Kurioses aus Südamerika

Eigener Protest führt zu WM-Aus für Chile

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Chile ist nach der verpassten Qualifikation für die Fußball-WM 2018 geschockt. Einst war das Team als möglicher Weltmeister gehandelt worden, auch Bundestrainer Joachim Löw war immer wieder beeindruckt von der Stärke und Organisation des chilenischen Auswahl. Im Endspiel um den Confederations Cup im Sommer gewann die deutsche Mannschaft mit 1:0. Ein Wiedersehen in Russland wird es im kommenden Jahr nicht geben – und daran sind die Chilenen gleich im doppelten Sinne selber schuld.

Zum einen schafften sie es nicht, in der harten und langen Südamerika-Qualifikation einen der ersten fünf Plätze zu belegen, die das WM-Ticket oder zumindest die Teilnahme an einem Playoff-Duell bedeutet hätten. Zum anderen sorgte der chilenische Verband genau genommen selbst für das Abrutschen auf Platz sechs der Tabelle. Was war passiert? Im September 2016 hatte Bolivien den noch nicht spielberechtigten gebürtigen Paraguayer Nelson Cabrera eingesetzt. Das ursprüngliche 0:0 wurde als Sieg Chiles gewertet. So weit, so gut für Arturo Vidal, Alexis Sanchez und Co. Doch auch Peru legte daraufhin Protest ein. Schließlich war Cabrera zuvor auch bei Boliviens 2:0-Sieg eingesetzt worden. Und folgerichtig bekam auch Peru den Sieg, und damit drei Punkte mehr, zugesprochen. Am Ende setzte sich Peru gegenüber Chile, die insgesamt beide 26 Punkte gesammelt hatten, aufgrund des knapp besseren Torverhältnisses durch:

1. Brasilien - 41:11 Tore - 41 Punkte
2. Uruguay - 32:20 Tore - 31 Punkte
3. Argentinien - 19:16 Tore - 28 Punkte
4. Kolumbien - 21:19 Tore - 27 Punkte
5. Peru - 27:26 Tore - 26 Punkte
6. Chile - 26:27 Tore - 26 Punkte
7. Paraguay - 19:25 Tore - 24 Punkte
8. Ecuador - 26:29 Tore - 20 Punkte
9. Bolivien - 16:38 Tore - 14 Punkte
10. Venezuela - 19:35 Tore - 12 Punkte

Hätte Chile (und auch Peru) auf den Protest verzichtet, sähe die Tabelle anders aus:

1. Brasilien - 41:11 Tore - 41 Punkte
2. Uruguay - 32:20 Tore - 31 Punkte
3. Argentinien - 19:16 Tore - 28 Punkte
4. Kolumbien - 21:19 Tore - 27 Punkte
5. Chile - 26:27 Tore - 24 Punkte
6. Paraguay - 19:25 Tore - 24 Punkte
7. Peru - 27:26 Tore - 23 Punkte
8. Ecuador - 26:29 Tore - 20 Punkte
9. Bolivien - 16:38 Tore - 18 Punkte
10. Venezuela - 19:35 Tore - 12 Punkte

Zugegeben, zum damaligen Zeitpunkt war die Dramatik am Ende in der Tabelle nicht abzusehen. Wer Chancen auf mehr Punkte hat, legt selbstverständlich Protest ein. Welche negativen Folgen dies am Ende haben kann, war damals nicht zu erahnen. Dennoch verleiht dieser kuriose Umstand dem bitteren Aus in der WM-Qualifikation noch eine pikante Note.

Chiles Nationaltrainer Juan Antonio Pizzi bot derweil seinen Rücktritt an. „Bedauerlicherweise hat sich ein Kreis geschlossen, in dem wir Momente großer Freude erlebt haben und nun diese Enttäuschung“, sagte der Argentinier nach dem 0:3 in Brasilien nach Angaben der Zeitung „La Tercera“. In Chile wurde vom Ende der „goldenen Generation“ gesprochen, die 2015 und 2016 die Copa América gewonnen und in diesem Jahr das Confed-Cup-Finale gegen Deutschland erreicht hatte. Der gelb-gesperrte Vidal von Bayern München deutete via Twitter ebenfalls seinen Rücktritt an: „Vielen Dank für alles“, so Vidal. Er habe in jedem Spiel sein Leben gegeben.

Neben Argentinien, das von einem Dreierpack von Lionel Messi in Ecuador profitierte, und dem schon lange qualifizierten Brasilien lösten zudem Uruguay und Kolumbien das WM-Ticket für Russland 2018. Für Kolumbien traf James Rodríguez vom FC Bayern München. Die Peruaner können als Fünfter in einem Vergleich mit Ozeanien-Sieger Neuseeland noch ein WM-Ticket lösen, es wäre die erste WM-Teilnahme seit 1982. In Lima kannte der Jubel keine Grenzen, als der frühere Spieler vom FC Bayern München und des Hamburger SV, Paulo Guerrero, in der 75. Minute einen Freistoß zum 1:1 versenkte.

Der letzte Spieltag der Südamerika-Qualifikation war an Spannung kaum zu überbieten. Die Ausgangslage: Brasilien war durch, Uruguay auch praktisch – durch ein 4:2 gegen Bolivien wurde schließlich souverän der zweite Platz gesichert. Chile (26) ging als Dritter in das Qualifikations-Finale, gefolgt von Kolumbien (26) und Peru (25). Argentinien war wegen der weniger erzielten Tore im Vergleich zu Peru Sechster (25). Als Argentinien bereits nach 37 Sekunden durch ein Tor von Romario Ibarra 1:0 im Atahualpa-Stadion in Quito zurücklag, herrschte daheim in Buenos Aires lähmendes Entsetzen – das bedeutete das erstmalige Verpassen einer Weltmeisterschaft seit Mexiko 1970.

Doch dann begann die Show des Lionel Messi, auf dessen Schultern die Hoffnungen eines ganzen Landes ruhten. Zwei Mal war Ángel Di María von Paris Saint-Germain beteiligt, bevor Messi vollstreckte. Beim 2:1 kannte sein Jubel keine Grenzen, in der zweiten Halbzeit machte der fünfmalige Weltfußballer vom FC Barcelona den Dreierpack perfekt, die Mitspieler ließen ihn in der Jubeltraube verschwinden. Durch den Sieg wurde Argentinien hinter Brasilien (41 Punkte) und Uruguay (31) mit 28 Punkten noch Dritter, gefolgt von Kolumbien (27) und Peru (26). Chile (auch 26) verpasste den fünften Platz um zwei mickrige Tore.

Paraguay, das sich durch einen Sieg gegen den Letzten Venezuela noch statt Peru das Play-Off-Ticket gegen Neuseeland hätten sichern können, verlor zu Hause mit 0:1. Es gab ständige Wechsel in der Blitztabelle, wegen des Tors von Peru war Chile unter den Augen der entsetzten Präsidentin Michelle Bachelet in São Paulo am Ende draußen. Schmerzlich vermisst wurde der gelbgesperrte Vidal. Die Tore für Brasilien erzielten Paulinho (54.) und Gabriel Jesus (56./90.).

In den südamerikanischen Medien war vom „Herzschlagfinale“ die Rede – laut Fifa-Chef Gianni Infantino ist es die „härteste Qualifikation“. In der argentinischen Stadt La Plata hatte die irische Rockband U2 extra ein Konzert in die späten Abendstunden verlegt, damit die Fans dort im Stadion erst auf Leinwänden das Spiel in Ecuador sehen konnten. U2-Sänger Bono meinte: „Danke Lionel Messi. Gott existiert.“

Quelle: tora./dpa
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