Mythos FC Liverpool

Doch nicht mehr als ein Sprungbrett?

Von Marcus Erberich, London
 - 13:09

Beim FC Liverpool machen sie gerade die üblichen Phasen nach einer Trennung durch. Der erste Schock darüber, dass Philippe Coutinho sie verlassen hat und zum FC Barcelona gewechselt ist, haben die meisten Fans mittlerweile überwunden. Aus dem Nichts kam das Ganze ja schließlich auch nicht; der Flirt hatte ja schon im vergangenen Sommer begonnen. Aber nun hadern sie mit sich selbst: Ist Liverpool vielleicht zu unsexy, um die besten Spieler halten zu können, wenn die ganz großen Klubs anklopfen? Ist man womöglich sogar ein „Selling Club“ geworden, der den Stars von morgen zum Durchbruch verhilft, um sie dann möglichst teuer weiterzuverkaufen? Andere wiederum suchen Trost in der Flucht nach vorne und fragen: Ist dieser Coutinho denn wirklich so toll?

Das ungute Gefühl, der stolze FC Liverpool könnte zu einem Sprungbrett für Fußballer auf dem Weg an die Spitze verkommen sein, treibt die Fans schon lange um. Luis Suarez, Fernando Torres, Javier Mascherano, Xabi Alonso – sie alle haben die „Reds“ im Verlauf der vergangenen Jahre verlassen, um sich höheren Aufgaben zu widmen. Das ist schwer zu verkraften für einen Verein, der in seiner Geschichte 18 Mal englischer Meister geworden ist und fünf Mal die Champions League beziehungsweise den Europapokal der Landesmeister gewonnen hat. Das Selbstverständnis an der Anfield Road ist ein anderes, auch wenn die jungen Fans die großen Erfolge ihres Klubs oft nur noch aus den Heldengeschichten der Alten kennen – mit Ausnahme des Champions-League-Sieges von 2005.

Liverpool tut nun alles dafür, um wieder an die Triumphe vergangener Tage anzuknüpfen. Mit Jürgen Klopp als Teammanager ist der Verein auf einem guten Weg: Nach langer Zeit der Entbehrung sind die „Reds“ in dieser Saison wieder in der K.-o.-Phase der Champions League dabei; in der Premier League stehen sie nach 22 Spieltagen zudem auf einem vielversprechenden vierten Platz mit nur drei Punkten Rückstand auf den Tabellenzweiten Manchester United. Mehr als Platz zwei ist in dieser Saison wohl ohnehin nicht mehr zu holen, denn Manchester City auf Platz eins ist mit einem dicken Polster von 15 Punkten nur noch theoretisch einzuholen.

Bei der Umsetzung der Ziele vertraute man bis zu seinem Wechsel auch auf die Stärke von Philippe Coutinho. Er galt als einer dieser Schlüsselspieler im Mittelfeld, die den berühmten Unterschied ausmachen können. Das sieht man auch an diesen Zahlen: In etwas mehr als 200 Pflichtspielen für Liverpool erzielte der Brasilianer 54 Tore und gab fast genauso viele Vorlagen. In 14 Liga-Einsätzen in dieser Saison produzierte er laut der BBC 40 Torchancen für sein Team – dieser Wert ist nahe dran an der europäischen Spitze. Aber kann man diesen Zahlen auch trauen? Der „Guardian“ jedenfalls präsentierte zuletzt eine Rechnung, die beweisen soll, dass Coutinhos Weggang den FC Liverpool gar nicht sonderlich hart treffen wird. Gemessen an seinen Toren plus Torvorlagen im Schnitt pro 90 Minuten sei Coutinho zwar „sehr gut, aber nicht außergewöhnlich“. Der 25-Jährige kommt demnach seit dem Start der Premier-League-Saison 2016/17 im Schnitt auf einen Wert von rund 0,89 (0,54 Tore und 0,35 Vorlagen) pro Spiel.

Die Statistik spricht gegen Coutinho

Zur Einordnung: Klassenbester in Europas fünf großen Ligen ist Barcelonas Lionel Messi mit einem Wert von 1,42 – aber auch Nils Petersen vom SC Freiburg steht mit 1,03 Punkten deutlich besser da als Coutinho. „Die Zahl ist das Wesen aller Dinge“,behauptete schon Pythagoras. „Mit Statistik lässt sich alles beweisen und von allem das Gegenteil“, sagt dazu der Volksmund. An diesem Sonntag (17 Uhr bei DAZN) steht nun das erste Spiel nach dem Wechsel von Philippe Coutinho auf dem Programm. Am 23. Premier-League-Spieltag empfängt der FC Liverpool den Spitzenreiter Manchester City. Das Hinspiel im vergangenen September gewann City 5:0. Klopp und sein Team haben also etwas wiedergutzumachen.

Verstecken müssen sie sich nicht: Wettbewerbsübergreifend sind die „Reds“ seit 17 Spielen ungeschlagen. Doch was den Fans mindestens genauso unter den Nägeln brennt: Sie fordern Ersatz für Coutinho. Andernfalls, so fürchten viele, könnte jeder weitere Ausfall der übrig gebliebenen Stars aus den „Fab Four“ – Mané, Firmino und Salah – die Saisonziele gefährden. Aber Klopp wird nicht hastig irgendeinen Spieler kaufen, nur um die Lücke im Kader aufzufüllen. Das zeigt auch seine Geduld im Van-Dijk-Transfer: Der Verteidiger hatte eigentlich schon im Sommer nach Liverpool kommen sollen, er konnte aber erst jetzt im Winter für bis zu 84 Millionen Euro aus seinem Vertrag beim FC Southampton gelöst werden. Auch da hat Klopp dem Ruf nach schnellen Alternativen widerstanden. Der deutsche Trainer ist kein Typ für B-Lösungen.

Gut denkbar also, dass Klopp im Winter gar keinen Ersatz verpflichten wird und stattdessen auf die Tiefe seines Kaders vertraut. „Wir halten die Augen offen im Transferfenster, wir werden aber keine verrückten Sachen machen“, sagte Klopp am Freitag. In den Medien kursieren zwar allerhand Gerüchte; so könnte etwa der für den kommenden Sommer geplante Wechsel des Leipzigers Naby Keita vorgezogen werden. Aber Spieler vom benötigten Format werden von ihren Klubs während einer laufenden Saison nur ungern transferiert. Coutinho die Freigabe für seinen Wechsel nach Barcelona zu erteilen, war mit Blick auf die kommenden Aufgaben entsprechend mutig. Zumal man Klopps Amtszeit in Liverpool eines Tages wohl auch daran messen wird, wie er jetzt mit dem Verlust seines Spielmachers umgeht. Eine Trennung und ihre Folgen: Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht erreicht.

Quelle: F.A.Z.
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