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FC Barcelona

Cruyff, Vater des schönen Spiels

Von Marc Schlömer, Barcelona
 - 13:32
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Johan Cruyff kommt gesprungen. Zum vereinbarten Termin hüpft er die Treppenstufen hoch, lässt dabei jede zweite Stufe aus. Er wird dieses Jahr 65 Jahre alt, wirkt aber viel jünger. "Die Arbeit mit und für junge Menschen macht mich fit", sagt er. Der Niederländer unterhält eine weltweit tätige Stiftung, die sich für gemeinnützige Zwecke einsetzt und Sportmanagement-Schulen betreibt. Der Hauptsitz dieser Organisation liegt in Pedralbes, einem Nobelviertel in Barcelona. Von seiner wenige Meter entfernten Villa ist Cruyff zu Fuß gekommen und führt nun durch die Räumlichkeiten der Stiftung.

Er begrüßt jeden der 25 anwesenden Mitarbeiter persönlich. Die Männer per Handschlag, die Frauen mit Küsschen links, Küsschen rechts. In seinem Büro setzt er sich neben eine Vitrine. Darin die Trophäe, die er für die Wahl zu "Europas Fußballer des Jahrhunderts" bekommen hat. "Meine Lebensaufgabe ist es, Gutes zu stiften", erklärt Cruyff bestens gelaunt. Dem FC Barcelona, der am Dienstag zum Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League in Leverkusen antritt (20.45 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker), hat er jedenfalls eine Identität gestiftet.

Ohne ihn gäbe es den Weltfußballer Messi nicht, nicht den Weltpokalsieger Barcelona und auch nicht den Fußball-Weltmeister Spanien. Zumindest behaupten das die Katalanen. Cruyff ist einer von ihnen. Seit 39 Jahren lebt er in Barcelona, hat hier mehr Lebenszeit verbracht als in seiner Geburtsstadt Amsterdam. In der katalanischen Zeitung "El Periódico" erscheint jede Woche Cruyffs Kolumne über den Fußball im Allgemeinen und den FC Barcelona im Besonderen.

Im Stil einer Regierungserklärung schreibt er: "Wenn du laufen willst, mach Leichtathletik. Aber wenn du Fußball spielen willst, brauchst du den Ball. Seitdem ich zum FC Barcelona gekommen bin, ist es das Rezept des Klubs, immer den Ball zu haben. Das funktioniert dank technisch herausragender und stets kreativer Spieler."

Erfinder des Fußballs

Bis er 1973 als 26 Jahre alter Spieler von Ajax Amsterdam zu Barça wechselte, war der Klub nie durch besondere Erfolge oder attraktiven Fußball aufgefallen. Das änderte sich. Zusammen mit seinem Landsmann und Trainer Rinus Michels verpflanzte Cruyff den bei Amsterdam praktizierten "totalen Fußball" nach Barcelona. Unter dem Motto "Ballbesitz ist die beste Verteidigung" hat sich der Verein seitdem dem offensiven, mutigen und schönen Spiel verschrieben.

Hat Cruyff den Fußball neu erfunden? "Ich war zumindest an der Erfindung beteiligt", behauptet er. Ohne zu zögern. "Wie heute Messi war auch ich als Spieler klein und schmächtig. Und wenn du körperlich nichts drauf hast, musst du technisch besser sein und intelligenter spielen als der Rest. So wird ein Nachteil zum Vorteil." Als Spieler trug er damals dazu bei, dass Barcelona zum ersten Mal seit vierzehn Jahren wieder spanischer Meister wurde.

Förderer Guardiolas

Die ganz großen Erfolge erlebte er aber erst als Trainer des Klubs. Von 1988 bis 1996 verfeinerte er den Spielstil, führte Barça zum Sieg im Europapokal der Landesmeister und schuf das sogenannte Dream Team um den heutigen Coach Josep Guardiola. Der kickte vorher nur in der Reserve, ehe Cruyff ihn dort entdeckte und zu den Profis holte.

Cruyff redet gern und viel über Guardiola. Und damit auch über sich selbst: "Guardiola war körperlich schwach. Aber er hatte ein gutes Auge und eine phantastische Technik. Einen wie ihn musst du als Trainer speziell vorbereiten. Du musst ihm sagen: Du bist nicht laufstark. Also organisiere dich, damit du nicht so viel rennen musst." Cruyff steht auf. Wie ein Professor im Hörsaal läuft er durch den Raum und doziert. "Bis heute sieht es bei Barça nur so aus, als ob die Spieler viel laufen würden. In Wahrheit spielt sich ganz viel innerhalb weniger Meter ab. So wird man nicht müde und hat die nötige Konzentration. Es hat also nicht mit den Beinen, sondern mit dem Gehirn zu tun."

Cruyffista Guardiola

Josep Guardiola hat als aktueller Trainer Cruyffs Vermächtnis fortgesetzt. Beide sind eng miteinander befreundet, tauschen sich regelmäßig aus. Es kommt vor, dass Cruyff in seiner Zeitungskolumne Barças Spiel analysiert und am nächsten Tag Guardiola auf einer Pressekonferenz fast wortwörtlich Cruyffs Sätze wiederholt. Guardiola sei eben ein "Cruyffista" sagen Kritiker, eine Marionette des alten Chefs. Cruyff selbst weist das zurück und stattdessen lieber darauf hin, dass Barcelona unter Guardiola die nächste Stufe der Fußball-Evolution erreicht habe.

"Für mich", sagt Cruyff, den Zeigefinger erhebend und lauter werdend, "ist das Spiel nach Ballverlust das Wundervolle an Barcelonas Stil. Für den Gegner ist es unmöglich, den Ball länger als zehn Sekunden zu behalten. Denn bei Ballverlust schalten wirklich alle bei Barça sofort um. Sie jagen den Gegner, bis sie den Ball ganz schnell wiederhaben."

Dissens mit dem Vorstand

Hinter Cruyff hängt in einem Rahmen sein ehemaliges Ajax-Amsterdam-Trikot. Bei Ajax engagierte sich Cruyff im Aufsichtsrat, ehe er am Donnerstag zusammen mit seinen vier Kollegen zurücktrat. Doch es ist kein Abschied vom holländischen Rekordmeister. Cruyff bleibt dem Verein in beratender Funktion treu und will bei der Gestaltung der Zukunft helfen. Vielleicht ist er auch deshalb so verstärkt bei Amsterdam im Einsatz, weil er beim FC Barcelona offiziell nichts mehr zu sagen hat.

Seit Jahren legt er sich mit der Klubführung an und geht kaum noch zu Heimspielen. Er kritisiert besonders die Entscheidung, das erstmals in der Vereinsgeschichte, Trikot-Werbung gegen Geld gemacht wird. 30 Millionen Euro pro Jahr zahlt die Qatar Foundation. Dafür ist seit Saisonbeginn das kostenlose Werben für Unicef vorbei. Das regt Cruyff auf: "Es war einzigartig in der Sport-Welt: Wir geben unser Trikot nicht her! Eine tolle Botschaft an alle, dass man für Geld nicht alles kaufen kann. Geld ist wichtig. Aber es gibt Wichtigeres."

Er setzt sich wieder und spricht ganz leise weiter: "Die Größe des FC Barcelona ist es, anders zu sein. Wenn sie jetzt im Vorstand nur über Geld reden, dann sollen sie Messi verkaufen. Der würde viel Geld einbringen. Das aber wäre das Dümmste, was der Klub tun könnte."

Bei Cruyff müsste Messi Englisch lernen

Lionel Messi, der Weltfußballer. Irgendwie erfunden von Cruyff. In Barcelona wurde Messi jedenfalls seit seinem 13. Lebensjahr ausschließlich nach Cruyffs Kriterien ausgebildet. Denn als der Holländer 1988 Chefcoach bei Barça wurde, reformierte er gleichzeitig die Nachwuchsabteilung: keine Dauerläufe mehr, kein Krafttraining, nur Technik. Gesucht wurden seitdem vor allem Talente, die etwas am Ball können, egal ob sie viel oder wenig liefen, ob die groß oder klein waren. Klein wie Messi, den andere Vereine übersehen hatten. "Messi", sagt Cruyff andächtig, "ist technisch perfekt. Weil er immer kleine Schritte macht, hat er immer einen Vorteil. Wenn andere einen Schritt tun, hat er den Ball schon zweimal berührt. Das macht ihn unberechenbar. Er ist mit dem Körper immer zwischen Ball und Gegner. Es ist unmöglich, ihn fair zu stoppen."

Aber Cruyff wäre nicht Cruyff, wenn er nicht auch an Messi etwas auszusetzen hätte. "Messi kann ja alles", sagt er, nur eben kein Englisch: "Der Klub hätte bei der Erziehung Wert darauf legen müssen, dass Messi Englisch lernt. Mit Englisch und Spanisch beherrschst du die Welt. So ist es sehr unglücklich, dass Messi mit der halben Welt nicht sprechen kann."

Du musst so spielen, dass dich das Publikum bewundert

Johan Cruyffs persönlicher Pressesprecher betritt den Raum. Die Zeit ist um. Nebenan will ein Fernsehsender den Niederländer zur spanischen Nationalmannschaft befragen, die ja den Stil des FC Barcelona kopiert und so Welt- und Europameister wurde. "Spanien und Barcelona sind eigentlich nur zu besiegen, wenn man genauso oder sogar noch besser spielt."

Der Pressesprecher drängt zum Aufbruch, aber eine Sache ist Cruyff noch wichtig: "Es geht nicht darum, um jeden Preis zu siegen. Nur wenige gewinnen. Du musst so spielen, dass dich das Publikum bewundert. Dann kannst du auch verlieren." Beim Herausgehen fällt der Blick auf die Titelseite einer katalanischen Sportzeitung. Zu sehen ist Cruyffs Gesicht und darüber die Überschrift: "Der Vater des schönen Spiels".

Quelle: F.A.S.
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