Leichtathletik-WM
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Wie eine Deutsche die Sprint-Welt elektrisiert

Von Michael Reinsch, London
© AFP, F.A.Z.

Gina Lückenkemper hat die Welt des Sprints elektrisiert. „Jeder Schritt, den ich gemacht habe, wurde akribisch beobachtet, von Gegnerinnen, von Trainern“, berichtete sie begeistert vom Aufwärmplatz, nachdem sie im Vorlauf der Weltmeisterschaft von London die 100 Meter in 10,95 Sekunden gelaufen war. „Ich würde sagen: Ich habs geschafft. Wenn andere sich vor ihren Rennen mehr mit mir beschäftigen als ich, habe ich alles richtig gemacht.“

Die deutsche Frauen-Staffel ist eine Sensation. Bundestrainer Ronald Stein verhehlt nicht seinen Stolz, mit den „Mädels“, wie er sie nennt, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. „Das ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass eine deutsche Nationalstaffel, wie auf den Bahamas, alle anderen schlägt. Spätestens seitdem beobachten alle, welchen Aufwand wir treiben, dass wir alles, was man biomechanisch auswerten kann, auch auswerten.“

In der Karibik gewann das deutsche Quartett bei den World Relays im April die 4×100 Meter in 42,84 Sekunden vor den Jamaikanerinnen (42,95) und Chinesinnen (43,11). Das Team bestand aus Tatjana Pinto, Lisa Mayer, Alexandra Burghardt und Rebekka Haase. In dieser Woche lag Startläuferin Tatjana Pinto flach, weil sie sich mit dem Norovirus infiziert hatte. Und Gina Lückenkemper, die auf den Bahamas zwar in der Staffel über 4x200 Meter auf den zweiten Platz lief, dann aber erkältet ausfiel, hat sich als unverzichtbar erwiesen.

Präzise Wechsel und schnelles Rennen

Sie soll an Position drei laufen, durch die zweite Kurve auf die Zielgerade. „Das ist schon etwas Besonderes, dass eine weiße deutsche Läuferin eine 10,95 auf die Bahn gepflastert hat“, schwärmt Stein. Da schauten zwar alle, doch Favorit sei sein Team nicht. „Wenn die Jamaikanerinnen mit Elaine Thompson am Schluss gelaufen wären, wären wir Zweite geworden“, sagt er über das Fehlen der Doppel-Olympiasiegerin von Rio auf den Bahamas. „Und dass eine Amerikanerin stürzt beim Wechsel, so was passiert.“ Aber natürlich ist es nicht Glück allein, dass die deutschen Sprinterinnen bei der inoffiziellen Staffel-Weltmeisterschaft auf die Pole Position für die wirkliche Weltmeisterschaft liefen.

Im Team-Wettbewerb können sie bei den Wechseln ein bis zwei Zehntelsekunden gutmachen auf Teams mit stärkeren Sprinterinnen. „Die Staffel auf den Bahamas war schon brutal stark“, sagt Gina Lückenkemper über ihr Team und verspricht für das Finale an diesem Samstag (22.30 Uhr / Live im ZDF und bei Eurosport): „Ich glaube, dass wir unfassbar schnell werden.“ Im Halbfinale klappte das am Samstagmorgen schon gut: In ihrem Halbfinale liefen die Deutschen in 42,34 Sekunden die schnellste Zeit vor Jamaika (42,50). Im anderen Lauf waren nur die Vereinigten Staaten (41,84) und Großbritannien (41,93) schneller.

Die deutschen Sprinterinnen wechseln nicht nur präzise, sie rennen auch schnell. Lisa Mayer, an Position zwei auf der Gegengeraden im Einsatz, hat sich über 200 Meter auf 22,64 Sekunden verbessert. Beim Test in Hengelo, das zeigen Steins Messungen, lief sie schneller als die viermalige Sprint-Europameisterin Dafne Schippers aus den Niederlanden. Rebekka Haase hat sich in diesem Jahr auf 11,06 Sekunden im Sprint verbessert und erreichte mit einem Vorlaufsieg in 22,99 Sekunden das 200-Meter-Halbfinale der WM.

Zum Erfolg mit einer Neun-Volt-Batterie

Wenn also kaum ein Defizit gutzumachen ist, könnten die deutschen Läuferinnen womöglich wirklich einen Vorsprung durch Technik erwerben. „Ich durfte nicht sowohl die 100 als auch die 200 Meter laufen wegen der Staffel“, sagte Rebekka Haase über die Konzentration auf die Mannschaft. „Wäre auch blöd, wenn man sich hier die Hacken rundläuft, und in der Staffel fehlen dann zwei, drei Hundertstel.“

„Wenn es im Einzel nicht läuft, bin ich für mich allein verantwortlich“, sagt Gina Lückenkemper. „Wenn es in der Staffel nicht läuft, versage ich fürs ganze Team. Aber es macht unfassbar viel Spaß, wenn es klappt.“ Da mögen die anderen in London noch so sehr auf sie schauen: Im deutschen Fernsehen verriet die Sprinterin aus Westfalen, wie sie sich in Schwung bringt. Ihr Neuroathletik-Trainer Lars Lienhardt habe ihr beigebracht, gelegentlich an einer Neun-Volt-Batterie zu lecken. Die Zunge sei stark mit dem Gehirn vernetzt, so könne sie das Nervensystem im ganzen Körper ansprechen. „Wie kann man die Zunge besser aktivieren“, fragte sie, „als wenn man sie ein paarmal schockt?“

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Quelle: F.A.Z.
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