Entlassung der Bundestrainerin

Die Krise ist nicht nur das Werk von Jones

Von Daniel Meuren
 - 16:23

Nun soll es der Mann für Notfälle im Deutschen Fußballbund (DFB) richten: Horst Hrubesch wird zumindest für die zwei WM-Qualifikationsspiele im April gegen Tschechien und Slowenien als Bundestrainer des deutschen Frauenfußball-Nationalteams tätig sein, nachdem der DFB die bisherige Bundestrainerin Steffi Jones und Ko-Trainer Markus Högner am Dienstag nach nur anderthalb Jahren von ihren Aufgaben entbunden hat. „Ich bedauere diese Entscheidung des DFB sehr“, teilte Steffi Jones über ihre Internet-Seite mit. „Ich war mit vollem Engagement und Leidenschaft Trainerin dieser Mannschaft. Wir befinden uns mit dem Frauenfußball in einer schwierigen Umbruchsituation und ich hätte gerne diesen Umbruch weiter gestaltet“, schrieb sie weiter.

Hrubesch füllt also nach seiner zuletzt bereits interimistisch ausgeübten Tätigkeit als Sportdirektor übergangsweise die nächste Vakanz im DFB. Was sich zunächst abermals als verfrühter Aprilscherz anhört – als solchen hatte vor ziemlich genau drei Jahren gleichfalls im März die Frauenfußball-Trainerlegende Bernd Schröder die Kür von Jones bezeichnet –, kann sich bei genauerer Betrachtung durchaus als kluger Schachzug erweisen. Hrubesch, dem als Frauenfußball-Sachverständige Ulrike Ballweg, die einstige Assistentin der früheren Bundestrainerin Silvia Neid, und Thomas Nörenberg zur Seite stehen, kann dank seiner Aura und Lebenserfahrung vermutlich schnell Ruhe in das zuletzt komplett verunsicherte deutsche Team bringen. Allein das sollte aufgrund der individuell großen Qualitätsunterschiede zwischen den Deutschen und den kommenden beiden Gegnern ausreichen, um die Spiele im April zu gewinnen.

Für die Vorbereitung auf das vermutlich entscheidende Qualifikationsspiel in Island am 1. September blieben dann immer noch fast fünf Monate Zeit. Zudem hatte sich Hrubesch zuletzt immerhin ein wenig mit dem Thema befasst: Er war, vermutlich im Rahmen eines schon etwas länger ausgeheckten Plans B, gelegentlich bei Spielen des VfL Wolfsburg als Beobachter vor Ort und er besuchte gemeinsam mit DFB-Präsident Reinhard Grindel das Testspiel gegen Frankreich im November, das die deutschen Frauen mit 4:0 gewannen. Jener Sieg hatte die Amtszeit von Steffi Jones bis zu diesem Dienstag verlängert.

Die Konsequenz aus der sportlichen Talfahrt der vergangenen Monate hatte der DFB nach einer Sitzung am Montagabend gezogen: Unter Jones, die im August 2016 nach dem Olympiasieg des deutschen Teams unter Vorgängerin Silvia Neid die Führung des Teams übernahm, war die deutsche Elf im vergangenen Jahr bei der Europameisterschaft in den Niederlanden im Viertelfinale ausgeschieden, so früh wie seit über 30 Jahren nicht mehr. In der WM-Qualifikation unterlag Deutschland Island mit 2:3, wodurch die Teilnahme an der Endrunde in Frankreich in Gefahr ist. Erstmals seit fast zwei Jahrzehnten hatten die deutschen Fußballfrauen ein Qualifikationsspiel verloren.

Die Krise ist freilich nicht nur das Werk von Jones: Der DFB hat viele Jahre lang versäumt, im Frauenfußball die Strukturen zu überwachen. Wie zuvor bei der EM in den Niederlanden schickte der DFB jüngst auch zum keine 30 Kilometer vom Verbandssitz entfernt in Wiesbaden ausgetragenen und letztlich verlorenen WM-Qualifikationsspiel gegen Island keine fachkundigen Beobachter, um sich ein Bild vom Zustand des Teams zu machen. Entsprechend hatte der Verband keine eigne Expertise, um die Arbeit von Steffi Jones bewerten zu können. Erst am Tiefpunkt nach der Niederlage gegen Island schickte der DFB endlich sachkundige Beobachter zu den Spielen. Dann hätte der DFB vielleicht früher bemerkt, dass die Trainingseinheiten nicht geeignet waren, dem Team Automatismen praktisch zu vermitteln, die Steffi Jones ihrem Team in der Theorie aufgezeigt hatte. Die Übungseinheiten wirkten viel zu verkopft und schufen Blockaden in den Köpfen statt Sicherheit im Spiel zu geben. Ergebnis war, dass gerade im Defensiv- und Aufbauspiel heillose Konfusion herrschte und eine Verteidigerin gegenüber FAZ.NET auf die Frage, ob die Spielerinnen gar nicht wüssten, wie sie sich ohne Ball im Verbund zu bewegen hätten, ein klares „Ja“ zur Antwort gab.

Zuletzt bei der Amerikareise war Panagiotis Chatzialexiou als Sportlicher Leiter der Nationalmannschaft im DFB mitgereist, um Eindrücke zu sammeln. Nachdem sich Chatzialexiou zu Beginn der Reise noch als optimistischer Begleiter präsentiert hatte, änderte sich sein Urteil offenkundig während der zehn Tage in Amerika, als die deutsche Elf in drei Spielen gegen die Vereinigten Staaten, England und Frankreich sieglos blieb und beim „She Believes“-Cup Letzter wurde. Zuletzt haben auch die Spielerinnen intern zum Ausdruck gebracht, dass es mit Jones nicht weitergehe. Besonders die Leistung beim 0:3 gegen Frankreich war besorgniserregend und dürfte das Urteil zu Jones maßgeblich beeinflusst haben.

Der DFB fürchtete wohl, dass die Krise im WM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien eine Fortsetzung finden könnte. „Wir wollten nach der für uns alle enttäuschenden EM mit Steffi weiterarbeiten und haben ihr bewusst diese Chance gegeben. Mit Blick auf die sportliche Entwicklung, die wichtige Qualifikation für die WM und die unterschiedlichen Rückmeldungen vom SheBelieves-Cup sind wir aber jetzt zu der Überzeugung gekommen, dass die Mannschaft eine neue Führung braucht“, sagte Oliver Bierhoff in seiner Funktion als Direktor Nationalmannschaften. Die Suspendierung von Jones ist die erste vorzeitige Trennung des DFB von einer Bundestrainerin beziehungsweise einem Bundestrainer seit dem ersten Länderspiel im Oktober 1982. Jones ist als erst vierte Person in diesem Amt folglich diejenige mit der kürzesten Amtszeit. „Sie ist und bleibt ein prägendes Gesicht des deutschen Frauenfußballs, und ich würde mich freuen, wenn sie in anderer Funktion dem DFB und dem Frauenfußball erhalten bleibt”, sagte DFB-Präsident Grindel zum Abschied.

Als Kandidaten für die Zeit nach Hrubesch kommen neben der früheren Nationalspielerin und heutigen Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg nur zwei Männer in Frage: Ralf Kellermann, der sich seit dieser Saison beim VfL Wolfsburg nach einem Jahrzehnt der erfolgreichen Trainerarbeit auf die Aufgabe als Sportdirektor konzentriert, wäre aufgrund seiner Erfolge in Champions League, Bundesliga und DFB-Pokal sowie der Wahl zum Welttrainer des Jahres 2015 die logische Lösung. Für Kellermann müsste der DFB indes über seinen Schatten springen. Ihm fehlt die Fußballlehrerlizenz, der Verband müsste also einem Modell einer Doppellösung beispielsweise mit Kellermanns langjähriger Assistentin Britta Carlson zustimmen, wie es der DFB bei den Männern einst bei Franz Beckenbauer und Rudi Völler bereits praktiziert hatte. Die frühere Nationalspielerin Carlson besitzt die Fußballlehrerlizenz. Auch Colin Bell, der zweite geeignete Mann und derzeit irischer Nationaltrainer, wäre eine Revolution beim DFB. Der Fußballlehrer, 2015 Champions-League-Sieger mit dem FFC Frankfurt, lebt zwar seit Jahrzehnten in Deutschland, ist aber Engländer. Bislang wurde noch keinem Ausländer ein Bundestrainerjob übertragen.

„Bei der Trainersuche wollen wir mit den Vereinen der Bundesliga jetzt eine Lösung finden, die den Frauenfußball auf eine neue Grundlage stellt. Heißt: Mehr Koordination zwischen DFB und Liga, mehr Verzahnung von A-Mannschaft und U-Bereich“, ließ DFB-Präsident Reinhard Grindel über seinen seit wenigen Tagen von einer Kommunikationsagentur betreuten Twitter-Account wissen. Die Worte Grindels deuten darauf hin, dass der DFB wohl auch über den Trainerposten hinaus strukturelle Veränderungen bei seinen Frauen anzugehen gewillt ist.

Quelle: FAZ.NET
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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