Fußball-Comeback von Tim Wiese

Die Rückkehr des Rosa-Trikot-Trägers

Von Christoph Becker
 - 15:47

Kein Scherz, alles ernst gemeint. Dillingen an der Donau, Bayerisch-Schwaben, 1. April: Tim Wiese gibt sein Comeback im Fußball-Tor. Wiese hat’s versprochen, einem alten Freund, der früher Wieses Namen auf dessen Torwart-Handschuhe gedruckt hat und heute dem örtlichen SSV vorsteht. Und wer wirklich suchen will, der findet den detaillierten Comeback-Fahrplan auch schon im Internet, inklusive After-Match-Party in einer Disco in Augsburg, Kategorie „Nobel-Club“.

Tim Wiese, DFB-Pokalsieger, Rosa-Trikot-Träger, Weltmeisterschaftsdritter, Beinahe-Wrestler, Lamborghini-Fahrer und Dauerpumper, steht im Dillinger Tor, gegen Haunsheim. Ach ja, und Wiese war natürlich auch Gründungsmitglied der Trainingsgruppe 2, des Bewegungstherapiekreises überbezahlter und unterbeschäftigter Fußballprofis, den sich der damalige Hoffenheimer Coach Markus Gisdol ausgedacht hatte.

Die Mannschaft der Ausgemusterten

Wiese erinnert sich gut. „Mit Hoffenheim habe ich mal mit der Trainingsgruppe 2 gegen Dillingen gespielt“, zitiert ihn das Portal Sport1.de, auch jenes Spiel hatte der alte Freund aus Dillingen organisiert. Wiese schoss damals ein Tor, Elfmeter, dann wurde er ausgewechselt. Das Spiel endete 19:0, und der Vater von Tobias Weis, eines anderen früheren Nationalspielers in der Mannschaft der Ausgemusterten, regte sich ziemlich darüber auf, dass sein Sohn gegen einen so schwachen Gegner antreten musste.

Zuletzt hatte Wiese Schlagzeilen gemacht, weil aus seinem Einstieg in die Profi-Wrestling-Szene nichts wurde, angeblich weil er „nicht in die Story“ passte, was ungefähr so plausibel klingt wie die Absage eines Bundesligaspiels, weil kein Ball aufzutreiben sei. Dem „Spiegel“ hatte Wiese vergangenes Jahr gesagt, er habe als Fußballspieler ausgesehen „wie ein Lauch“. Als Keeper wog Wiese 90 Kilo.

Seitdem hat Wiese hauptsächlich darüber gesprochen, wie er zugelegt hat, an Muskelmasse und Bizepsumfang, und abgenommen hat, an Körperfettanteil. Von Zeit zu Zeit tauchten Selfies auf, die Wiese von sich gemacht hatte und die seine Entwicklung abbildeten. Sie war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Angeblich warfen sich die Muskelgebirgszüge in seinem Körper ohne Zurhilfenahme von Anabolika auf. Es muss also eine Art Urknall gewesen sein, befeuert vom chemischen Zusammenspiel aus Eiweißshakes und rohem Fleisch.

Auf der Pressekonferenz zum Spiel in Dillingen an diesem Samstag berichtete Wiese begeistert von seiner ersten Übungseinheit für den Verein: „Das war das erste Training seit dreieinhalb Jahren. Aber ich habe nichts verlernt“. Das Niveau in der achten Liga findet er trotzdem ansprechend. Im Übrigen: Die offizielle Wiese-Vorstellung sollte zunächst beim Hauptsponsor des Vereins stattfinden – einer Apotheke. Sie wurde dann nach Augsburg verlegt. In ein Restaurant für Pizza und Burger. Immer noch kein Scherz.

Tim Wiese
Vom Tor in den Ring
© Edgar Schoepal, F.A.Z.
Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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