Wayde van Niekerk

Der neue Usain Bolt?

Von Michael Reinsch, London
 - 17:50

Er träumte davon, Fußballstar zu werden. Dann kam ein Talent-Scout an seine Schule und sagte, er solle Läufer werden. Okay, dachte er, mach ich. Er begann davon zu träumen, die 100 Meter zu sprinten. Dann kam er zu einer weißhaarigen Trainerin, die sagte, er solle erst mal die ganze Runde laufen. Okay, sagte er und begann für die wohl härteste Disziplin der Leichtathletik zu trainieren: die 400 Meter.

Seit Rio de Janeiro ist Wayde van Niekerk Olympiasieger auf dieser Strecke und hält den phantastischen Weltrekord (43,03 Sekunden), 15 Hundertstelsekunden unter dem ebenso phantastischen Weltrekord von Michael Johnson von der Weltmeisterschaft 1999 in Sevilla. Bei der WM in London tritt er an, seinen Titel von Peking 2015 zu verteidigen; der Endlauf ist an diesem Dienstag. Zusätzlich startet der 25-Jährige aus Kapstadt über 200 Meter. Das Finale ist am Donnerstag.

Ob sie wirklich eine Chance sehe, wird Ans Botha, seine Trainerin, gefragt, dass van Niekerk beide Titel gewinne – eine Leistung, die nur einem einzigen Läufer ein einziges Mal gelang: Johnson bei der WM in Göteborg 1995. „Wissen Sie, man arbeitet nicht für eine Bronzemedaille“, erwidert die 75-Jährige in aller Ruhe. „Dies ist das Ziel, der Traum: Man arbeitet für die Goldmedaille.“

Sie kennt sich aus im Spitzensport. Vor mehr als zwanzig Jahren trainierte sie Frankie Fredericks aus Namibia, der einmal Weltmeister wurde über 200 Meter und bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sieben Silbermedaillen gewann. So erfolgreich Fredericks war, van Niekerk ist ein anderes Kaliber.

In diesem Sommer hat er, bei einem Rennen in Slowenien, seine Bestzeit über 100 Meter von 9,98 auf 9,94 Sekunden verbessert. Als er einige Wochen im Camp von Usain Bolt auf Jamaika trainierte, trat er in Kingston zu einem Rennen an und lief die 200 Meter in 19,84 Sekunden, südafrikanischer Rekord. In Ostrava gab ihm der Veranstalter die Chance, mit dem Sieg (30,81 Sekunden) über 300 Meter eine phänomenale Reihe aufzustellen: Er ist der einzige Mensch der Welt, der die 100 Meter unter zehn Sekunden, die 200 unter zwanzig, die 300 unter 31 und die 400 Meter unter 44 Sekunden gelaufen ist.

Bei den Olympischen Spielen von London 2012 fehlte der neunzehnjährige van Niekerk. „Ich war verletzt und sah, was die anderen hier tun. Da habe ich mir vorgenommen, in Rio Olympiasieger zu werden“, erzählt er mit einer Gelassenheit, als spreche er von einem Ausflug. „Bei der WM in Peking 2015 wäre ich mit dem Erreichen des Finales zufrieden gewesen, und auf einmal hatte ich eine Goldmedaille. Rio sollte meine Goldmedaille werden, auf einmal hatte ich sie ein Jahr früher.“ Deshalb habe er bei den Spielen seine Leistung bestätigen wollen. „Jetzt bin ich im dritten Jahr, in dem ich übertreffen will, was ich im Jahr vorher geleistet habe“, erklärt van Niekerk seinen Ehrgeiz. „Deshalb habe ich für die 400 und die 200 gemeldet.“

„Die 400 mag ich nicht wirklich“

Offenkundig ist er dabei, sich in den Distanzen abwärts zuarbeiten. „Ich arbeite an meinen 100 und 200 Metern, das ist meine erste Liebe im Sport“, sagt er. „Die 400 mag ich nicht wirklich. Aber sie haben mich hier hergebracht; ich sollte sie nicht geringschätzen.“ In den nächsten Jahren wird er auch bei Meisterschaften im Sprint auf der kurzen Geraden antreten und, wenn es nach ihm geht, auch in der südafrikanischen 4×100-Meter-Staffel starten. Wird er der neue Bolt? „Ich würde niemals sagen, dass er der neue Bolt ist“, sagt die Trainerin.

„Sie sind verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten.“ Van Niekerk selbst gibt sich geschmeichelt von der Aussicht, dass er die großen Fußstapfen füllen soll, die der Über-Läufer Bolt mit seinem Abschied vom Sport hinterlässt. „Ich habe im Internet die Schlagzeile gesehen: Usain ist der König, und Wayde ist sein Prinz“, erzählt er. „Das war ein cooler Moment.“

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Doch als wollte er demonstrieren, dass der große, stille Südafrikaner kein Ersatz für den noch größeren, vor Selbstbewusstsein strotzenden Lautsprecher Bolt ist, gelang es Sponsor Adidas bei der Vorstellung in London nicht, das Mikrofon des Helden einzuschalten: van Niekerk unplugged. So sprach er dann leise, wie das seine Art ist, über sich. Wie er als Junge allein von seinem Talent lebte. Wie er bei der Junioren-WM 2010 in Kanada zum ersten Mal sein Land vertrat und realisierte, dass er ein erfolgreicher Athlet werden könnte.

Und wie er zwei Jahre später die Zusammenarbeit mit Ans Botha begann, die ihn wegen seiner vielen Verletzungen den explosiven Geschwindigkeiten der kurzen Sprints nicht aussetzen wollte. Ob er denn in Topform sei, wurde van Niekerk gefragt. Da müsse er zwei Antworten geben, sagte er: „Was die Saison angeht, bin ich in meiner besten Form. Aber was meine Karriere angeht, kann ich noch viel wachsen.“

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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