Hannover holt Breitenreiter

Alles auf eine Karte

Von Christian Otto, Hannover
 - 11:00
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In die Rolle des Buhmanns schlüpfte Horst Heldt. Er lächelte dabei und blieb ganz tapfer. „Ich habe keine Angst vor einer Entscheidung. Ich muss Situationen analysieren und entscheiden“, sagte der Manager von Hannover 96, als er den Willen von Vereinspräsident Martin Kind zu verkünden hatte. Der Fußball-Zweitligaklub hat sich von Daniel Stendel getrennt und im Rahmen einer Pressekonferenz André Breitenreiter als neuen Cheftrainer vorgestellt. Die Personalie lässt vor allem deshalb aufhorchen, weil die Niedersachsen mit 46 Punkten den vierten Tabellenplatz belegen. Sie stehen also gar nicht schlecht da im Rennen um den Wiederaufstieg. Aber die Furcht vor einem Scheitern war deutlich größer als die Zuversicht in die Arbeit von Stendel.

Das Tempo, das Hannover 96 in dieser Saison anschlägt, lässt vor allem außerhalb des Platzes aufhorchen. Vereinsboss Kind hat innerhalb von zwei Wochen die gesamte Sportliche Leitung ausgetauscht. Geschäftsführer Martin Bader und Stendel gehören damit zu jenen insgesamt 27 Trainern und Sportdirektoren, die sich innerhalb der vergangenen 20 Jahre an Hannover 96 abgearbeitet haben.

Der aktuelle Fall von Stendel zeigt: Es hilft nichts, beim harten Kern des Publikums hoch im Kurs zu stehen. Seine Mannschaft hat zuletzt spielerisch nicht überzeugen können – und damit auch den Präsidenten nervös gemacht. „Der vierte Tabellenplatz ist gut. Aber die Leistungsentwicklung ist auch zu beachten“, findet der allmächtige Kind. Für Mitleid gegenüber Stendel, der bis zuletzt hart für den Wiederaufstieg gearbeitet hat, blieb natürlich kein Platz. Aus dem einstigen Hoffnungsträger mit Lokalkolorit ist ein Mann geworden, der am Ende für nicht mehr gut genug befunden und aussortiert worden ist.

S04 übernimmt bei H96

Auf den ersten Blick erscheint es höchst unlogisch, dass Heldt und Breitenreiter innerhalb kürzester Zeit ein gut funktionierendes Duo bilden können. Sie kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Schalke 04, wo beide im Juni 2016 zu unerwünschten Personen erklärt worden sind. „Wir haben beide Fehler gemacht“, sagt Heldt über das frühere Miteinander, das auch von Streit belastet war. Breitenreiter nickte dazu und zog es natürlich vor, seinen Blick lieber nach vorne zu richten. Er hat am Sonntag seinen Arbeitsvertrag mit Schalke 04 aufgelöst, um sich bis 2019 unabhängig von der Spielklasse an Hannover 96 binden zu können.

„Mit Hannover 96 aufzusteigen ist eine schwere und machbare Aufgabe“, sagte Breitenreiter bei seiner Vorstellung. Er ist 43 Jahre alt, in Hannover geboren und bei 96 zum Juniorennationalspieler gereift. Als Trainer hat Breitenreiter 2015 mit dem SC Paderborn vorgemacht, wie man es schafft, von der zweiten in die erste Liga aufzusteigen. Genau das soll jetzt natürlich beim neuen Arbeitgeber auch gelingen.

Die Frage, wer an der chronischen Aufgeregtheit von Hannover 96 eigentlich die Hauptschuld trägt, lässt sich relativ eindeutig beantworten. Kind hat den Verein vor 20 Jahren übernommen, vor einer Insolvenz bewahrt und so salonfähig gemacht, dass er 14 Jahre lang eine gute Adresse im Oberhaus war. Aber zeitgleich bleibt ihm auch der Führungsstil eines Patriarchen anzulasten, der am liebsten alles im Alleingang entscheidet und unter sich ein nachhaltiges Arbeiten nur bedingt entstehen lässt.

Umgang mit Stendel war fragwürdig

Mit Heldt ist in Hannover ein Entscheidungsträger installiert worden, der gleich zur Begrüßung etwas höchst Unangenehmes erledigen musste. Einen Trainer wie Stendel zu entlassen mag fachlich sogar richtig sein. Aber die Art und Weise, wie mit ihm rund um die Verhandlungen mit Breitenreiter umgegangen worden ist, bleibt fragwürdig. Stendel ist das Opfer einer höchst undankbaren Hängepartie geworden. „Letztlich ist es das Geschäft. So habe ich es auf Schalke auch erfahren“, sagte Breitenreiter.

Neun Spieltage bleiben noch, um möglichst viel besser zu machen als bisher. Der neue Trainer soll die Länderspielpause dafür nutzen, dass Hannover wieder besser spielt und mehr Spaß macht. Damit das klappt, steht am Donnerstag ein Testspiel ausgerechnet gegen Schalke an. Am 1. April folgt in Hannover das Spitzenspiel gegen den Aufstiegsrivalen Union Berlin.

Kind läuft in diesem Spiel und mit Blick auf das große Saisonziel Gefahr, sich gründlich zu blamieren. Er setzt mit seiner neuen Konstellation alles auf eine Karte, weil er den sofortigen Wiederaufstieg als alternativlos einstuft. Wen interessiert da schon das Schicksal eines entlassenen Trainers, der sich in Hannover Respekt verschafft hat? Stendel war ein Übungsleiter, der lieber die Ärmel hochgekrempelt als geredet hat. Sein Nachfolger Breitenreiter ist deutlich kommunikativer und wird mit möglichst vielen Siegen dafür sorgen müssen, den umstrittenen Präsidenten Kind vor öffentlichem Ungemach zu bewahren.

Quelle: F.A.Z.
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