Die Regelecke zur Fußball-WM

Vier Auswechslungen und viele Videos

Von Achim Dreis
 - 13:30
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Die Fußball-Weltmeisterschaft hat noch nicht angefangen, doch wenige Tage zuvor kann davon ausgegangen werden, dass es Diskussionen über das Regelwerk gibt. Denn erstmals wird bei einem großen Turnier der sogenannte Videobeweis zur Entscheidungsfindung herangezogen. Was in der Bundesliga nach einem Jahr Probezeit und einer Saison mit „Work in Progress“ schon nicht wirklich zufriedenstellend verlief, könnte auch bei der WM für fragwürdige Entscheidungen und Verwirrung auf dem Platz und Stress bei der Aufarbeitung sorgen. Denn die meisten der 35 WM-Schiedsrichter, die zum Teil aus nachrangigen Fußball-Nationen wie Usbekistan, El Salvador oder Tahiti stammen, kennen das Hilfsmittel nicht aus dem laufenden Fußball-Betrieb, sondern nur durch Schulungen.

Die Bestimmungen, wann die Video-Assistenten ins Spiel eingreifen dürfen, sollen dieselben sein wie in der Bundesliga: bei Tor, Abseits, Platzverweis oder Verwechslung eines zu bestrafenden Spielers. Wenigstens hat der Weltfußballverband (Fifa) größtmögliche Transparenz versprochen: Die Zuschauer in den Stadien sollen durch Wiederholungen und Grafiken auf den Anzeigetafeln informiert werden, um was es gerade geht. Die Essenz der Gespräche zwischen Schiedsrichtern und Video-Assistenten soll zudem an die Fernseh- und Radio-Kommentatoren weitergeleitet werden, die es wiederum an die Zuschauer zu Hause übermitteln sollen. Und weitergehende Erklärungen will die Fifa zeitnah auf ihrer Internetseite nachreichen.

Das Zentrum der Macht wird nicht wie in der Bundesliga ein Kellerstudio in Köln, sondern ein Kontrollraum in Moskau sein. Der „Video Operations Room“ wird bei jedem Spiel mit einem Video-Assistenten, einem weiteren Schiedsrichter und noch einem dritten Unparteiischen besetzt sein. Dieser ist speziell für die Bewertung von Abseits-Situationen zuständig. Zusätzliche Unterstützung erhält das Video-Trio von einem als „Support“ bezeichneten vierten Offiziellen, der sich das Spiel ebenfalls im Fernsehen anschaut. Auch er ist befugt, bei strittigen Szenen einzugreifen. Immerhin: diese Teams sollen nach Sprachkenntnissen zusammengestellt werden, damit sie zumindest in der gleichen Sprache dieselbe Szene unterschiedlich bewerten können. Wenigstens sollte keine babylonische Verwirrung herrschen, die im Stadion weiter zu befürchten ist.

Aus Deutschland ist Felix Brych als WM-Schiedsrichter nominiert, auf dem Platz wird er unterstützt von seinen Assistenten Stefan Lupp und Mark Borsch. Im Kontrollzentrum stehen Bastian Dankert und Felix Zwayer als Video-Assistenten bereit. Doch auch Brych und seine Begleiter können in Moskau als Videoschiedsrichter eingeteilt werden.

Vierte Einwechslung bei Verlängerung

Weitere Modifizierungen, die die Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) beschlossen haben, dürften weniger gravierend ins Spiel eingreifen. Bei Spielen, die in der K.o.-Runde in die Verlängerung gehen, darf ein vierter Akteur eingewechselt werden. Auf der Ersatzbank dürfen während des Spiels übrigens alle zwölf Mann sitzen, die nicht zur Startelf gehören. Es muss keiner auf die Tribüne – außer gesperrte Spieler.

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Auftakt der WMZu Besuch im Austragungsort Kasan

Auf der Tribüne wiederum sitzt bei Spielen der deutschen Mannschaft in der Regel Joachim Löws Assistenztrainer Marcus Sorg. Und der darf nun auch während der laufenden Partie mit der Trainerbank kommunizieren. Das ist neu bei dieser WM. Laut Reglement dürfen „kleine, tragbare Elektro- oder Kommunikationsgeräte“ eingesetzt werden. Dies allerdings nur, sofern es „zu Taktik- oder Coachingzwecken oder zum Wohl der Spieler geschieht“. Mit anderen Worten: Sorg könnte den zweiten Assistenten Thomas Schneider, der wie gehabt auf der Bank sitzt, mit dem Handy anrufen.

Unterschied zwischen Fifa und Uefa

Ein Spiel dauert übrigens weiterhin 90 Minuten, daran hat die Fifa nichts geändert, wobei es unter strenger Einhaltung der Nachspielzeit brutto auch gerne mal 97 oder 98 Minuten werden können. Exakt 85 Minuten vor dem Anpfiff muss jedes Team seine auserwählte erste Elf der Fifa mitteilen. Und für den 23er-Kader dürfen bis 24 Stunden vor dem ersten Turnierspiel noch ein Spieler ersetzt werden, sofern er wegen einer Verletzung ausfällt.

Eine wichtige Frage des Reglements bei großen Turnieren ist auch der Modus, nach welchen Kriterien sich die Mannschaften zum Abschluss der Gruppenphase eigentlich für die K.o.-Runde qualifizieren. Dabei unterscheiden sich Turniere unter Einfluss der Fifa gravierend von Turnieren, die die Europäische Fußball-Union (Uefa) ausrichtet.

Während bei einer Europameisterschaft als erstes Kriterium bei Punktgleichheit der direkte Vergleich zwischen den Teams herangezogen wird, gilt bei der WM die alte Regel, dass die Tordifferenz aus allen Spielen bei Punktgleichheit entscheidet und erst danach der direkte Vergleich. Sollte daraus keine Entscheidung herbeizuführen sein, wird die Fairplay-Wertung herangezogen, ermittelt anhand der Gelben und Roten Karten in der Gruppenphase. Letztes Kriterium wäre das Los.

Lex Ballack und Lex Suarez

Gelbe Karten aus der Qualifikation sind übrigens gestrichen worden. Sperren nach Roten Karten bleiben allerdings gültig. Nach zwei Gelben Karten im Verlauf der WM folgt eine Sperre für die nächste Partie. Eine Gelb-Rote Karte wird ebenfalls mit einem Spiel Sperre geahndet. Bei Roten Karte entscheidet die Disziplinarkommission über die Länge der Sperre. Nach dem Viertelfinale werden einzelne Gelbe Karten vom Sündenregister gestrichen. Somit kann kein Spieler aufgrund der zweiten Gelben Karte für das Finale gesperrt sein: „Lex Ballack“, den dieses Schicksal noch bei der WM 2002 ereilte.

Es ist auch eine „Lex Suarez“ ins Strafregister aufgenommen worden: Die Erweiterung der Regel 12 setzt nämlich „Beißen“ mit allen anderen Vergehen gleich, die mit direktem Freistoß und Platzverweis bestraft werden. Uruguays Stürmer Suarez hatte bei der WM 2014 Italiens Giorgio Chiellini gebissen, wurde aber erst nachträglich bestraft.

Quelle: FAZ.NET
Achim Dreis
Sportredakteur.
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