Kommentar

Gatlin und das Doping-Erbe

Von Michael Reinsch
 - 21:12

Die Wahrheit ist auf dem Platz? Erfolg ist die einzige Währung, die zählt? Das Publikum der Leichtathletik-Weltmeisterschaft will sich darauf nicht einlassen und buht den neuen Sprint-Weltmeister Justin Gatlin aus. Gerade die Leichtathletik beweist, dass man seinen Augen nicht trauen darf und schon gar nicht den Zahlen, auf denen das Urteil über Erfolg oder Misserfolg in dieser Sportart basiert.

Wie zur Warnung werden, bevor in London am Abend die Wettkämpfe beginnen, Siegerehrungen vollzogen. Mal steht ein einziger Athlet auf dem Podium, womöglich an der Seite, mal drängen sich ganze Staffeln auf dem Treppchen. Der Weltverband der Leichtathleten versucht, die Vergangenheit zu korrigieren und denen gerecht zu werden, die Opfer von Lug und Betrug wurden. 31 Athleten, die von Dopern betrogen wurden, erhalten bei dieser WM nachträglich Medaillen.

Das ist, wie jeder weiß, nur ein Bruchteil von Gerechtigkeit. Doch die Leichtathletik, Kern der Olympischen Spiele, trägt die Geschichte von systematischem Doping im DDR-Sport und im Ostblock mit sich, die Historie systematischen Dopings in der alten Bundesrepublik und anderen Staaten des Westens, die Geschichte von Balco in den Vereinigten Staaten und Staats-Doping in Russland. Wie schwer sie daran trägt, machte Thomas Bach deutlich, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), als er in London gefragt wurde, warum Leichtathletik-Präsident Sebastian Coe noch immer nicht Mitglied des IOC sei.

Bach erinnerte daran, dass dessen Verband, die IAAF, tief verstrickt war in die Machenschaften aus Doping, Schutzgelderpressung und Stimmenhandel, die weit über Russland hinausreichen. Coe habe ihm gesagt, er wolle deshalb das eigene Haus in Ordnung bringen und keine Aufgabe im IOC. Coe widersprach nicht. Schließlich arbeitet die Polizei verschiedener Ländern seit Jahren daran, festzustellen, ob und wie der einstige Leichtathletik-Präsident Lamine Diack und seine Familie Weltmeisterschaften verschoben und wohl auch Stimmen für die Vergabe von Olympischen Spielen verkauft haben. Coe war acht Jahre dessen Vizepräsident gewesen.

Sein Unbehagen an unsichtbaren und zerstörerischen Machenschaften in seinem Sport lässt das Publikum, nicht zu Unrecht, an dem Mann aus, der sich seit Samstag Weltmeister nennen darf – zumal er Publikumsliebling Usain Bolt besiegt hat. Gatlin sollte Buhrufe und Beschimpfungen nicht persönlich nehmen. Selbstverständlich entspricht es den Regeln, dass er nach zwei Doping-Sperren wieder starten darf. Doch er hat nie öffentlich Reue gezeigt und steht nun stellvertretend für all diejenigen, die von der großen Bühne des Sports entfernt wurden. Und für die, die noch entfernt werden müssen.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenJustin GatlinSebastian CoeThomas BachLondonIOCSprint Nextel