Spanien und die Trikotfrage

Blau oder lila?

Von Hans-Günther Kellner, Madrid
 - 10:12
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Bei nationalen Symbolen vergeht den Spaniern der Spaß. In Barcelona hängen an den Balkonen viele „esteladas“, die rot-gelb gestreiften Fahnen mit einem Stern an der Seite – ein Bekenntnis zur Unabhängigkeit Kataloniens. Andere knoten lieber die rot-gelbe Spanienfahne ans Balkongeländer. Es gibt sogar ein Gesetz über die Beflaggung. An allen öffentlichen Gebäuden ist die spanische Fahne Vorschrift; daneben darf gerne die der Region, der Stadt und die der Europäischen Union hängen. Dazu gibt es Gerichtsurteile höchster Instanzen.

So verwundert der Aufschrei, der diese Woche durch Spanien ging, nicht: Die spanische Fußball-Nationalelf soll bei der Weltmeisterschaft in Russland mit einem Trikot spielen, in dem die Farbe Lila vorkommt. Es ist nur eine kleine Veränderung. Natürlich spielt die „rote Furie“ weiterhin in Rot. Doch zum gelben Streifen haben die Designer nun einen vertikalen Farbstreifen gemischt, der den meisten lila vorkommt.

Das erste Spiel im neuen Trikot gewann der frühere Weltmeister jedenfalls souverän mit 5:0 gegen Costa Rica. Damit blieb Spanien auch im 15. Spiel unter Nationalcoach Julen Lopetegui ungeschlagen. Jordi Alba (5.) und Alvaro Morata (22.) sorgten gegen die ebenfalls für die WM qualifizierten Gäste früh für eine 2:0-Führung. Im zweiten Durchgang erhöhte dann Silva (51. und 55.), ehe Andres Iniesta den Schlusspunkt setzte (73.).

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Für hartnäckige spanische Nationalisten ist das Auftreten mit dem neuen Farbton dennoch unverzeihlich, auch wenn man dem Ausrüster nicht vorwerfen kann, auch nur geahnt zu haben, was er damit anrichtet. Denn Lila gehörte neben Rot und Gelb zu den Farben der Zweiten Spanischen Republik, der kurze Versuch nach dem Ende der Monarchie 1931 im Rahmen einer bürgerlichen Demokratie das Land zu reformieren. Der Versuch führte über den Bürgerkrieg (1936 bis 1939) direkt in die Franco-Diktatur (1939 bis 1975). Ein Nationaltrikot mit dieser Farbe ist für manche Rechtskonservative angesichts der Unabhängigkeitsdebatte in Katalonien darum ein Menetekel, ein Vorbote des nationalen Untergangs.

Hermann Tertsch, einst Meinungschef bei der Tageszeitung El País, erklärte das Trikot über die sozialen Netzwerke zum Müll, nur vergleichbar mit den Farben der Sowjetunion. Noch schlimmer: Der vertikale Streifen aus gelben Rauten erinnere an die katalanische Fahne! Alfonso Ussía, Kolumnist in der nationalkatholischen La Razón, fand das Trikot „hässlich wie die Tollwut“, und Eduardo Inda, Herausgeber einer Online-Plattform, meinte, es sei widerwärtig und rief zum Boykott auf. Selbst die spanische Regierung sei verärgert, heißt es.

Die spanische Linke mit ihrem etwas idealisierenden Blick auf die Zweite Republik ist hingegen entzückt. Pablo Iglesias, der langhaarige Podemos-Chef, der gerne selbst gegen das Leder tritt, hatte schon zu Beginn der Woche getwittert, die Nationalelf habe schon lange kein so schönes Trikot getragen. Der Generalsekretär der Postkommunisten, Alberto Garzón, meinte etwas ernster, das Trikot erinnere daran, dass schon die Zweite Republik versucht habe, zum Rot-Gelb der Farben des Königreichs Aragón, zu dem auch Katalonien gehörte, auch das Lila Kastiliens hinzuzufügen.

Lieblingsfarbe lila

Die Fußballprofis selbst halten die von manchen so bierernst geführte Debatte hingegen für ein wenig lächerlich. Lila sei seine Lieblingsfarbe, kommentiert Sergio Ramos, Kapitän der Nationalelf und bei Real Madrid, die Polemik. Pablo Iglesias sei zudem ganz außergewöhnlich, findet Ramos, allerdings nur, wenn er schlafe. Der Politiker meint dazu, wichtig sei, dass „La Roja“, also die Rote, gewinnt. Der spanische Fußballverband beschwichtigt: Es sei überhaupt kein Lila im Trikot, sondern „Ölblau“.

Vier oder fünf Experten des Königlichen Spanischen Fußballverbands hätten sich das Kleidungsstück noch einmal zeigen lassen, erklärte dessen Vorsitzender Juan Luis Larrea, und alle hätten bestätigt: Der horizontale Streifen ist blau, nicht lila. Dies habe sogar eine Lehrstuhlinhaberin für Augenheilkunde erklärt. Aufgrund einer optischen Täuschung nehme das Auge das Blau neben dem vorherrschenden Rot des Trikots als Lila wahr – und überhaupt sei der Weltmeistertitel wichtiger als die Farbenlehre, so Larrea. In einer Umfrage des spanischen Radiosenders Cadena Ser benannten die Fans hingegen ein viel größeres Ärgernis als die Farbgestaltung: Das Trikot soll 129,95 Euro kosten.

Quelle: F.A.Z.
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