Nach dem 0:0 gegen England

Learning English in Wembley

Von Christian Kamp
 - 10:30
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Doch, Fußball gespielt wurde schon auch noch in der zweiten Halbzeit. Das größere Vergnügen bereitete es dem Publikum im Wembley-Stadion jedoch, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Übungsstunden im Singen beispielsweise, oder dem Falten von Papierfliegern, mit dem sich die englischen Zuschauer schon vor ein paar Wochen, beim 1:0 gegen Slowenien, Zeit und Langeweile vertrieben hatten.

Das alles hätte am Freitagabend gewiss ein wenig anders ausgesehen, wenn Marc-André ter Stegen den Kopfball von Vardy kurz nach der Pause nicht so bravourös pariert hätte, oder wenn der Schuss von Lingard in der vierten Minute der Nachspielzeit nur ein bisschen besser justiert gewesen wäre. So blieb es ein Abend ohne das besondere Etwas – was aber nicht bedeutete, dass die Trainer völlig unzufrieden nach Hause beziehungsweise in ihr Hotelzimmer gingen.

Fußball-Länderspiele

Gareth Southgate durfte darauf verweisen, dass seine extrem junge und auch unerfahrene Mannschaft dem Weltmeister Paroli geboten hatte. Und auch Joachim Löw konnte der englischen Übungseinheit etwas abgewinnen, selbst wenn er hinterher mit fast schon englischer Ironie sagte, der Abend habe ihn „jetzt emotional nicht hochspringen“ lassen. „Mit der ersten Halbzeit“, fügte Löw hinzu, „war ich schon zufrieden. Womit ich nicht zufrieden war, war die zweite Halbzeit. Wir müssen gegen so starke Gegner überfallartig aus dem Mittelfeld ausbrechen und nach vorne durchziehen. Das müssen wir wieder lernen gegen starke Gegner.“

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Learning English – das war in gewisser Weise das Motto des Bundestrainers gewesen für diesen ersten von vier hochkarätigen Tests vor der Kadernominierung für die WM im nächsten Sommer. Löw wollte sein Team mal wieder so flott und entschlossen umschalten sehen, wie er das im Vorfeld den Engländern als große Qualität zuschrieb – und wie sein Team es doch etwas aus den Augen verloren hat im Zuge der Entwicklung zu einer Fußball-Supermacht, die ihre Gegner gern mit erdrückenden Ballbesitzquoten zu dominieren pflegt.

Bei der EM in Frankreich, so darf man hinzufügen, hatte dieses Modell des Fußballs von oben den Deutschen nicht den erhofften Ertrag eingebracht. „Das ist wichtig, dass wir das einschleifen Richtung WM“, sagte Chefpauker Löw nach dem 0:0 von London zum Lernziel Umschaltspiel.

Im Wembley-Stadion war in der ersten Hälfte ansatzweise zu sehen, was er sich erhofft. Da ging es ein paar Mal nach Ballgewinnen rasant in Richtung englisches Tor – und mit etwas mehr Präzision und Konzentration hätten die Deutschen, bei denen mit Antonio Rüdiger, Mesut Özil, Ilkay Gündogan und Leroy Sané ein Quartett aus der Premier League in der Startelf stand, gut und gerne mit einem oder zwei Toren in Führung gehen können.

Sané und Werner als Bereicherungen

Vor allem in jener Szene in der 23. Minute, als Timo Werner, Sané und Julian Draxler hintereinander weg beim Versuch scheiterten, den Ball an den verteidigenden Engländern vorbei und ins Netz zu befördern. Bei Sanés Lattenschuss kurz zuvor (21.) und bei einer weiteren Gelegenheit für Werner (39.), der am starken englischen Torwart Pickford scheiterte, fehlte ebenfalls nicht viel. Aber auch wenn die Belohnung ausblieb: Sané und Werner zeigten im Wembley-Stadion, dass sie mit ihrem Tempo in Kopf und Beinen eine Bereicherung des Teams im Hinblick auf die Mission Titelverteidigung in Russland sein können.

Vor allem Sané schien sein englisches „Heimspiel“ als Gelegenheit zu begreifen, seine eindrucksvolle Entwicklung bei Manchester City auch dem deutschen Publikum inklusive des Bundestrainers vorzuführen. Ein Tor war wirklich das einzige, was ihm an diesem Abend fehlte. „Mich ärgert das natürlich sehr, weil ich noch kein Tor für die Nationalmannschaft geschossen habe“, sagte er. So weit wollte Gündogan, sein Teamkollege beim englischen Tabellenführer, noch nicht denken. Der war nach langer Verletzungspause vor allem froh, überhaupt wieder dabei zu sein. Eine Erinnerung daran, was Löw an ihm hat, wenn er gesund ist, war sein 85-minütiger Beitrag in der ungewohnten Kombination mit Özil auf der Doppel-Sechs aber allemal.

Auf der Ertragsseite standen außerdem ein ordentliches Debüt von Marcel Halstenberg auf der linken Seite, ein tadelloses Spiel von ter Stegen, der fraglos an Format gewonnen hat, sowie eine in jeder Hinsicht imposante Erscheinung namens Mats Hummels als Chef der Dreier-Abwehrkette.

Am Dienstag, beim Jahresabschluss in Köln gegen Frankreich, wird Löw das Team auf einigen Positionen verändern. Den Gegner, sagte der Bundestrainer, erwarte er „noch ein bisschen stärker“ und verwies auf die „Weltklassespieler“ in der Offensive, die „noch mehr Zug zum Tor“ hätten als die Engländer. Mit anderen Worten: Ein weiteres 0:0 käme schon einer ziemlichen Überraschung gleich.

Quelle: FAZ.NET
Christian Kamp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Kamp
Sportredakteur.
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