Fußball
Schalke scheitert an Ajax

„Es ist brutal unglücklich“

Von Tobias Rabe
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Kurz vor Ende der regulären Spielzeit schwelgten die Schalker Fans gesanglich in der Vergangenheit. Sie besangen die Stationen der legendären „Eurofighter“, die über Roda, Trabzon, Brügge, Valencia, Teneriffa und Mailand 1997 zum Triumph im Uefa-Cup führten. Der aktuelle Jahrgang stand kurz davor, die Vorlage für neues Liedgut zu liefern. Doch zwei Gegentore in der zweiten Halbzeit der Verlängerung des Viertelfinal-Rückspiels der Europa League bedeuteten noch das Aus gegen Ajax Amsterdam. Die Niederländer jubelten in Gelsenkirchen zu später Stunde trotz der 2:3-Niederlage über den Einzug ins Halbfinale.

Nach dem deprimierenden 0:2 im Hinspiel, als Ajax es mit zwei Treffern gnädig machte, egalisierten die Königsblauen das Duell in der zweiten Partie durch Tore von Leon Goretzka (53. Minute) und Guido Burgstaller (56.) binnen kurzer Zeit. Als dann noch Joël Veltman bei den Niederländern mit einer Gelb-Roten Karte vom Platz flog und Daniel Caligiuri für Schalke in der Verlängerung (101.) das 3:0 erzielte, hielt der Bundesligaverein alle Trümpfe in der Hand. Doch Nick Viergever (111.) und die Zugabe von Amin Younes (120.) rissen die Schalker noch aus allen europäischen Träumen.

„Es ist brutal unglücklich“, sagte Trainer Markus Weinzierl nach großem Kampf mit traurigem Ende. Er bezog sich vor allem auf das 3:1. Erst hatte Torwart Ralf Fährmann einen Torschuss von Ajax noch bravourös entschärft, da schoss Verteidiger Matija Nastasic beim nächsten Angriff Amsterdams Gegenspieler Viergever an, von dessen Fuß der Ball unhaltbar ins Schalker Netz flog. „Wir hatten alles in der Hand“, sagte Kapitän Benedikt Höwedes beim TV-Sender Sky. „Jetzt ist die Enttäuschung groß, wir haben ein Riesenspiel abgeliefert. Ajax geht als glücklicher Verlierer nach Hause. Es tut weh. So ungerecht ist Fußball manchmal.“ Und Caligiuri war einfach nur „sehr enttäuscht und sprachlos“.

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Nicht nur seelische, sondern auch körperliche Schmerzen erlitt Goretzka. Gegen Ende der ersten Halbzeit war er mit Ajax-Torhüter André Onana zusammengeprallt. Obwohl der Nationalspieler sichtlich angeschlagen war, blieb er auf dem Platz und traf sogar. Nach 83 Minuten aber wurde er ausgewechselt, nachdem er sich schon in der Pause übergeben hatte, aber weiterspielen wollte. Er musste schließlich vom Rasen geführt werden. In der Kabine versorgte ein Notarzt Goretzka, der danach ins Krankenhaus gebracht wurde. Beim Schalker besteht Verdacht auf Gehirnerschütterung. Eine genaue Diagnose gab es laut Verein bis zum frühen Freitag aber noch nicht.

Tiefe Enttäuschung bei Schalkes Spielern nach dem Spiel gegen Amsterdam.
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Goretzka stand sinnbildlich für den Kampf, den die Schalker dem Gegner aus Amsterdam lieferten. All das, was sie zuvor von sich selbst eingefordert hatten. Was die Fans verlangt hatten nach dem so schlechten Hinspiel und der peinlichen Niederlage beim Tabellenletzten der Bundesliga zuletzt. Nach dem 1:2 in Darmstadt war die Stimmung im Schalker Fanblock gekippt. Am Donnerstag aber standen die Anhänger wieder voll hinter ihrem Team, weil es die Tugenden zeigte, die nicht nur, aber vor allem im Ruhrgebiet verlangt werden von Fußballspielern: Kampf, Leidenschaft, Einsatz.

Es fehlte nicht viel, dass die Schalker Europa-Reise ein nächstes Ziel erhalten hätte. So wurde die heimische Arena zur Endstation, zwanzig Jahre nach der ersten Generation der „Eurofighter“. Dabei hatten die in der Bundesliga hinterherhechelnden Königsblauen schon im Achtelfinale ihre Qualität als Stehaufmännchen gezeigt. Nach 1:1 im Hinspiel und einem 0:2-Rückstand in Mönchengladbach waren sie noch zum 2:2 und damit dank der Auswärtstorregel eine Runde weiter gekommen. Nun reichte es nicht mehr. Nach dem Ausscheiden von Bayern und Dortmund im Viertelfinale der Champions League ist damit erstmals seit zwölf Jahren kein deutscher Verein mehr in der Vorschlussrunde des Europapokals vertreten.

Ein hartes Stück Arbeit, nicht nur für Guido Burgstaller.
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Anders als Gladbach zuvor erlebte Ajax nun nicht sein blaues Wunder. Für die Niederländer geht es, fünfundzwanzig Jahre nach dem Titelgewinn im Uefa-Cup, weiter. Das Halbfinale wird an diesem Freitag (12.00 Uhr) ausgelost. Mögliche Gegner sind Manchester United, Celta Vigo und Olympique Lyon. Torschütze Younes war völlig egal, auf wen man nun trifft. Und auch Trainer Peter Bosz, der als Aktiver vierzehn Spiele für Hansa Rostock machte, war einfach nur erleichtert über das späte Weiterkommen, denn „ wir haben nicht unseren besten Fußball gespielt“.

Für die Schalker gilt es nun, die große Enttäuschung abzuschütteln. In den letzten fünf Spielen der Bundesliga-Saison geht es noch um enorm viel. Das Team von Trainer Weinzierl liegt nur auf Platz elf. Um auch in der nächsten Saison internationale Reiseziele ansteuern zu dürfen, muss S04 mindestens Siebter werden. Auf diesem Rang liegt derzeit Köln mit drei Punkten Vorsprung. Nach dem Heimspiel am Sonntag gegen RB Leipzig (17.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) warten Leverkusen, Freiburg, Hamburg und Ingolstadt auf Schalke. „Wenn jemand Zweifel hat, werde ich ihm wieder hochhelfen“, sagte Ralf Fährmann.

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Quelle: FAZ.NET
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