen könnte. Der erfahrene Mario Gomez spielt sein fünftes Turnier, aber der Strafraumspieler gehört nicht mehr zur ersten internationalen Reihe. Den wildentschlossenen Sandro Wagner, der die legendäre U21 mit Neuer, Hummels, Jerome Boateng, Özil und Khedira übrigens mit zwei Toren im EM-Finale 2009 zum Titel geschossen hatte, hat Löw zu Hause gelassen. Seiner Überraschungsnominierung für das Trainingslager, Nils Petersen, vertraute er dann aber doch nur für Südtirol. Torgefahr und Durchschlagskraft sind nicht die großen Stärken des Weltmeisters. Aber einen Toptorjäger stellten die Deutschen bei den beiden vergangenen Weltmeisterschaften trotzdem: Thomas Müller. Ob der Münchner es bei seiner dritten WM wieder schafft, mit seinen Treffern ein Spiel allein zu entscheiden und die Mannschaft in die richtige Richtung zu führen – das ist leider nicht gewiss. Sicher ist nur: Ein junger Spieler, der es vielleicht auch mal könnte, sitzt dann bei der WM nur vor dem Fernseher. (hor.)

Quelle: F.A.S.
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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Christian Kamp
Sportredakteur.
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