DAZN-Doku über Mario Götze

„Früher Erfolg ist das Schlimmste“

Von Tobias Rabe
 - 08:18

Die zugespitzten Schlagzeilen waren schnell in der Welt: Götze rechnet mit Stöger ab. Götze tritt gegen Guardiola nach. Das hörte sich wie ein emotionaler Rundumschlag à la Sandro Wagner an. Doch anders als die Kurzschluss-Handlung des Kurzzeit-Nationalstürmers fußen die Aussagen von Mario Götze nicht auf spontanem Frust über die Nichtnominierung zur Fußball-WM. Für die vierteilige Serie „Being Mario Götze“, die beim Streaming-Anbieter DAZN zu sehen ist, begleitete Regisseur Aljoscha Pause den Torschützen aus dem WM-Finale 2014 in den vergangenen sieben Monaten. Die dreieinhalb Stunden der Dokumentation zeichnen ein anderes Bild als das eines arroganten oder emotionslosen Spielers. „Man muss erstmal gegen die öffentliche Meinung ankämpfen, bevor man sich öffnen kann“, sagt Götze. Das gelingt ihm im Verlauf des Films immer besser.

Götze bewertet Pep Guardiola, unter dem er drei Jahre beim FC Bayern spielte, tatsächlich nicht nur positiv. Dabei war der Trainer 2013 der Hauptgrund für Götzes Wechsel von Borussia Dortmund nach München gewesen, dessen emotionale Aufarbeitung in der Dokumentation großen Raum einnimmt. Zwar sei Guardiola fachlich eine „enorme Bereicherung für mein Wissen über Fußball“, sagt Götze, „ich hatte aber das Gefühl, dass er nur in dem Raster denkt und den Menschen und das Drumherum einfach außen vorgelassen hat.“ Ihm habe Empathie gefehlt, zumal er von Jürgen Klopp anderes gewohnt gewesen sei. „Der war im Fußball ein bisschen wie mein Vater.“ Nicht nur an dieser Stelle wird deutlich, dass Götze ein Sportler ist, der mehr benötigt als physisches Training.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Noch negativer fällt Götzes Bewertung bei Peter Stöger aus, der Dortmund im vergangenen halben Jahr trainierte. Von dessen Vorgänger Peter Bosz hat Götze „eine sehr hohe Meinung“, zu Thomas Tuchel hatte er zuvor „keinen Draht“ gefunden. Stöger hatte den Weltmeister im März harsch kritisiert. „Ich finde das nicht die feine Art“, sagt Götze dazu. „Es war in der Situation definitiv nicht richtig, sich da einen rauszupicken und mich quasi hinzustellen und zu sagen, ich sei ein personifizierter Misserfolg.“ Bundestrainer Joachim Löw hatte Götze nicht zu den Länderspielen eingeladen. „Ich war sehr überrascht“, kommentiert Götze das. „Für mich fühlt es sich derzeit schon so an, als sei es eine Nichtnominierung zur Weltmeisterschaft. Das ist natürlich sehr, sehr hart.“ Zwei Monate später ist klar: Die WM wird ohne ihn gespielt.

Den Weg zu diesem Tiefpunkt zeichnet die Dokumentation intensiv nach. Dabei kommen Löw, Klopp, Toni Kroos, Matthias Sammer und Hans-Joachim Watzke zu Wort. Götzes Vater Jürgen, seine Frau Ann-Kathrin und vor allem sein zwei Jahre älterer Bruder Fabian, der seine Fußball-Karriere mit 24 Jahren beendete und nun studiert, liefern wertvolle, kritische Einwürfe. „Er war schon immer mehr in seiner Welt und wollte sich abschotten. Deswegen wird er oft missverstanden“, sagt Fabian Götze. „Früher Erfolg ist das Schlimmste, was einem passieren kann.“ Das Tor im WM-Finale 2014 hatte vieles verändert. Da war er gerade 22 gewesen. „Ich kann mir vorstellen, dass er nach der Karriere sagt, er hätte dieses Tor lieber nicht gemacht“, mutmaßt sein langjähriger Dortmunder Mitspieler Marcel Schmelzer.

Thierry Murrisch, Arzt und Vertrauensperson, spricht über die Krankheit, die Götze von Februar bis Juli 2017 aus dem Spiel nahm. „Der subjektive Leidensdruck war extrem für Mario. Irgendwann hat er angefangen zu zweifeln“, sagt Murrisch. „Diese Zweifel sind aber keine Depression.“ Götze selbst erkennt: „Ich habe mich überfordert, habe zu viel verlangt von meinem Körper.“ Die Überbelastung, auch mental, dürfte der Grund für die Krankheit gewesen sein, die Murrisch „offiziell eine Stoffwechselstörung“ nennt. Schließlich sei der Punkt gekommen, so Götze, die Reißleine in Form einer Auszeit zu ziehen. „Das zu verstehen war sehr frustrierend.“

„Being Mario Götze“ ist kein Hochglanz-Imagefilm. Auch weil kritische Stimmen wie von Oliver Bierhoff zu Götzes Social-Media-Aktivitäten enthalten sind. Interessant wären Aussagen der kritisierten Trainer und vom FC Bayern gewesen. „Bei Stöger und Rummenigge gab es trotz mehrfacher Versuche offizielle Absagen, bei Tuchel und Guardiola keine Reaktion“, sagte Regisseur Pause gegenüber FAZ.NET. Mario Götze ist vor wenigen Tagen 26 Jahre alt geworden. Erst 26.

„Being Mario Götze“ läuft beim Streaming-Anbieter DAZN. Die ersten beiden Folgen sind bereits verfügbar, die dritte ist an diesem Montag, die vierte am Dienstag jeweils von 19.00 Uhr an zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
Tobias Rabe
Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.
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