WM-Qualifikation

Die letzte Chance des Lionel Messi

Von Tobias Käufer, Buenos Aires
 - 16:52

Seit drei Generationen ist das Restaurant „Don Carlos“ im Familienbesitz. Aus der kleinen weinroten Eckkneipe haben die Gäste direkten Blick auf den wohl mystischsten Ort des argentinischen Fußballs. „Dieses Stadion bebt. Es hat Persönlichkeit“, sagt Don Carlos, der Dritte. Der weißhaarige Mann ist Zeitzeuge der ganz großen Stunden dieser Fußball-Kathedrale, der „Bombonera“, des Stadions der Boca Juniors. Hier hat er Diego Maradona spielen sehen, hat miterlebt, wie der blau-gelbe Lack anfing zu bröckeln. Als der Exodus der Stars nach Europa begann, dessen reiche Top-Klubs den südamerikanischen Fußball wie industrielle Fischtrawler leer fischen – mit jeder Menge Beifang, den sie zurückwerfen ins Meer der Bedeutungslosigkeit.

Geblieben ist dieses Stadion. Es wirkt wie ein Mahnmal daran, dass es auch mal anders war in Argentinien. In der Nacht zum Freitag (1.30 Uhr MESZ / Live bei DAZN) wird wieder ein historisches Kapitel hinzukommen. So oder so – denn die „Albiceleste“ hat sich in der Stunde der größten Not auf jene Quadratmeter des „Estadio Alberto J. Armando“ besonnen. Und das steht wie kein zweites Stadion in Argentinien für Herzschlagmomente, die elektrisieren und Angst einflößen können. „Nirgendwo sonst bist du der Hölle so nah“, sagt der brasilianische Weltmeister Romário über seine Erfahrung auf dem legendären Platz. Im Boca-Stadion ist die argentinische Auswahl bei Pflichtspielen ungeschlagen, nur zwei Testspiele – 1971 gegen Frankreich (3:4) und 1977 gegen Deutschland (1:3) – gingen verloren.

Gegner am Donnerstagabend Ortszeit ist Peru. Das Team hat nach der Ausbootung von Kapitän Claudio Pizarro vor mehr als einem Jahr eine Aufholjagd gestartet, die sie zwei Spieltage vor Schluss auf 24 Punkte und Rang vier katapultierte. Dagegen muss der Tabellenfünfte Argentinien um die Qualifikation für die WM in Russland bangen. Nur die ersten vier Teams qualifizieren sich die direkt, der Fünfte muss in die Play-offs, ab Platz sechs heißt es: zuschauen. „Wir fahren nach Buenos Aires, um dort unseren Platz zu verteidigen“, kündigt Stürmer Paolo Guerrero an. Erstmals seit 35 Jahren soll es mit einer WM-Teilnahme klappen. Ein Remis oder gar ein Sieg in Buenos Aires wäre der Schlüssel dazu.

Dagegen liegen die Nerven bei den Argentiniern blank, nachdem es zuletzt auf eigenem Platz beim 1:1 gegen das abgeschlagene Venezuela nicht einmal mehr zu einem Heimsieg reichte. „Argentinien blickt in den Abgrund“ titelte die Tageszeitung „Clarin“. Zwei Spiele bleiben dem Team von Neu-Trainer Jorge Sampaoli, um das Desaster zu vermeiden. Allerdings geht es gegen Peru und danach in 2800 Meter Höhe in Ecuador gegen Rivalen, die jeden Punkt brauchen und nach den blutleeren Vorstellungen der in die Jahre gekommenen Mannschaft um Lionel Messi Respekt vor dem zweimaligen Weltmeister verloren haben.

Nun soll der Mythos „La Bombonera“ helfen. Innerhalb von 20 Minuten war die Arena ausverkauft, vermutlich weil Schwarzmarkthändler große Kontingente abgriffen. Längst sind gefälschte Tickets im Umlauf. Das Stadtviertel rund um das blau-gelbe Stadion, das wie ein Relikt aus einem anderen Jahrhundert wirkt, ist fest in der Hand der Boca-Ultras, die vom Kartenverkauf bis zur Parkplatzmiete alles kontrollieren. Nirgendwo sonst ist die Macht der Fans so groß wie in diesem von Hochhaussilos und Bolzplätzen geprägten Barrio der Millionenmetropole Buenos Aires.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

„Das Stadion von River Plate ist viel zu groß, da erreicht der Atem der Arena die Spieler nicht“, sagt Don Carlos. Dass er das „Monumental“, in der Regel Spielstätte der Nationalmannschaft, für die schwachen Heimauftritte von Messi und Co. verantwortlich macht, verwundert nicht: Die Rivalität zwischen Boca und River prägt seit Jahrzehnten den argentinischen Fußball. Nun kann Boca beweisen, dass im „Bombonera“ das Herz der Nationalmannschaft schlägt. Für 90 Minuten werden das auch die River-Fans hoffen – zugeben werden sie es nicht.

Wer durch das Viertel rund um diese beeindruckend hohe Arena spaziert, ahnt, wie es um den argentinischen Fußball bestellt ist. Längst ist aus Buenos Aires ein Zulieferort für die Weltmärkte geworden, die sich in Manchester, Madrid, München und neuerdings auch in Schanghai hier bedienen. Buenos Aires gehörte 1978 und 1986, als Argentinien den WM-Titel holte, noch zu den Fußball-Hauptstädten der Welt. Inzwischen ist es ein Vorort geworden. Und ein Ausflugsziel für Nostalgiker, die wissen wollen, wie es früher einmal war.

Quelle: F.A.Z.
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