Kommentar

Kick das Image

Von Michael Horeni
 - 10:20

Im kommenden Sommer soll der fünfte Stern über Fußball-Deutschland strahlen – und dann nach der Weltmeisterschaft in Russland golden gestickt auf dem Trikot der Nationalelf glänzen. Auf diesen paar Quadratzentimetern Stoff verdichtet sich auf der Brust der Nationalspieler eine ganz besondere deutsche Sport- und Sponsorenbeziehung. Das Symbol für den WM-Titel und des Sponsors wurden mit der Zeit identisch – und darunter prangt wie ein amtliches Siegel der Bundesadler.

Nach knapp einem halben Jahrhundert jedoch ist diese Verbindung nun an ihr Ende gekommen. Vom 1. Januar 2019 an wird Mercedes-Benz als Sponsor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft von Volkswagen abgelöst. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) kassiert dafür in den kommenden fünfeinhalb Jahren angeblich zwischen 25 und 30 Millionen Euro per annum, das verdoppelt in etwa die Einnahmen aus dem Automobilsektor.

Mehr Geld. Ein Argument, das im Fußball und auch in einem gemeinnützigen Verband mittlerweile jedes andere schlägt. Bis auf eins: viel mehr Geld. Im automobilen Wechselfall gab es jedoch noch einiges mehr für den DFB zu bedenken als Umsatzsteigerung – was sich aber nicht so leicht in Mark und Pfennig umrechnen lässt, wie die Währungseinheiten einst hießen, in der noch die ersten Sponsorenverträge zwischen Fußballverband und Mercedes-Benz abgerechnet wurden.

Klar ist, dass der nur durch eigenes Verschulden in eine tiefe Krise geratene VW-Konzern sein Image durch die Verbindung mit Deutschlands Lieblingsmannschaft im längst nicht ausgestandenen Diesel-Skandal aufpolieren will. Aber dass der Imagetransfer auch umgekehrt läuft, zu Lasten des Fußballs, das wissen Klubs wie Schalke 04 und ihre Fans sowie die internationalen Verbände Uefa und Fifa seit Gasprom natürlich längst. Mit der Marke VW, von denen einige Manager wegen Betrugsverdachts in Haft sitzen, verbindet sich nun auch einer der großen Unternehmensskandale mit der deutschen Vorzeigemannschaft.

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Im deutschen Volkssport wachsen die Macht und der Einfluss von Volkswagen indes immer weiter. Das Unternehmen sponserte zeitweilig mit seinen unterschiedlichen Automarken schon 16 von 36 Profivereinen gleichzeitig aus der ersten und zweiten Liga, dazu fördert VW seit Jahren den DFB-Pokalwettbewerb. Der VfL Wolfsburg gehört dank einer Sondergenehmigung schon lange zu 100 Prozent Volkswagen. Über Audi ist das Unternehmen zu 8,33 Prozent an der AG des FC Bayern München beteiligt, beim Bundesliga-Absteiger Ingolstadt hält wiederum die Audi-Tochter Quattro GmbH knapp zwanzig Prozent der Anteile. Im Frauenfußball ist der VfL Wolfsburg ohnehin die führende deutsche Kraft, mit drei Meisterschaften in den vergangenen fünf Jahren, dazu vier DFB-Pokalsiegen und zwei Triumphen in der Champions League.

Mit Protesten aus der Liga jedenfalls ist unter diesen Umständen nicht zu rechnen, wenn der DFB nach knapp fünfzig Jahren von Mercedes auf Volkswagen umsteigt. Im Gegenteil. Der FC Bayern hatte sich zuletzt immer wieder beklagt, dass seine Spieler beim DFB in den „falschen“ Autos vorfahren. Volkssport Fußball und Volkswagen – darauf fahren zumindest die Spitzen des deutschen Fußballs jetzt richtig ab.

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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