Fußball-Kommentar

Warten auf den Schleudergang

Von Peter Penders
 - 14:29

Der Gewöhnungsprozess hat wie in allen Dingen des normalen Lebens schnell eingesetzt. Davon ist der Profifußball zwar schon immer weit und mittlerweile unendlich weit entfernt, aber das Erregungspotential am Wochenende hielt sich in überschaubaren Grenzen. Der Wechsel von Philippe Coutinho vom FC Liverpool zum FC Barcelona für 120 Millionen Euro, die sich in den kommenden Jahren auf insgesamt 160 Millionen Euro erhöhen werden, hat allenfalls noch für ein Achselzucken gesorgt. Sie sind halt so, diese Zeiten: Der Fußball spielt eben Monopoly zweimal im Jahr, während der Transferperioden.

Interessanter, als sich noch großartig über etwas aufzuregen, was sich seit dem Sommer und dem durch die 222 Millionen für Neymar ausgelösten Dammbruch abzeichnete, ist die Kettenreaktion, die nun einsetzen wird. Es ist extrem viel Geld im Markt, und es wird ausgegeben. Es reicht schon, wenn ein Verein nach dem gerne verwendeten Motto „wir sind ja keine Bank“ agiert; sofort folgt der Schneeballeffekt. Natürlich wird auch der FC Liverpool die hübsche Summe nicht auf das Festgeldkonto legen, vielleicht haben sie ohnehin schon etwas davon ausgegeben, um die 84,5 Millionen Euro für Virgil van Dijk zu finanzieren. Ein holländischer Verteidiger ist nun der teuerste Abwehrspieler der Welt – so verrückt ist dieser Fußball mittlerweile. Die Niederlande standen doch einst für den schönsten Angriffsfußball und stehen nun für einen wuchtigen Verteidiger, den man früher in Deutschland verortet hätte.

Die Spekulationsbörse ist jedenfalls seit Samstagabend wieder weit geöffnet. Liverpool erklärte Coutinho im Sommer für diese Saison für unverkäuflich und ließ ihn nun doch ziehen – vielleicht als Part des Deals, dass er sich nach dem Gerangel im Sommer zumindest für eine Halbserie noch ordentlich ins Zeug legte an der Anfield Road. Was nun aus dem Leipziger Keita wird, der im Sommer das Trikot der „Reds“ überstreifen wird? Ist vom Verein als unverkäuflich in dieser Saison bezeichnet worden, aber würde sich noch jemand wundern, wenn auch dieses Veto bis zum 31. Januar fallen würde? Und wo immer Liverpool demnächst mit den Millionen aus dem Coutinho-Wechsel auch ein Loch reißen wird: Auch diese Lücke wird bald wieder geschlossen sein mit dem nächsten Transfer, bei dessen finanziellem Umfang uns vor kurzer Zeit noch der Mund offen gestanden hätte.

Aber nun? Man hört die Zahlen, zuckt mit den Schultern. Etwa darüber, dass der FC Barcelona, einst für seine Jugendarbeit gerühmt, nun mehr als 350 Millionen Euro in seinen Kader gesteckt und ihn damit runderneuert hat. Zumindest fast: Im Sommer soll auch Antoine Griezmann von Atlético für 100 Millionen Euro kommen. Und eines steht deshalb schon fest: Das Karussell wird erst endgültig in den Schleudergang hochgeschaltet, wenn Real Madrid – derzeit Vierter in Spanien – bemerkt, dass sich der stolze Klub das alles nicht tatenlos bieten lassen kann.

Quelle: F.A.Z.
Peter Penders
Sportredakteur.
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