Fußball
Kommentar

Das Transferkarussell dreht durch

Von Peter Penders
© Picture-Alliance, F.A.Z.

Dieser Satz wird vermutlich in nächster Zeit noch öfter fallen: „So einen Transfer habe ich noch nie erlebt.“ Jörg Schmadtke, der Manager des 1. FC Köln, wird nicht der Letzte sein, der den Ablauf eines Wechselgeschäftes mit diesem Stoßseufzer kommentieren wird. Anthony Modeste geht nun also doch in die chinesische Super League zu Tianjin Quanjian.

Undurchsichtig war das Transfergeschäft ja schon immer, und Treueschwüre der Spieler hatten ebenfalls in der Regel eine kürzere Halbwertzeit als Politikerworte im Wahlkampf. Aber mit dem Auftauchen des chinesischen Fußballmarktes hat die ganze Geschichte noch einmal eine neue Dimension angenommen – dabei war doch ohnehin allen klar gewesen, dass dieser Transfersommer nach dem Abschluss des Fernsehvertrages der englischen Premier League im vergangenen Jahr so hitzig wie noch nie werden würde.



Die Beschränkungen, denen Transfers nach China unterliegen, machen alles noch komplizierter – der Kölner Vertrag mit Tianjin Quanjian wird künftig vielleicht ein Lehrbeispiel im Jurastudium werden. Geht alles gut, dann haben die Kölner ein Geschäft gemacht, mit dem sie nicht rechnen konnten, als sie Modeste vor zwei Jahren für 4,5 Millionen Euro aus Hoffenheim holten. Nicht jeder beglückwünschte Schmadtke damals zu diesem Transfer, der sich für den FC letztlich aber als Coup besonderer Art entpuppte.

Modeste schoss die Rheinländer in die Europa League und wird nun nach Ablauf des Leihgeschäftes und dem endgültigen Kauf in zwei Jahren insgesamt eine Summe zwischen 30 und 35 Millionen einbringen. Diese Rendite lässt zumindest die Verantwortlichen vermutlich leichter über das ganze Hin und Her der vergangenen Wochen hinwegsehen. Es ist ein Pokerspiel, es ist ein Geschäft – Fußball ist es nur noch für die Fans.

Köln verleiht Modeste, Bayern leiht James Rodriguez von Real Madrid aus, Juventus Turin leiht Douglas Costa von den Bayern aus – das „Spieler-Leasing“ mit abschließender fester oder optionaler Kaufmöglichkeit wie auf dem Automarkt scheint jetzt, da so viel Geld wie noch nie in diesem System im Umlauf ist, zum neuen populären Geschäftsmodell zu werden. Im Fall von Modeste steckt das Bestreben des chinesischen Vereins dahinter, den „Strafzoll“ in Höhe der Ablösesumme zu verringern.

Bei den Bayern und bei Juventus ist es eher eine Wette auf den zukünftigen Markt. Die Ablösesummen werden sich in Zukunft wohl noch weiter erhöhen, also sichert man sich schon jetzt einen Preis, zu dem der Spieler in ein, zwei Jahren nicht mehr zu haben sein wird. Solche Transfers haben die Fans alle noch nie erlebt – die Frage wird sein, wie lange das allgemeine Kopfschütteln anhält. Vermutlich nimmt das Karussell ja jetzt erst noch einmal richtig Fahrt auf.

Quelle: F.A.Z.
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