Dietmar Hopp im Gespräch

„Innovation – da sind wir Spitze“

Von Michael Horeni
 - 14:32
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Dietmar Hopp, Mäzen von 1899 Hoffenheim, über die Helix, peripheres Sehen und Big-Data-Fußball in Sinsheim, seine Sorgen über die Spekulationsblase und den Sinn hinter den Spielen der chinesischen Olympiaauswahl in der Regionalliga Südwest.

Wären Sie Ihr dreistelliges Millionen-Engagement in Hoffenheim auch eingegangen, wenn Sie gewusst hätten, wie sich der Profifußball in den vergangenen Jahren entwickelt und kommerzialisiert hat?

Wenn man mir am Anfang gesagt hätte, was ich da tatsächlich reinstecken muss, hätte ich Angst gehabt. Zwei Drittel meines Vermögens habe ich ja in meine Stiftung gegeben, die mit dem Profifußball überhaupt nichts zu tun hat. Mittlerweile aber sage ich: Es ist okay. Der Verein trägt sich und wird auf Dauer auch bescheidene Gewinne abwerfen. Da hat man doch etwas Besonderes geschaffen für die Menschen in der Region, zu denen ich mich zähle. Aber die Entwicklung des Profifußballs ist nicht gesund. Ich fürchte, wir befinden uns schon in einer Spekulationsblase. Aber Deutschland kann ja nicht alles anders machen, sonst haben wir in der Bundesliga ganz schnell keine Spitzenspieler mehr. Vielleicht sind wir dann noch gut mit der Nationalmannschaft, weil wir so eine extrem gute Nachwuchsarbeit in Deutschland betreiben. Aber im europäischen Klubfußball würde man dann keine Rolle mehr spielen, wenn man sich von dem Geschäftsverhalten distanziert.

Sie verstehen die Proteste vieler Fans?

Mir wäre es auch am liebsten, wenn alle Spiele am Samstagnachmittag angepfiffen würden. Aber wenn der Spielplan nicht entzerrt wird mit einem Montagsspiel und zwei zusätzlichen Spielen am Sonntag, dann würden wir deutlich weniger Fernsehgeld erlösen und den Anschluss noch schneller verlieren. Dass die Grenze von einer Milliarde in der Bundesliga gerissen wurde, war für mich eine positive Sensation. England, Spanien, Italien und auch Frankreich haben mehr Geld als wir. Auch wenn es Ausreißer gibt: Der Erfolg hängt auf Dauer proportional von der Höhe des Budgets ab.

Hoffenheim steht nun vor den beiden entscheidenden Spielen für die Qualifikation zur Champions League – was bedeutet Ihnen die Königsklasse im Fußball unter diesen Umständen noch?

Mir ist vor allem wichtig, dass der Klub sich selbst tragen kann. Wenn wir in der Champions League spielen würden, dann wäre die schwarze Null oder auch ein angemessener Gewinn einfacher zu erreichen. Auch wenn ich nicht so blauäugig bin, zu glauben, dass die gesamten Einnahmen beim Klub bleiben. Aber Champions League wäre schon eine tolle Geschichte, auch sportlich. Aber das Wichtigste ist für mich: einen Verein zu hinterlassen, der ohne mich dauerhaft existieren kann.

Wie stark ist der Klub noch von Ihnen abhängig – und wie stark sind Sie vom Klub abhängig?

Der Klub ist nicht mehr abhängig von mir. Mit dem Thema sind wir durch. Ich habe zum letzten Mal 2011 eine ordentliche Einlage gemacht, aber nicht, wie andere, mit einem Darlehen. Seitdem hat es keine Nachschüsse mehr gegeben. Schon in der vorvergangenen Saison haben wir einen satten Gewinn gemacht, so dass wir auf längere Sicht – ich nehme mal den Drei-Jahres-Zyklus, wie er für das Financial Fairplay angewendet wird – keine Schwierigkeiten haben werden, diese Kriterien zu erfüllen. Wir haben gut gewirtschaftet und deshalb kein Problem zu befürchten.

Sicher?

100 Prozent sicher!

Und wie steht es mit Ihrer Abhängigkeit?

Ich bin nicht süchtig nach Fußball, aber ich schaue mir sehr gerne die Spiele an. Das hat sich über die Jahre überhaupt nicht verändert. Ich bin nach wie vor absolut sport- und vor allem fußballbegeistert. Ich dachte früher, das würde nachlassen, wenn man selbst nicht mehr spielt. Aber das hat bei mir nie nachgelassen. Nach Fußball und Tennis ist Golf jetzt mein Sport. Sport muss sein, jeden Tag. Auch im Keller an den Gewichten und auf dem Laufband. Wenn ich einen Tag nicht gelaufen bin, habe ich das Gefühl, dass der Tag sich nicht richtig anfühlt.

Als Hoffenheim in die Bundesliga kam, war der internationale Fußball bald ein Ziel. Wie haben sich Ihre Erwartungen unter den veränderten Bedingungen entwickelt?

Den internationalen Fußball hatte zumindest ich damals nicht zum Ziel. Ich war immer bescheiden. Der Aufstieg war für mich schon eine Sensation. Ich wäre damals mehr als zufrieden gewesen, wenn ich gewusst hätte, dass wir uns in der Bundesliga etablieren würden. Wir gehen nun in die zehnte Bundesligasaison nacheinander, das haben insgesamt nur 19 Vereine in Deutschland geschafft. In der vergangenen Saison habe ich es auch für unmöglich gehalten, dass wir unter die ersten sechs kommen. Klubs wie Wolfsburg, Leverkusen, Gladbach oder Schalke, die das Doppelte und mehr an Spielerbudgets zur Verfügung haben, hatten aber ein schlechtes Jahr. Deswegen sind wir dabei. Man kann auch nicht davon ausgehen, dass wir es jetzt in die Gruppenphase der Champions League schaffen. Der Modus ist brutal. Wir gehören zu den ungesetzten Mannschaften – da können wir es mit Liverpool, Sevilla, Neapel oder Ajax Amsterdam zu tun bekommen. Ich gehe mit großer Freude, aber nicht euphorisch in die beiden Spiele.

Was erwarten Sie für die neue Spielzeit?

In der neuen Saison haben wir es mit den Big Seven zu tun, denn Leipzig gehört neben Dortmund, Bayern, Schalke, Gladbach, Wolfsburg und Leverkusen ja nun auch dazu. Wenn zwei Klubs ein schlechtes Jahr haben, kann ich mir vorstellen, dass wir wieder zu den besten sieben gehören. Erwarten darf man das aber nicht. Unter die besten vier Klubs zu kommen, halte ich eigentlich wieder für nahezu unmöglich.

Selbstversuch im Footbonaut
Doppelpass mit der Hoffenheimer Maschine
© Andreas Brand, Andreas Brand

Als Sie Hoffenheim mit Ihrem Engagement in die Bundesliga führten – haben Sie mit einer solchen wirtschaftlichen Entwicklung und Kommerzialisierung des Fußballs gerechnet?

Nein, auch wenn mir klar war, dass man versuchen würde, Zuwachsraten zu generieren. Aber dass das Fernsehgeld derart in die Höhe schießt, habe ich nicht erwartet. Das ist bei uns aber auch nur deswegen passiert, weil es England in noch weit größeren Dimensionen vorgemacht hat. Ich frage mich allerdings, wie das auf der Insel langfristig funktionieren soll. Sind die Menschen wirklich bereit, so viel Geld für den Fußball auszugeben? Uli Hoeneß war vor wenigen Tagen hier, und wir sind einer Meinung, wenn der Tabellenletzte in England viel mehr Fernsehgeld bekommt als bei uns der FC Bayern, dass dies ein Wahnsinn ist – und es auf Dauer zu Verschiebungen führen muss. Ich wünsche mir als Konsequenz aber nicht, dass der Markt in Deutschland auch so massiv wächst. Denn darunter leiden am Ende nur die Menschen, die den Fußball lieben und dafür noch mehr bezahlen sollen.

Wie kann Hoffenheim auf Dauer unter diesen Bedingungen unabhängig von Ihnen als Bundesligaklub existieren?

Wir müssen Transferüberschüsse generieren. Wenn wir einen Spieler besonders gut entwickeln, wie jetzt zum Beispiel Niklas Süle, dann rechnen wir damit, dass die Bayern, Dortmund oder ein anderer Verein mit besseren finanziellen Möglichkeiten ihn holt. Das ist unser Geschäftsmodell. Schon in der Vergangenheit ist uns das recht gut gelungen, sonst wären wir nicht da, wo wir jetzt sind. Durch die Fülle der bei uns nachwachsenden Talente wird das auch so bleiben. Zudem wollen wir Spieler, die wir relativ günstig einkaufen, mit Gewinn weiterverkaufen.

Aber auch ein großes Trainertalent wie Julian Nagelsmann wird Hoffenheim auf Dauer kaum halten können.

So einen außergewöhnlichen Trainer in einem relativ kleinen Klub zu halten ist ausgeschlossen. Da mache ich mir keine Illusionen. Das ist genauso ausgeschlossen, wie einen Süle, einen Firmino oder einen Volland zu halten.

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Aber einen herausragenden Trainer zu entwickeln ist viel schwieriger als junge Spieler.

Das unterstreiche ich, denn Julian Nagelsmann hat sich bei uns entwickelt. Unsere Jugendarbeit ist zwar eine Komponente, die zum Erfolg beiträgt. Immerhin hatten wir beim Heimspiel gegen Köln acht in unserer Akademie ausgebildete Spieler in der Mannschaft, fünf auf dem Platz, dazu noch drei im Kader. Aber es ist das Können von Julian, das uns auf den vierten Platz gebracht hat. Er entfacht das Feuer in jedem einzelnen Spieler, Höchstleistungen zu bringen. Letztlich ist Motivation alles, wie auch in Unternehmen. Man muss Verantwortung übergeben können und Freiräume gewähren. Am meisten hasse ich es, wenn es zu viele Regeln gibt. Regeln, mit denen uns die EU überschüttet. Regeln, die die Menschen in Unternehmen einengen. Regeln, die dazu führen, dass keiner mehr etwas wagt und man seine Ideen nicht umsetzen kann. Denn wenn keiner was wagt, unterdrückt man am Ende jegliche Kreativität.

Wie machen Sie das in Hoffenheim?

Bei uns ist das absolute Gegenteil der Fall. Wir nennen uns einen innovativen Klub. Julian Nagelsmann ist dafür ganz offen. Wir wollen mit Innovationen Spieler besser machen. Da geht es um Leistungsdiagnostik, wir haben den Footbonauten und die Helix. Zudem hat SAP eine Software entwickelt, Sports One, die den Charme hat, dass sie den gesamten Geschäftsbetrieb umfasst und nicht nur den Sport als eine Komponente. Wir haben eine Kooperation mit SAP. Ich bin überzeugt, dass dies ein sehr lohnendes Geschäftsmodell für uns wird.

Welche Rolle kommt dabei Hansi Flick zu, der nach vielen Jahren beim DFB nun als Sportdirektor nach Hoffenheim zurückgekehrt ist?

Hansi hatte als Ko-Trainer der Nationalmannschaft unglaublich viel Erfolg. Nicht wenige sagen, dass er einen ganz großen Anteil am WM-Titel in Brasilien hatte. Er hat Verbindungen überall in Europa, in der Nachwuchsarbeit und bei den Profis. Wir hatten das Glück, dass er gerade frei geworden ist, denn wir hatten über kurz oder lang Bedarf auf der Position des Geschäftsführers Sport. Wir haben nämlich die Kooperation mit SAP forciert. Das verantwortet vor allem Dr. Peter Görlich, der zuvor in führender Position auch den Sport mitgemacht hat. Er ist ein ausgewiesener Experte in Sachen Innovation und Leistungsdiagnostik und verantwortet zudem die Internationalisierung und Digitalisierung. Das war unmöglich alles zu schaffen. Wir brauchten also dringend Verstärkung.

Wie innovationsstark ist Hoffenheim im Vergleich zu anderen Bundesligaklubs?

Ich will den Mund nicht zu voll nehmen, aber ich denke, da sind wir Spitze in der Liga.

Meinen Sie?

Ich bin überzeugt davon, dass es keinen zweiten Software-Anbieter in Deutschland mit einer solchen Sportlösung gibt. Ich weiß zwar, dass andere Vereine sagen, sie seien die Nummer eins in der Digitalisierung. Die Digitalisierung ist eines, aber nicht alles. Und in der Digitalisierung hängen wir auch nicht hinterher. In Deutschland gibt es ansonsten auch nur noch einen Footbonauten, in Dortmund. Unserer ist täglich im Dauerbetrieb und wird vor allem von den Jugendmannschaften genutzt. Die profitieren am meisten davon.

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An fast alle Dinge, die im Footbonauten oder der Helix geschehen, sind wissenschaftliche Arbeiten gekoppelt, aktuell mehr als fünfzig. Die Jungs und Mädchen gehen da nicht rein, um ein bisschen zu kicken. Wir erweitern unsere Helix jetzt auch von einer 270- auf eine 360-Grad-Projektionsfläche, die das periphere Sehen schult und die Konzentration stärkt. Zudem bauen wir gerade neben der Footbonauten-Halle auf 600 Quadratmetern ein Research-Lab, in dem künftig Millionen von Datensätzen ausgewertet werden. Das ist wirklich ein Big-Data-Labor des Fußballs. Da kann man schon jetzt sehr viele konkrete Rückschlüsse zum Beispiel anhand der Leistungsdiagnostik ziehen. Ob ein Spieler etwa aufgrund der Belastungen einer erhöhten Verletzungsgefahr unterliegt – das sieht man. Wir hatten in der vergangenen Saison die zweitwenigsten Ausfälle durch Verletzungen, nur Ingolstadt hatte weniger. Auch dort arbeitet man übrigens mit SAP-Software. Oder die Videowand, die wir auf dem Trainingsplatz getestet haben. Das war eine Idee von Julian Nagelsmann. Ich kann mir gut vorstellen, wie hilfreich es ist, wenn er direkt zu den Spielern hingehen kann und die Fehler während des Trainings sofort anspricht – in Echtzeit. Später in der Kabine haben die Spieler die zwanzig Szenen eines Trainings doch längst wieder vergessen.

Welchen Anteil haben die technischen Innovationen am Erfolg von Hoffenheim?

Das ist in Zahlen für den sportlichen Erfolg schwer zu beziffern, aber ich halte den Anteil für erheblich. Für den gesamten Verein werden die Innovationen zu einer tragenden Säule. Transferüberschüsse und Einnahmen aus weltweiten Innovationen – das wird einen großen Teil unserer Erlöse ausmachen.

Wie wollen Sie daraus ein weltweites Geschäft machen?

Die SAP ist weltweit mit fast 90.000 Leuten tätig. Überall sitzen Menschen, die Software verkaufen wollen – aber die Sportlösungen lassen sich leichter verkaufen, wenn man Content mitliefert. Und den schaffen wir in Hoffenheim. Sports One ist aber nicht nur Fußball, sondern auch zum Beispiel im Eishockey bei den Adler Mannheim oder den San José Sharks. Weltweit heißt nicht zuletzt auch China. Dass es dort wegen der neuen Fußball-Begeisterung bei Transfers zu Ausreißern kommt, ist schade. Aber die Chinesen wollen Fußball tatsächlich zum Volkssport machen. Zuletzt war die Olympia-Mannschaft hier in der Gegend, und es hat für einigen Wirbel gesorgt, dass sie in der Rückrunde der neuen Saison außer Konkurrenz in der Regionalliga Südwest mitspielt. Ich finde das sehr sinnvoll.

Warum?

Ich weiß, dass das viele Fans nicht gut finden. Aber zum einen profitieren die Vereine in der Regionalliga. Und mit welcher Begründung sollten wir den Chinesen unsere Hilfe verweigern? Auch gegen Geschäftsverbindungen spricht nichts. Die werden doch auf allen Ebenen geknüpft. Die chinesische Olympiamannschaft wird schon mit unseren Techniken betreut. SAP hat in China vielversprechende Aufträge im Sport. Dass das chinesische Team hier im Südwesten war, hat auch mit den Standorten der TSG und SAP zu tun. Kurze Wege, das hilft immer. Und ganz grundsätzlich: Ich bin überzeugt, dass Fußball verbindet. Das hilft auch politisch und wirtschaftlich.

Als Unternehmer sind Sie China-Fan?

China hat sich geöffnet. Ich habe gehört, es gibt mittlerweile 250 Milliardäre dort, es wird aber immer noch gesagt: In China sind alle gleich. Es gibt also den Großkapitalismus, aber bei der großen Masse kommt das nicht an. Im Fußball hat China noch einen weiten Weg vor sich. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass Fußball dort Volkssport wird, aber nicht, indem wir nach China fahren, sondern indem wir die Chinesen hier ausbilden, damit sie es dann in ihrem Land selbst tun können. Es wird auf Dauer auch nicht reichen, dass die Innovationen aus Walldorf von SAP und aus Zuzenhausen von der TSG kommen. Aber es ist ein Anfang. Irgendwann werden die Chinesen europaweit ihre Stützpunkte haben, an denen sie ihre Leute ausbilden. Das sind Dimensionen . . .

Da lacht Ihr Unternehmerherz?

So ist es. Und es ist besser, wir liefern Fußball nach China als Panzer.

Quelle: F.A.S.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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