DFB-Gegner England

So stark wie seit Jahren nicht – theoretisch

Von Marcus Erberich, London
 - 17:14

Gareth Southgate kann einem leid tun. Der englische Nationaltrainer hatte alles so schön angerichtet: Testspiele gegen die beiden besten Nationalmannschaften der Welt, Deutschland (Freitag, 21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nationalmannschaft und im ZDF) und Brasilien, jeweils vor heimischem Publikum im Londoner Wembley-Stadion. So wollte er der Öffentlichkeit demonstrieren, dass England schon jetzt startklar ist für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Gute Auftritte würden das peinliche Achtelfinal-Aus gegen Island bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich schon vergessen machen.

Aber dann kamen die Anrufe. Zuerst sagte nur einer ab, dann der nächste, dann ganze Gruppen von Spielern. Der „Mirror“ sprach deswegen von einer „Farce“, für die „Sun“ ist das Ganze ein „Albtraum“. Und Southgate? Den muss man sich vorstellen wie ein Schulkind, das hibbelig vor seinem Geburtstagskuchen sitzt, bis es von seiner Mutter erfährt, dass die anderen Kinder nun doch nicht zur Feier kommen. Die Party kann zwar steigen – bloß ohne ein paar der neuen Galionsfiguren der Three Lions.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Sechs wichtige Spieler haben ihre Teilnahme an den Länderspielen wegen leichter Verletzungen abgesagt. Zum einen sind das Harry Kane, Dele Alli und Harry Winks von Tottenham Hotspur. Alle drei spielten noch beim 3:1-Champions-League-Sieg der Spurs gegen Real Madrid in der vergangenen Woche von Beginn an, Alli schoss in dem Spiel zwei Tore. Stürmer Kane traf in den vergangenen sechs Länderspielen sieben Mal, in seiner gegenwärtigen Form ist er für England nicht gleichwertig zu ersetzen.

Zum anderen fehlen Jordan Henderson vom FC Liverpool sowie Raheem Sterling und Fabian Delph von Premier-League-Tabellenführer Manchester City. Mit Alex Oxlade-Chamberlain, Daniel Sturridge, Jermain Defoe und Chris Smalling hatte Southgate außerdem vier Spieler gar nicht erst nominiert, die zuvor regelmäßig zu seiner Auswahl gehört hatten. Bei Oxlade-Chamberlain und Sturridge erklärte er die Maßnahme damit, dass beide Spieler bei Liverpool zu selten spielten. Und Innenverteidiger Chris Smalling könne seiner Ansicht nach mit dem Ball am Fuß zu wenig anfangen.

Zur Einordnung: Der Mann ist beim Tabellenzweiten Manchester United gesetzt. Mit Joe Gomez (20, Liverpool), Ruben Loftus-Cheek (21, von Chelsea an Crystal Palace verliehen) und Tammy Abraham (20, von Chelsea an Swansea verliehen) könnten dafür drei junge Spieler ihr Debüt im A-Team geben, ebenso der nachnominierte Jack Cork (Burnley). Angesichts dieser personellen Umwälzung können die Testspiele keine echten Leistungstests werden.

Souveräne WM-Qualifikation, Erfolge der Junioren

Neues Selbstvertrauen haben die Engländer während ihrer souveränen WM-Qualifikation jedenfalls getankt: Mit acht Siegen und zwei Unentschieden aus zehn Spielen bei 18:3 Toren haben sie Gruppe F dominiert. Bundestrainer Joachim Löw sagt: „Die Mannschaft ist meiner Meinung nach so stark wie seit Jahren nicht.“ Das liege unter anderem daran, dass bei sämtlichen Top-Klubs der Premier League Trainer arbeiten, die einen sehr taktischen und erfolgreichen Fußball spielen lassen. Das sieht man auch im internationalen Vergleich auf Vereinsebene: In der Champions League führen Manchester United und Manchester City, der FC Liverpool und Tottenham Hotspur jeweils ihre Gruppen an, Chelsea ist in seiner Gruppe Zweiter. Viele der Stammspieler dieser Teams sind zwar ausländische Profis, aber auch die englischen Spieler können von dem hohen Niveau profitieren – sofern sie denn eingesetzt werden.

Die Erwartungen der Engländer sind derweil auch durch die jüngsten Erfolge der U-Nationalmannschaften nicht gerade kleiner geworden: U 20 und U 17 haben in diesem Jahr jeweils die Weltmeisterschaft gewonnen, die U 19 ist Europameister. Es sind Generationen junger Fußballer, Ergebnisse einer reformierten Nachwuchsarbeit, die das sehnsüchtige Warten im Mutterland des Fußballs eines Tages beenden sollen: Der einzige Triumph Englands auf der großen Bühne ist nach wie vor der WM-Titel 1966. Auch die U 21 nährt diese Hoffnung – sie spielte dieses Jahr eine starke EM, scheiterte letztlich aber im Halbfinale am späteren Sieger des Turniers: Deutschland.

Quelle: F.A.Z.
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