Berlin-Marathon

Flipflops statt Laufschuhe

Von Michael Reinsch, Berlin
 - 12:21
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Von weitem sah der Marathonläufer aus wie Hermes, der Götterbote: Mit Flügelchen an den Fersen, so wirkte es, strebte Eliud Kipchoge dem Ziel am Brandenburger Tor zu, getragen von neongelben Schwingen. In Wirklichkeit aber schwebte der kenianische Laufprofi nicht, sondern stampfte, am Sonntagmorgen kurz nach elf, der verlorenen Zeit hinterher. Sein Rennen gegen die Uhr war verloren, sein Versuch, den Weltrekord von 2:02:57 Stunden zu unterbieten, gescheitert.

Fast eine Minute Rückstand hatte er auf die Bestzeit von Dennis Kimetto vom Berlin-Marathon des vergangenen Jahres, und mit jedem seiner schweren Schritte die Linden hinunter wurde die Lücke größer. Nach 2:04:01 Stunden war Kipchoge im Ziel, und damit hatte er, der Sieger von Chicago 2014 und von London 2015, bei kühlem und sonnigem, also idealem Wetter den Weltrekord um 64 Sekunden verpasst und selbst den Trostpreis von 15.000 Euro Zeitprämie um zwei Sekunden. Lediglich um vier Sekunden verbesserte er seine persönliche Bestzeit, und statt die Nummer eins der Weltrangliste zu werden, wie angestrebt, ist der 5000-Meter-Weltmeister von Paris 2003 – nach dem fünften Sieg in seinem sechsten Marathon – immer noch die Nummer neun. Gut zwölf Kilometer lief er allein. Keiner der drei Tempomacher für die Spitzengruppe hatte bis Kilometer dreißig durchgehalten, wo er attackierte.

Rennen in der Hauptstadt
Berlin-Marathon mit etwa 40.000 Läufern
© dpa, reuters

Die vermeintlichen Götterschwingen, die um Kipchoges Knöchel flatterten, entpuppten sich als die Innensohlen seiner Schuhe. Sie rutschten hoch und seitlich aus den Schuhen heraus. Es half nicht, dass sie mit den Schriftzügen „Eliud“ und „Berlin-Marathon“ als Spezialanfertigung ausgewiesen waren. Indem sich die Laufschuhe in Flipflops verwandelten, vereitelten sie Kipchoges Mission Weltrekord. „Ich hatte vom ersten bis zum letzten Kilometer Probleme. Selbstverständlich hätte ich schneller laufen können“, sagte der Athlet im Ziel und beschrieb seinen ungedämpften Auftritt auf den 42,195 Kilometern so: „Meine Füße schmerzten sehr auf der harten Straße. Und ich hatte keine Zeit, die Sohlen herauszuziehen.“

An Sieg- und Zeitprämie kamen immerhin 55.000 Euro für ihn zusammen – kein Vergleich zu den 120.000, die mit dem Weltrekord gekommen wären. Zweiter wurde, 1:21 Minuten zurück, Kipchoges Landsmann Eliud Kiptanui, als Dritter kam, in 2:06:57 Stunden, der Äthiopier Feyisa Lilesa ins Ziel. Er wolle wiederkommen, versprach Kipchoge, um dann aber wirklich Weltrekord zu laufen. Doch nächstes Jahr hat er andere Pläne: „Ich werde nächstes Jahr einen großen Frühjahrs-Marathon laufen, aber mein wirkliches Ziel sind die Olympischen Spiele.“ Auch an seinen Ausrüster hatte er sich schnell besonnen. „Für mich war das kein guter Tag heute“, behauptete er. „Aber die Schuhe sind gut.“

Philipp Pflieger dagegen war „extrem glücklich“ mit seinem 16. Platz in Berlin und vor allem mit seiner Zeit von 2:12:50 Stunden. Im vergangenen Jahr bei seinem Marathon-Debüt in Frankfurt zusammengebrochen, etablierte sich der 28 Jahre Regensburger am Sonntag in Berlin als Nummer zwei in Deutschland hinter Arne Gabius, der im vergangenen Jahr in Frankfurt 2:09:32 Stunden lief. Die Norm des Weltverbandes für die Olympiaqualifikation, 2:17 Stunden, hat er damit, wie auch Julian Flügel (Roth) in 2:13:57, deutlich unterboten.

Doch der Deutsche Leichtathletikverband macht die Olympia-Nominierung davon abhängig, dass der Läufer diese Marke um mindestens 4:45 Minuten unterbietet. Pflieger, der im vergangenen Jahr monatelang vergeblich der Norm für die Europameisterschaft in Zürich hinterher rannte und über 10.000 Meter fünf Sekunden unter der europäischen, aber eben auch fünf Sekunden über der deutschen Norm blieb, sieht deshalb auch seinen Traum von der Olympiateilnahme gefährdet. „Man hat den Eindruck“, sagte er in Berlin, „dass der Verband Läufer nicht dabei haben will.“

Als in der Pressekonferenz nach dem Lauf berichtet wurde, wie Chef-Bundestrainer Idriss Gonschinska im VIP-Fahrzeug mitgefiebert und ausgerufen habe, dass die deutschen Läufer das Rennen hoffentlich nicht zu schnell angingen, da durchfuhr es Pflieger. „Aber der Verband ist es doch, der die Norm setzt und uns dazu zwingt, das Rennen so schnell anzugehen“, rief er. „In anderen Ländern nehmen sie die drei Besten mit, wenn sie die internationale Norm erfüllen.“

Ins gleiche Horn stieß Flügel. „Der Verband sollte sein Kontingent ausschöpfen und zum ersten Mal seit sechzehn Jahren, seit den Olympischen Spielen von Sydney Marathonläufer mitnehmen“, forderte er. Sowohl der Belgier Florent Calaen, der sechs Sekunden vor ihm ins Ziel kam, wie der Schweizer Christian Kreienbühl, der es gleichzeitig mit ihm erreichte, haben sich damit für Rio qualifiziert. Flügel und Pflieger dagegen scheinen längst nicht am Ziel.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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