Leichtathletik-WM

Thomas Röhler und die Kraft der Innovation

Von Anne Armbrecht, Jena
 - 17:13
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Ab hier geht‘s nur noch in Pantoffeln weiter. Der Teppich aus blauem Tartan gehört ja zu Thomas Röhlers guter Stube: Seinem Jenaer Wohnzimmer – der Laufhalle. Statt mit Speeren zu jonglieren, balanciert der Hausherr auf der Slackline. Dann ein paar tänzelnde Anläufe auf der Bahn, und das war es für heute. Noch einmal aktiv entspannen daheim, bevor an diesem Donnerstag für die Speerwerfer mit der Qualifikation die Weltmeisterschaft beginnt.

Röhler ist guter Dinge. Das wechselnde Wetter in London macht ihn ebenso wenig nervös wie die verlorene deutsche Meisterschaft vor Wochenfrist. Oder der deutsche Rekord, den er seit den 94,44 Metern von Luzern nicht mehr sein Eigen nennt. Beides ging an Johannes Vetter. Der Konkurrent aus den eigenen Reihen scheint die größte Gefahr, wenn es darum geht, dem Olympiasieger von Rio das ersehnte Gold streitig zu machen. Röhlers Topwert liegt noch immer bei 93,90 Metern vom Saisonstart aus der Wüste. Er zuckt mit den Schultern. „Sieben zu vier“, sagt er nur, steht es nach Siegen zwischen ihm und dem Dresdner Vetter in dieser Saison. Damit ist alles gesagt. Röhler plauscht noch ein wenig mit seinem Trainer. Dann geht es raus in den Regen zur Mittagspause.

Das Selbstvertrauen kommt nicht von ungefähr. Genau gesagt kommt es aus einer Zeit, als ein kleiner Blondschopf, Sohn eines Trockenanglers und einer Turnerin, gar nicht wusste, wie das ist: zu gewinnen. Als ein kleiner Junge, der in den Ferien Steine in die Ostsee schnippte, bei Schülerwettkämpfen immer nur neben dem Podest landete. „Es gab eine Zeit, in der ich immer Vierter wurde. Jedes Mal! Klar hab ich geheult. Aber das hat mich ehrgeiziger gemacht – und widerstandsfähiger.“ Heute im Alter von 25 Jahren profitiert er davon. Das mache ja auch den Sport aus: dass man mit Niederlagen umzugehen lernt und sie ins Positive dreht.

Es geht ums Grundvertrauen in die eigene Leistung. Eltern verkennten das heute immer öfter, behauptet er. Etwa, wenn sie versuchten, die Kleinen vor Enttäuschung zu bewahren – und stattdessen Medaillen für alle forderten. Oder im nachhaltigen Streben implizit Betrug fürchteten. Die Skepsis ist da bei jedem Spitzenresultat. Nicht nur wegen anhaltender Diskussionen um russisches Staatsdoping. Auch wegen der Geschichte des eigenen Standorts. Jena war schon zu DDR-Zeiten Leichtathletik-Hochburg. Damals produzierte der VEB Jenapharm die „unterstützenden Mittel“ nur ein paar Speerwürfe vom Sportforum entfernt. Auch Röhler weiß, wie damals Rekorde entstanden. Unter den Eltern der Talente von heute sind auch solche, die es selbst noch erlebt haben – den Drill und das Doping an der KJS. Und Petra Felke, Speer-Olympiasiegerin von 1988, trainiert heute den Nachwuchs.

„Es ist unsere Aufgabe zu zeigen, hier und heute läuft es anders“, sagt Thomas Röhler. Ehrlich sein zu den Eltern. Sie nicht vor der verschlossenen Tür zurücklassen. Und wenn dann eben 50 Väter und Mütter an der Seite stehen. „Topathleten sind keine Geister, sondern greifbar. Wir schwitzen, wir tun uns weh, haben mal ein Pflaster am Finger.“ Oder einen blauen Fleck in der Armbeuge, vom Piekser der Dopingkontrolle vergangene Nacht. Dreimal kamen sie allein in der zurückliegenden Woche. Ginge es nach Röhler, könnten sie ihn jeden Morgen aus den Federn holen. Wenn sich so nur die Glaubwürdigkeit des Sports wieder herrichten ließe. Aber so leicht ist das eben nicht.

Das Thema verhagelt Röhler die Laune. Auch jetzt in seinem Lieblingscafé, in Sichtweite des Jentowers, der, das Stadtbild dominierend, aus der Ferne ein bisschen ausschaut wie eine Keksrolle. Eigentlich sollte es mal ein Fernglas werden. Jena, die Optikerstadt, mit Abbe, Schott, Zeiss. Stadt der Wissenschaft. Lichtstadt. Die Titel gab es alle schon. Auch Röhler versucht es vor allem mit Innovation – so lautet seine Antwort auf Doping. Vor kurzem hat er mit Bewegungsforschern der Uni Jena ein Forschungsprojekt zu Faszien begonnen. Über die wisse man noch sehr wenig in der Sportwissenschaft, sagt er. Bislang hielt man sie eher für passiv. Aber: „Die Struktur kann mehr als nur rumliegen und Muskeln umhüllen“, ist Röhler sicher. Die Idee entstand aus dem Training heraus. „Was Schmerzsignale melden kann, kann man auch aktiv ansteuern.“ Und damit gezielt nutzen.

Seine Blackroll hat er auf allen Reisen im Handgepäck. Er nutzt auch Magnetfeldtherapie für die Regeneration; Flugkurvenkalkulation und Berechnung der Anlaufgeschwindigkeit sind selbstverständlich. Röhler plant alles genau: Wie viel Risiko bringt wie viel Weite? Die 100 Meter hält er für machbar. Neuerdings kommt auch eine Drohne im Training zum Einsatz. Die Draufsicht soll helfen, um den Bewegungsablauf beim Wurf weiter zu optimieren. Ein Physikstudium scheiterte einst am Stundenplan. Wirtschaft hat er inzwischen mit Eins abgeschlossen.

Röhler ist ein Tüftler. Seit Kindestagen begleitet ihn das Interesse an komplexen Fragen, die Neugier – der Mut, Dinge zu probieren. Nicht das härteste, „das cleverste Training“ ist es, das Erfolg bringt, davon ist er überzeugt. Doch bei allem Ehrgeiz braucht es auch Entschleunigung. Zuletzt ging er fast täglich Angeln, mal eine Stunde, manchmal zwei. Die Saale fließt direkt vor der Tür. In Jena ist zwar kaum etwas zu fischen. Doch darum geht es ihm nicht, wenn er am Ufer zwischen Brombeersträuchern und Kletten hockt. Es ist einfach das In-sich-ruhen. Neulich, erzählt er, schwamm sogar ein Biber vorbei. Und das ist es ja auch überhaupt, was seine Heimat für ihn ausmacht. „Egal, wo du bist – es sind zehn Minuten zu Fuß, und schon stehst du im Grünen.“ Oder oben, auf den Kernbergen, zum Wandern auf Muschelkalkfels. Es ist diese Kombination aus Lebendigkeit, Natur und Ruhe. Jena ist eine Studentenstadt. Von den 100000 Einwohnern ist gut ein Viertel an der Uni eingeschrieben.

Röhler will hier nicht weg. „Ich bin hier aufgewachsen. Klar will ich der Stadt etwas zurückgeben.“ Es stand um den Sport in Jena auch schon mal schlechter. Der FC Carl Zeiss hat sich jüngst in der dritten Fußball-Liga zurückgemeldet. Im kommenden Jahr soll es endlich ein neues Stadion geben. Auch der LC, nach dem schlimmen Hochwasser vor vier Jahren noch am Rande der Existenz, wächst immer weiter. „Vor Nachwuchs können wir uns derzeit kaum retten“, sagt Röhler. Das hat freilich auch mit ihm zu tun. Als Olympiasieger klappert er Woche für Woche die Grundschulen ab. Mit seinen Streichholztricks hat er schon manches Kind aus der Halle zum Verein gelockt.

Jetzt also London. Einen kleinen Plüschbär hat er als Glücksbringer bei sich. In Rio war es ein gehäkeltes Chamäleon. „Der Familie fällt immer etwas Neues ein“, sagt Röhler und lacht. Eltern und Freundin werden ihn von der Tribüne unterstützen. Und auch der Lieblingsspeer ist im Gepäck: der lila-weiß geringelte Schwede. „Auf den ist bei allen Wettern Verlass“, behauptet Röhler. Beim britischen Wetter weiß man ja nie.

Quelle: F.A.Z.
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