Bundestrainer Christian Prokop

„Der Julian Nagelsmann des Handballs“

Von Rainer Seele
 - 19:41

Ein Mann im Schnee, mal mit einem Snowboard, mal mit einem Gewehr. Fünf Schüsse an einem Schießstand, vier Treffer, eine Art Biathlon-Übung. „Ausbaufähig“, sagt Christian Prokop, als „Biathlet“. Der Handballer Prokop hingegen ist mit dieser Trefferquote zufrieden, und darauf kommt es schließlich an. Prokop in einer Winterlandschaft: Diese Bilder waren kürzlich zu sehen. Es war eine Phase der Erholung für Prokop, ein Kräftesammeln für das, was von Samstag an mit dem ersten Spiel gegen Montenegro (17.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und im ZDF) auf ihn zukommt, auf den neuen Bundestrainer, auf die Nationalmannschaft, auf Handball-Deutschland generell. Prokop steht bei der EM in Kroatien vor seiner ersten großen Bewährungsprobe, und der Druck ist groß für den 39 Jahre alten Mann aus Köthen in Sachsen-Anhalt, den jüngsten Nationalcoach in der Geschichte des Deutschen Handballbundes (DHB).

Da sind, einerseits, die Fußstapfen des isländischen Vorgängers Dagur Sigurdsson, der Deutschland vor zwei Jahren in Polen auf den Gipfel des europäischen Handballs geführt hatte. Und da ist der Wunsch, nach den Dämpfern in der jüngeren Vergangenheit das Renommee wieder aufzufrischen. Die deutschen Männer waren bei der WM in Frankreich – unter Sigurdsson – früh gescheitert, die deutschen Frauen kamen unlängst – unter Michael Biegler – bei der Weltmesse auf heimischem Boden ebenfalls nicht wie geplant voran. „Wir wollen erfolgreicher sein als zuletzt“, sagt DHB-Präsident Andreas Michelmann. Es ist ein eindeutiger Auftrag für Prokop. Allerdings weiß auch Michelmann, dass die Deutschen, trotz des Rückschlages von Frankreich, jetzt anders wahrgenommen werden als damals in Polen bei ihrem überraschenden Coup. „Wir sind die Gejagten“, sagt Michelmann vor der Reise nach Zagreb, „mal sehen, wie das Treiben ausgeht.“

Handball-EM 2018: Spielplan, Ergebnisse, Termine

Prokop spricht vorläufig nicht von einer Medaille, schon gar nicht vom Titel. Obwohl sein Team, wie am Freitag beim 36:29 im Stuttgarter Test gegen Island und am Sonntag beim 30:21 gegen den gleichen Gegner in Neu-Ulm zu erkennen war, gut in Schuss zu sein scheint. Obwohl es offensichtlich besser besetzt ist als in Polen, wo unter anderen Kapitän Uwe Gensheimer wegen einer Verletzung gefehlt hatte. Jetzt ist der Linksaußen, der inzwischen sein Geld in Paris verdient, wieder dabei, und überhaupt kann Prokop personell aus dem Vollen schöpfen. Er nennt es eine Luxussituation. Und stand vor einer schwierigen Aufgabe: Nach dem zweiten Duell mit Island musste er vier Spieler aus seinem 20 Mann starken Kader streichen. Es traf Finn Lemke (MT Melsungen), Rune Dahmke (THW Kiel) und Fabian Wiede
sowie Marian Michalczik (GWD Minden).

Prokop betont, dass er über ein sehr homogenes Team verfüge und dass es in Kroatien als Gesamtpaket funktionieren müsse. „Wir haben nicht den einen Star, das ist ein Vorteil.“ Er sagt, dass er „modernen Handball“ spielen lassen wolle, aber es wird, wie auch bei Sigurdsson, nicht zuletzt auf eine zupackende Abwehr ankommen, als Basis für „leichte“ Tore. Damit hatten die Deutschen, die sich immer noch als „Bad Boys“ inszenieren, im Finale von Polen auch Spanien zermürbt. Eine berauschende, eine goldene Stunde für den deutschen Handball, der von Sigurdsson sozusagen wieder wachgeküsst worden war. „Die Messlatte ist hoch“, sagt Prokop, aber er mag die Erwartungen nicht weiter befeuern mit markigen Sprüchen. „Ich bin kein Freund von Parolen“, sagt er, „sondern von Teilzielen.“ Für das Turnier in Kroatien heißt das: den Fokus erst einmal auf die Vorrunde legen, auf die Gegner Montenegro, Slowenien und Mazedonien.

Die Deutschen dürften darauf vermutlich bis ins kleinste Detail vorbereitet sein. Das hat mit der sehr akribischen Arbeitsweise von Prokop zu tun, der die Widersacher mit großem Aufwand durchleuchtet. „Manchmal“, sagt der Berliner Torhüter Silvio Heinevetter mit einem Schmunzeln, „ist es vielleicht ein bisschen zu viel, aber das wird noch.“ Prokop ist damit so etwas wie ein Tiefenforscher des Handballs, ein Analytiker par excellence. „Er stellt an sich selbst höchste Ansprüche“, sagt der neue DHB-Sportdirektor Axel Kromer über den Stil Prokops, „er schont sich nicht.“ Zumal als ein Handball-Lehrer, der nun erstmals ein Nationalteam betreut. Der DHB war immerhin so sehr darauf erpicht, ihn zu verpflichten, dass er dem SC DHfK Leipzig, bei dem sich Prokop als Trainer einen Namen gemacht hatte, eine Ablösesumme von angeblich 500.000 Euro zahlte.

Der Aufsteiger Prokop wird nun gelegentlich sogar als „Julian Nagelsmann des Handballs“ bezeichnet. Kromer, einst Assistent von Sigurdsson, findet das „absolut okay“. Er weist jedoch auch darauf hin, eine Führungskraft wie Prokop nicht unbedingt als Hauptfigur eines Teams zu betrachten. „Er gibt den Rahmen vor, aber es geht einfach um die Spieler.“ Das scheint Prokop mit Verve zu beherzigen. „Er redet viel mehr mit uns als Sigurdsson“, sagt Torwart Andreas Wolff. Eine neue Form der Kommunikation also – und dazu, wie Kromer sagt, eine Rückkehr zu den deutschen Elementen speziell im Trainingsalltag. Während der Isländer Sigurdsson dazu neigte, eher „im Großen“ üben zu lassen und auf die Flexibilität seiner Sportler baute, setzt sein Nachfolger auf exakte Vorgaben, auch im Kleinen. „Er lebt mehr mit der Korrektur und der Wiederholung“, sagt Kromer über den Coach, den der DHB mit einem Fünf-Jahres-Vertrag ausgestattet hat.

Ein Stratege, ein Tüftler, ein frischer Baumeister. „Sigurdsson hat die Eisenbahn auf die Gleise gesetzt“, sagt DHB-Vizepräsident Bob Hanning, „der DHB hat die Häuser drum herum gebaut, die Liga die Bahnhöfe. Jetzt geht es darum, die Dinge zu verbinden.“ Und Prokop sei genau der Mann, „dem wir das zutrauen“. Einer, der schon als Spieler, unter anderem bei GWD Minden, mit ebenso klaren wie ungewöhnlichen Vorstellungen aufgefallen war. Wegen erheblicher Knieprobleme hatte Prokop sich einen Oberschenkel brechen lassen, um die Belastungsachse im Bein zu verändern. Außerdem versuchte er, den Wurfarm zu wechseln, von rechts auf links. Doch beides blieb ohne nennenswerte Wirkung. Frühes Ende der Laufbahn, ein schwerer Schlag für Prokop. Er hat ihn verschmerzt, auch weil sich eine neue Bestimmung finden ließ. Eine, von der sich der deutsche Handball sehnlichst wieder einen Volltreffer erhofft.

Die Handball-EM 2018 in Kroatien im Überblick

Die deutsche Mannschaft:

Tor: Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Andreas Wolff (THW Kiel)

Feld: Uwe Gensheimer (Paris St. Germain), Maximilian Janke (SC DHfK Leipzig), Julius Kühn (MT Melsungen), Paul Drux (Füchse Berlin), Steffen Fäth (Füchse Berlin), Philipp Weber (SC DHfK Leipzig), Kai Häfner (TSV Hannover Burgdorf), Steffen Weinhold (THW Kiel), Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Tobias Reichmann (MT Melsungen), Jannik Kohlbacher (HSG Wetzlar), Patrick Wiencek (THW Kiel), Hendrik Pekeler (Rhein-Neckar Löwen), Bastian Roschek (SC DHfK Leipzig)

Weitere Spieler des erweiterten 28er-Kaders:

Tor: Johannes Bitter (TVB 1898 Stuttgart), Carsten Lichtlein (VfL Gummersbach).

Feld: Rune Dahmke (THW Kiel), Marcel Schiller (Frisch Auf Göppingen), Finn Lemke (MT Melsungen), Marian Michalczik (TSV GWD Minden), Niclas Pieczkowski (SC DHfK Leipzig), Tim Kneule (Frisch Auf Göppingen), Fabian Wiede (Füchse Berlin), Franz Semper (SC DHfK Leipzig), Tim Hornke (TBV Lemgo), Erik Schmidt (Füchse Berlin)

Die Gruppenspiele der Deutschen: Samstag, 13. Januar: Deutschland – Montenegro in Zagreb (17.15 Uhr) Montag, 15. Januar, Slowenien – Deutschland in Zagreb (18.15 Uhr) Mittwoch, 17. Januar, Deutschland Montenegro in Zagreb (18.15 Uhr).

Die Favoriten: Deutschland geht zwar als Europameister von 2016 ins Turnier, die besten Chancen auf den Titelgewinn aber haben Frankreich und Dänemark um ihre Superstars Nikola Karabatic und Mikkel Hansen. Kroatien wird vom Heimvorteil profitieren.

Die TV-Übertragungen: Alle Spiele des deutschen Teams werden von ARD und ZDF übertragen. Alle Spiele ohne deutsche Beteiligung werden im Live-Stream bei Sportdeutschland.tv und Handball-Deutschland.tv ausgestrahlt.

Quelle: F.A.S.
Rainer Seele
Sportredakteur.
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