Kommentar

Phantom und Phantasie dank Panama

Von Michael Horeni
 - 17:28

Oh, wie schön ist Panama. Nun hat sich, am Vorabend der größten Buchmesse der Welt, nach deutscher Lesart auch noch Janosch für die Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Der große Außenseiter aus jenem Land, das in der Heimat des Fußballweltmeisters vor allem für alte Hüte, einen großen Kanal sowie einen kleinen Tiger samt Bären bekannt ist, hat es durch ein 2:1 gegen Costa Rica tatsächlich zum ersten Mal zu einer WM geschafft. Oh, wie schön ist Panama – das dürfte nun bis zum Sommer 2018 zu einem geflügelten Wort hierzulande werden, vor allem dann, wenn der Weltmeister zum Gegner dieses Neulings bei der Auslosung am 1. Dezember werden sollte. Aber so weit ist diese Fußballgeschichte natürlich noch lange nicht.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Wie es sich jedoch für ein Fußballwunder in literarischer Umgebung gehört, ist der große panamaische Schritt in die weite Fußballwelt erst durch ein Phantomtor möglich geworden. Einen Treffer, der keiner war, aber trotzdem zum wichtigsten Tor in der achtzigjährigen Geschichte des entlegenen Fußballlandes an der Grenze zu Südamerika werden konnte.

Panama hatte gegen das schon qualifizierte Costa Rica 0:1 zurückgelegen, als Pérez den Ball mit dem Kopf an den Pfosten, aber eben nicht über die Torlinie beförderte. Ein Verteidiger klärte daraufhin die Situation scheinbar endgültig, als er den Ball wegschlug. Aber der Ball traf Pérez – und flog ins Aus. Doch aus allenfalls literarischen, aber keinesfalls sportlich nachvollziehbaren Gründen sah der Schiedsrichter darin einen Treffer. Das Tor, dass niemals fiel, beflügelte Panama. Zwei Minuten vor Schluss traf Torres dann ganz regulär zum 2:1-Sieg. Oh, wie schön ist es in Panama – ein Land, das den Videobeweis nicht kennt.

Nach diesem Fake-Tor sind nun die favorisierten Vereinigten Staaten ausgerechnet bei der WM in Russland nur noch Zuschauer. Und wie einst Thierry Henry, der durch ein Handspiel die Franzosen zum Sieg gegen untröstliche Iren und damit zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika führte, hat der Weltfußball nun seinen neuen Aufreger. Diesmal ist es allerdings ein Fußballzwerg, der von der noch immer heiligen und fernsehtechnisch unkorrigierbaren Tatsachenentscheidung bei der Fifa profitiert – und kein ehemaliger Weltmeister und keine aktuelle Weltmacht.

Ein Tor, das eigentlich nur im Traum ein Tor sein dürfte, ist nun sportliche Realität. Die Iren waren damals mit fünf Millionen Euro von der Fifa für die krasse Fehlentscheidung entschädigt worden. Die Amerikaner haben sich bisher noch nicht geäußert, ob sie gegen die neue Ungerechtigkeit klagen wollen. Gut fürs globale Geschäft ist das amerikanische Ausscheiden durch das Phantomtor jedenfalls ganz und gar nicht. Panama hat da nicht viel zu bieten. Panama beflügelt nur die Phantasie.

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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