RB Leipzig gegen VfL Wolfsburg

Die Klubs der starken Männer

Von Michael Ashelm und Michael Horeni
 - 13:07
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Mit den beiden Männern, die den deutschen Fußball derzeit so grundlegend verändern, wie das der Profifußball hierzulande in über fünfzig Jahren nicht erlebt hat, einfach mal über ihre Sicht des Fußballs zu sprechen, ist unmöglich. Zumindest öffentlich. Journalistische Anfragen versanden bei Martin Winterkorn immer wieder sehr freundlich, und auch Dietrich Mateschitz ist seit Jahren leider nicht zu sprechen.

Wenn jedoch Klaus Allofs, der Sport-Geschäftsführer des VfL Wolfsburg über den Vorstandsvorsitzenden des VW-Konzerns plaudert, dann klingt das nach einem erstaunlich vertrauten Verhältnis. Winterkorn ist bei fast allen Heimspielen der Wolfsburger im Stadion dabei, und nach dem Abpfiff diskutieren die beiden dann immer wieder regelmäßig über Fußball. Die Zeit nimmt sich der leidenschaftliche Fußballfan Winterkorn gerne. Auch unter der Woche sind der Fußball-Mann und der Auto-Mann stets in Kontakt, entweder telefonieren sie miteinander oder Allofs geht einfach rüber zum VW-Chef, und dann reden sie auch schon mal eine Stunde oder länger über die Lage. Nicht nur die räumliche Nähe von Winterkorn zum Fußball ist da in Wolfsburg.

Ralf Rangnick, der Sportdirektor von RB Leipzig und Red Bull Salzburg besitzt ebenfalls einen kurzen Draht zum milliardenschweren Firmengründer. Auch sie telefonieren regelmäßig miteinander und treffen sich gerne persönlich. Zudem ist Mateschitz für Rangnick stets über SMS oder Handy zu erreichen, aber das sei eigentlich nur dann nötig, so der Sportdirektor, wenn etwas außergewöhnlich Wichtiges passiere, wenn man etwa einen Spieler verpflichte, der sich außerhalb des üblichen Budgets bewege.

Auch das ist eine Gemeinsamkeit zwischen den Spiel- und Werkzeugen, die sich die Unternehmen von Mateschitz und Winterkorn mit RB Leipzig und dem VfL Wolfsburg leisten: Investitionen und Transfers außerhalb der üblichen Größenordnungen, mit denen sie leisten die Bundesliga-Konkurrenz immer stärker in die Bredouille bringen. Und viele Fans auf die Barrikaden.

An diesem Mittwoch treffen die Werkteams der beiden einflussreichen Macher und Manager erstmals unter Profibedingungen aufeinander (19.00 Uhr / Live bei Sky und im DFB-Pokal-Ticker bei FAZ.NET). Der unumstrittene Herrscher des Extrem-Sports auf dieser Welt, der seine Red-Bull-Sportler von Klippen, Abhängen und der Stratosphäre herunter stürzen lässt und nach neuester Forbes-Liste über ein Vermögen von 10,6 Milliarden Dollar verfügen soll, will mit seinem ebenso umstrittenen wie aufstrebenden Zweitligaklub nun auch den deutschen Profifußball aufmischen. Leipzig trifft im Heimspiel auf die aktuelle Nummer zwei des Fußball-Landes mit dem vielleicht wichtigsten Mann im deutschen Fußball im Hintergrund. Aber auch bei diesem Viertelfinalspiel der besonderen Art wird man von Mateschitz und Winterkorn nicht persönlich sehen. Sondern nur ihr Werk.

Winterkorn leitet als führender Angestellter den zweitgrößten Automobilhersteller der Welt und den mit Abstand umsatzstärksten Konzern Deutschlands mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden Euro. Auch im deutschen Fußball ist VW längst zu einer Macht herangewachsen. Das Unternehmen sponsert mit seinen unterschiedlichen Automarken 16 von 36 Vereinen aus der ersten und zweiten Liga, dazu den DFB-Pokalwettbewerb. Auch ein Sponsorship in der Champions League reizt das Unternehmen. Der VfL Wolfsburg gehört dank einer Sondergenehmigung schon lange zu 100 Prozent VW. Über Audi ist das Unternehmen zu 8,33 Prozent an der AG des FC Bayern München beteiligt, wo Winterkorn dem Aufsichtsrat angehört. Beim Tabellenführer der zweiten Liga, dem FC Ingolstadt, hält wiederum die Audi-Tochter Quattro GmbH 19,94 Prozent der Anteile. „Die beiden Vereine, die wir maßgeblich unterstützen, sind der VfL Wolfsburg und der FC Bayern. Eine gewisse Liebe zu diesen Klubs gebe ich gern zu“, sagte Winterkorn in der vergangenen Woche im „Stern“. „Mein Sohn ist übrigens ebenfalls glühender VfL-Fan.“

VW unterstützt neben den Bundesligaklubs auch zahlreiche nationale Verbände und ausländische Vereine, von Saudi-Arabien über Mexiko bis Brasilien. Ein weltweit verzweigtes Netz. Im Frauen-Fußball ist der VfL schon jetzt die führende deutsche Kraft. Der Klub gewann in den beiden vergangenen Spielzeiten sowohl die deutsche Meisterschaft als auch die Champions League, einmal sogar das Triple. Branchenkenner bewundern neben der geballten Macht, mit der VW im Fußball auftritt, auch die logistischen Leistungen, die der Vorstandsvorsitzende vollbringe, um neben der Leitung des Konzerns auch im Fußball persönlich so präsent zu sein. Aber auch nach seiner Vorstandszeit, so kündigte Winterkorn jetzt an, werde er dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern verbunden bleiben.

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Der Vorstandsvorsitzende begründet das enorme Sponsoren-Engagement des Konzerns im Fußball allein mit wirtschaftlichen Motiven. VW nutze strategische Partnerschaften vor allem dazu, Konkurrenten aus der Automobilindustrie an den jeweiligen Fußball-Standorten als potentielle Sponsoren abzuwehren. Die Ausweitung des VW-Engagements in den vergangenen Jahren sei ohne den Fußballfan Winterkorn an der Spitze aber auch nur schwer vorstellbar, heißt es in der Branche. Er selbst halte sich jedoch aus den Entscheidungen beim VfL Wolfsburg heraus. Ausnahmen machte der frühere Jugend-Torwart des TSV Münchingen allerdings schon mal. Als Ivica Olic etwa in der Winterpause von Wolfsburg zum HSV wechseln wollte, ging dieser Transfer nicht ohne Gespräche mit dem VW-Boss ab. „Ich habe seit zehn Jahren ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm“, so Winterkorn im „Stern“. Und so konnte Olic gehen, obwohl der VW-Chef davon eigentlich nicht begeistert war. Man kennt sich schon aus gemeinsamen Zeiten beim FC Bayern.

Auch beim Wechsel von Mario Mandzukic von Wolfsburg 2012 nach München war der Vorstandsvorsitzende nicht gerade unbeteiligt. „Ich weiß noch, an welchem Baum ich in meinem Urlaubsort Cap Antibes stand, als ich den Karl-Heinz Rummenigge angerufen habe“, erinnerte sich der damalige Bayern-Manager Uli Hoeneß nach dem geglückten Mandzukic-Transfer in der „Sport-Bild“. Da auch Rummenigge der Stürmer gefallen habe, beschlossen sie, Mandzukic nach München zu holen. „Ich rufe den Winterkorn an“, sagt Rummenigge zu Hoeneß. Dann lief die Sache.

Das Ziel ist die Champions League

Aber solche Deals sind Kleinigkeiten in den Fußball-Imperien von VW und Red Bull. Der Brausehersteller hat neben Leipzig und Salzburg weitere Standorte in Österreich, den Vereinigten Staaten und Brasilien aufgebaut. Alle Teams sind nach einem einheitlichen Spielsystem konzipiert, das es erlauben soll, die Spieler je nach Entwicklungsstand von einem zum anderen Standort zu verschieben. Die höchst professionelle Konzentration der Kräfte, die bei Red Bull und VW im Fußball stattfindet, alarmiert aber nicht nur sogenannte Traditionsvereine, die fürchten, bei diesem Tempo den Anschluss zu verlieren. Wolfsburg hat gerade sein neues Leistungszentrum bezogen, Leipzigs neuer Komplex für rund 35 Millionen Euro wird im Sommer fertig – und neue Maßstäbe setzen.

Mateschitz wolle nicht bis zu seinem 80. Geburtstag warten, um die deutsche Meisterschaft zu feiern, sagt Rangnick. Das wird im Jahr 2024 sein. Auch die Champions League ist erklärtes Ziel. Wolfsburg will auch nicht mehr so lange warten. Der Durchmarsch der beiden Klubs bis nach ganz oben, erst in Deutschland und dann in Europa, ließe sich noch schneller verwirklichen – und die Machtposition von Konzernen im Fußball noch weiter ausweiten – wenn nicht Verbandsregeln das freie Spiel der Kräfte beschränkten. Da ist die 50+1-Regelung, nach der Investoren in der Bundesliga nur Minderheitenrechte bei einer Fußball-Kapitalgesellschaft ausüben dürfen.

Erfolgstrainer
Warum Dieter Hecking zum VfL Wolfsburg passt
© dpa, Deutsche Welle

Eine Arbeitsgruppe der Ligaorganisation entwickelt gerade ein Reglement für mehrfache Minderheitsbeteiligungen. Der Plan: Ein Konzern darf inklusive seiner Töchter Beteiligungen an maximal drei Fußballklubs halten – einmal zu 49,9 Prozent, dann bis 9,9 Prozent und eine weitere unter fünf Prozent. VW gefällt das gar nicht. „Limitierungen haben meist nicht die gewünschte Wirkung. Marktwirtschaftliche Prinzipien helfen meines Erachtens den Klubs mehr, sich sportlich und finanziell weiterzuentwickeln“, sagt VW-Manager Stephan Grühsem, Generalbevollmächtigter des Konzerns, PR-Chef, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender beim VfL Wolfsburg und rechte Hand von Winterkorn.

Red Bull und VW als Zukunftshoffnung?

Der Europäische Fußball-Verband (Uefa) fordert unterdessen, dass im selben Europapokalwettbewerb nur Vereine mitspielen dürfen, die unterschiedliche Besitzer haben. Das gefällt wiederum Red Bull nicht. Denn das Probleme könnte, theoretisch, schon im Sommer auftauchen, falls sich RB Leipzig über den DFB-Pokal für die Europa League qualifiziert, in der Red Bull Salzburg in dieser Saison schon spielte.

Noch spannender wird die Fußballexpansion von Red Bull und VW mit Blick auf das Financial Fairplay. Für die Konzerne sind diese neuen Finanzregeln der Uefa ein ärgerliches Hindernis. Die Höhe von Investitionen in Vereine wird reglementiert. Sponsorenbeiträge müssen in etwa dem Marktwert solcher Werbeverträge entsprechen. Die Klubs sollen nur so viel ausgeben, wie sie einnehmen. Die Uefa gibt vor, damit die wirtschaftliche Vernunft im Fußball fördern zu wollen. Aus Sicht der Investoren wird dabei aber nur der Geldfluss in den Profifußball behindert.

Der Plan der Uefa könnte allerdings kippen. In der vergangenen Woche kam es vor einem Brüsseler Gericht zu einer Anhörung, weil ein Spielerberater klagt, der durch die Restriktionen des Financial Fairplays finanzielle Einbußen befürchtet. Die Regelungen verstießen gegen EU-Wettbewerbsrecht. Das halten Experten auch bei der 50+1-Regel und den Beschränkung von Beteiligungen von Unternehmen bei Vereinen für möglich. Hinter der Klage in Brüssel steht der belgische Sportanwalt Jean-Louis Dupont, der 1995 schon das legendäre Bosman-Urteil durchgefochten hat. Seither können Profis nach Vertragsende ablösefrei den Verein wechseln und damit ihren Marktwert steigern.

Auch Wolfsburg musste sich zuletzt Fragen der Uefa stellen. Es geht um die Höhe der Investitionen des VW-Konzerns für den Klub. Die Frage lautet: Sind sie nach Financial Fairplay zu hoch? Die Verantwortlichen im Klub wiegeln ab. Alles soll regelgerecht sein. Das Ergebnis steht noch aus. Aber angesichts des Mega-Fernsehvertrags in England, der den englischen Klubs einen finanziellen Vorteil in Höhe von 4:1 gegenüber der deutschen Konkurrenz verschafft, suchen Ligavertreter in Deutschland hinter den Kulissen schon fieberhaft nach Möglichkeiten, diese Graben zu schließen. Die große Hoffnung lautet: Konzerne, die sich im Fußball engagieren. Red Bull und VW werden das gerne hören.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ashelm, Michael (ash.)Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Ashelm
Michael Horeni
Redakteur in der Wirtschaft. Korrespondent für Sport in Berlin.
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